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Carl Wilhelm
Fürst einer neuen Epoche

Prinz Carl Wilhelm kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt auf die Welt. Gerade erst war der Dreißigjährige Krieg beendet, die deutschen Lande lagen auf allen Gebieten darnieder. Doch als dritter Regent der Linie Anhalt-Zerbst sollte er seinem kleinen Land zu neuer Blüte verhelfen. In Deutschland brach die Zeit des Barock an.
Der Vater von Carl Wilhelm, Fürst Johann von Anhalt-Zerbst (1621-1649) regierte das kleine Land 26 Jahre lang. Er hatte noch im Jahr seiner Geburt seinen Vater verloren und verbrachte die Jugend kriegsbedingt in Wittenberg, später in Oldenburg, der Heimat seiner Mutter Magdalene (1585-1657). Zu dieser Zeit führte seine Mutter vormundschaftlich die Regierung. Erst mit seiner Volljährigkeit und der damit verbundenen Einsetzung als Regent kehrte er 1642 nach Zerbst zurück.
Noch immer wütete der lange Krieg, der seine verheerenden Spuren vielerorts hinterließ. 1626 hatte Ernst von Mansfeld Zerbst erobert und zog raubend und mordend durch die Stadt. Ganze Straßenzüge wurden ein Opfer der Flammen. Doch damit nicht genug. Nach gewonnener Schlacht an der Elbbrücke zwischen Roßlau und Dessau kam Albrecht von Wallenstein nach Zerbst und wütete hier ebenso.
Wirtschaft, Handel und das kulturelle Leben kamen völlig zum Erliegen. 30 Prozent der Stadtbevölkerung verlor, auch durch die Pest, ihr Leben. So blieb zu Beginn der Regentschaft von Fürst Johann recht wenig, was regiert werden konnte. Viele Leute blieben sogar seiner Huldigung fern, da sie "wegen des erlittenen schweren Kriegsschadens und daher entstandenen Mangels nicht der Gebühr nach mit gehöriger Montierung erscheinen können", wie es der Chronist Beckmann vermeldet.

  Carl Wilhelm Fürst Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst
So fristete die Familie ihr Dasein unter recht bescheidenen Verhältnissen. Aus der Ehe mit Sophie Auguste (1630-1680), eine geborene Prinzessin von Holstein-Gottorp, gingen insgesamt 14 Kinder hervor. Von den zehn männlichen und vier weiblichen Nachkommen, einer recht beachtlichen Zahl, erreichten jedoch durch die hohe Sterblichkeitsrate, die auch vor Burgen und Schlössern nicht Halt machte, nur fünf das Erwachsenenalter. Die ersten beiden Prinzen des Fürstenpaares, Johann Friedrich (geboren 1650) und Georg Rudolf (geboren 1651), wurden kein Jahr alt. So avancierte der Drittgeborene, Carl Wilhelm, zum Erbprinzen. Er erblickte am Morgen des 16. Oktober 1652 zwischen 7 und 8 Uhr auf der Zerbster Burg das Licht der Welt. Noch am gleichen Tag fand die Taufzeremonie statt.
Ein Jahr darauf wurde Anton Günther (1653-1714) geboren. Er vermählte sich am Neujahrstag 1705 in Zerbst mit Augusta Antonia von Biberstein (1659-1736), einer Tochter des Magdeburger Domherrn und Marschalls von Biberstein. Im selben Jahr bezog die Familie Schloss Großmühlingen, das sein Bruder Carl Wilhelm für ihn erbaut hatte. In der dortigen Kirche fand das Paar auch seine letzte Ruhestätte.
Der Bruder von Carl Wilhelm hatte sich früh dem Militär verschrieben. Bereits 1674 nahm er mit seinem jüngeren Bruder Johann Adolf an den französischen Kriegsbewegungen teil, zwei Jahre später begaben sie sich zur Reichsarmee. Zusammen unternahmen sie Reisen in die Niederlande, nach Dänemark, England, Schweden, Polen, Sachsen, Italien und in die Schweiz. Auch beim Entsatz von Wien vor den Türken 1683 war Anton Günther unter Fürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau (1627-1693) mit dabei. So brachte er es in den Diensten des Brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. (1657-1713) - des späteren Königs Friedrich I. in Preußen -, des Königs von Großbritannien und anderer im Rang eines Generalleutnants zu hohem Ansehen.
Der nächstgeborene, Johann Adolf (1654-1726), blieb unverheiratet und hatte sich ebenfalls dem Militär verschrieben. Innerhalb der Zerbster Burg bewohnte er ein eigenes Haus im Westen der Anlage, das noch aus dem 15. Jahrhundert stammte und von Fürst Magnus errichtet wurde. Später entstand hier der Westflügel des Schlosses mit Kapelle.
Der Begründer der Nebenlinie Anhalt-Zerbst-Dornburg [1] Johann Ludwig (I.) kam 1656 auf die Welt. Er vermählte sich 1687 mit Christiane Eleonore von Zeutsch (1666-1699). Aus der Ehe gingen zahlreiche Nachkommen hervor. In Italien besuchte Johann Ludwig die bedeutenden fürstlichen Höfe und auch den Papst. Er war sehr gebildet und beherrschte die französische, italienische und spanische Sprache fließend. Im Jahre 1704 verstarb Johann Ludwig auf seinem Besitz, der Burg in Dornburg. Seine Gemahlin hatte ihn schon fünf Jahre zuvor, im Alter von nur 32 Jahren, ebenfalls dort verlassen. Beide ruhen noch heute in der eigens für die Nebenlinie angelegten fürstlichen Gruft unter dem Altar der St. Trinitatiskirche. Die anderen Geschwister von Carl Wilhelm - Joachim Ernst (1657-1658), Magdalena Sophia (1658-1659), Friedrich (1660) und Hedwig Maria Eleonora (1662) - erlebten zum Schmerz ihren Eltern ihren ersten Geburtstag nicht.
Das elfte Kind, Sophia Augusta (1663-1694), wurde 1685 mit Johann Ernst II. von Sachsen-Weimar (1664-1707) vermählt. Doch die "gute Partie" währte nicht lange. Mit 31 Jahren schied auch sie aus dem Leben und fand in der Weimarer Fürstengruft ihre letzte Ruhe.
1664 hatte Fürstin Sophie Auguste eine Totgeburt. Prinz Albrecht, 1665 geboren, erhielt am Tag seiner Geburt die Taufe, verschied jedoch noch an selbigem. Das letzte, 1666 geborene Kind des Fürstenpaares, Augustus, wurde kein Jahr alt und starb im gleichen Jahr wie sein Vater Johann.
Prinz Carl Wilhelm verbrachte seine Kindheit in Zerbst. Zu dieser Zeit stand das prächtige Barockschloss noch nicht. Unter recht einfachen Bedingungen lebte er mit seinen Eltern, Geschwistern und dem gesamten Hofstaat auf der Burg. Die Anlage, die noch aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammte, war im Dreißigjährigen Krieg stark vernachlässigt worden. Zu dieser Zeit wohnte auch kein Angehöriger der fürstlichen Familie hier. Die einzelnen Gebäude waren teilweise dem Verfall preisgegeben und dem Einsturz nahe. Gelder für Reparaturen standen nur sehr begrenzt zur Verfügung. Die Räumlichkeiten entsprachen kaum einer würdigen Hofhaltung. Doch noch war nicht an umfangreiche Ausbesserungen oder gar an einen Neubau zu denken.
Die Erziehung des Prinzen und dessen gründliche Ausbildung begannen schon in jungen Jahren. Zahlreiche Personen nahmen nacheinander diese Aufgaben am fürstliche Hof wahr. Nicht die Mutter war mit der Erziehung betraut, sondern ein Herr von Pröck und Hans Georg von der Marwitz, der später Hochfürstlicher Geheimer Rat und Hofmarschall wurde. Diese Verfahrensweise war zu der Zeit üblich. Als Lehrer fungierten Christoph Clausi, der Pastor in Möckern wurde, Johann Jacobi, der spätere Superintendent in Gommern, Leisnigk und Meißen sowie M. Clusi, anschließend Prediger zu Lindau und Kerchau. Die Unterweisung im Christentum erhielt der junge Prinz vom Superintendenten Dr. Johann Dürr, der von Fürst Johann zum Hofprediger berufen wurde und von 1644 bis zu seinem Tode 1689 an St. Bartholomäi wirkte. Auf dem Sarg von Carl Wilhelm wurde festgehalten: "Von Jugend auf wurde er in wahrer Frömmigkeit erzogen, in den Wissenschaften und edlen Künsten unterrichtet."
Im Jahre 1663 hatte Graf Anton Günther zu Oldenburg Fürst Johann von Anhalt-Zerbst, den Sohn seiner Schwester Magdalene, zum Erben der Herrschaft Jever bestimmt. Mit dem Ableben des Grafen, der keine Nachkommen hatte, fiel am 19. Juni 1667 Jever an Zerbst. Der Gebietszuwachs sollte mit zum Aufschwung von Anhalt-Zerbst beitragen.
Im jugendlichen Alter von 15 Jahren verlor Carl Wilhelm am 4. Juli 1667 seinen Vater. Johann war an den "Blattern", den heute nicht mehr auftretenden, aber damals oft todbringenden Pocken, erkrankt. Auch seine Gemahlin und seine Tochter waren betroffen, die sich aber wieder erholten. Den Sarg von Johann stellte man im fürstlichen Erbbegräbnis in der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi auf. Zu seinem Andenken wurde ein schönes Marmorepitaph mit einer Büste des Fürsten im Chor der Kirche angebracht, wo es sich noch heute befindet. Da Carl Wilhelm noch unmündig war, übernahmen seine Mutter Sophie Auguste, der Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt (1630-1678) und Fürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau (1627-1693) die Vormundschaft und damit die weitere Erziehung.
Nach der Ausbildung in Zerbst ging er mit seinem Bruder Anton Günther auf die damals übliche Studienreise. Sie führte beide 1669 nach Jever, das eben erst dem Zerbster Land einverleibt war. Danach ging es weiter nach Holland, England und Frankreich. Über Lothringen, Straßburg, Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt am Main und Leipzig kehrte Carl Wilhelm 1670 wieder nach Zerbst zurück. Doch schon zwei Jahre später ging es wieder auf große Fahrt. Diesmal traf er sich mit seinen drei Brüdern Anton Günther, Johann Adolf und Johann Ludwig in Regensburg. Per Schiff fuhren sie gemeinsam auf der Donau bis nach Wien. Sie hielten sich fast einen Monat in der Stadt auf und machten dem Kaiser Leopold I. (1640-1705) mehrmals ihre Aufwartung. Ihnen wurde dort viel Ehre zuteil. Am kaiserlichen Hof fanden auch Unterredungen mit anderen fürstlichen Personen und Ministern statt. Auf diesem Wege konnten viele Kontakte geknüpft werden, die Prinzen lernten den Umgang mit höchsten Kreisen.
Die Heimreise von Wien traten die Brüder über Prag und Dresden an. Am kurfürstlichen Hof in Dresden machten sie noch einmal für eine Woche Station und wurden von Johann Georg II. (1613-1680) empfangen. Über die Elbe ging es bis Wittenberg und von dort per Kutsche nach Zerbst.
Mit der Volljährigkeit des Erbprinzen 1674 enthob der Kaiser die Fürstin-Witwe von der Vormundschaft. Carl Wilhelm übernahm diese nun selbst für seine jüngeren Geschwister.
Der Regierungsantritt des Fürsten und die damit verbundene Huldigung fand am 18. Juni unter Beteiligung der fürstlichen Familie, der Minister, hohen Hofbeamten, der Geistlichkeit, des Rates der Stadt und anderer Würdenträgern statt. Ein prächtiger Zug bewegte sich am Morgen von der Burg bis zur Hofkirche zu St. Bartholomäi. Carl Wilhelm saß in einer mit vergoldeten Schnitzereien verzierten und mit rotem Samt ausgeschlagenen Kutsche, die von sechs Pferden gezogenen wurde. Nach der Predigt und mehreren Musikstücken ging der Zug zur Burg zurück. In einem Saal nahm Carl Wilhelm auf einem Lehnstuhl unter einem Baldachin Platz. Hier vollzog sich nun die eigentliche Huldigung, indem die Vertreter der einzelnen Stände Eide ablegten. Vertreter der Bürgerschaft beeideten ihre Gefolgschaft dann auf dem Schlosshof. Anschließend nahm der Fürst auf dem Markt vor dem Neuen Haus die Huldigung der gesamten Bürgerschaft entgegen. Ein Essen auf der Burg und Freibier für alle beschlossen den Tag. Die Erbhuldigung in Jever fand am 5. November 1674.

Ein am 9. April 1676 geschlossener Erbvergleich zwischen dem Fürsten und seinen Brüdern legte die Primogenitur [2] fest, die eine weitere Zersplitterung des kleinen Landes Anhalt-Zerbst verhinderte. Somit hatten die Brüder keinen Anspruch auf Teile der Herrschaft. Eine Teilung des Fürstentums unter männlichen Erben durfte nicht mehr erfolgen. Wenn der Regent keine männlichen Nachkommen hatte, gingen Regierung und Besitz auf ein anderes männliches Mitglied des fürstlichen Hauses über.
Die zukünftige Gemahlin des Fürsten Carl Wilhelm, Sophia, entstammte dem Herzogshaus Sachsen-Weißenfels. Ihr Vater Herzog August (1614-1680) war der Sohn des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. (1585-1656). Seit 1638 war August Administrator des Erzbistums Magdeburg und übernahm 1642 die Residenz Halle. Sophia erblickte dort am 23. Juni 1654 das Licht der Welt.
Am 18. Juni 1676 fand in Halle die Vermählung von Carl Wilhelm und Sophia statt, nachdem beide einen Tag zuvor feierlich in die Stadt eingezogen waren. Die Trauung in der Residenz vollzog der Oberhofprediger und General-Superintendent Johann Olearium in Anwesenheit des sächsischen Kurfürsten Johann Georg II. und der fürstlichen Familien des Bräutigams und der Braut. Am 6. Juli trafen die frisch Vermählten in ihrer Residenz Zerbst ein. Der Nachwuchs ließ nicht lange auf sich warten. Am 29. Juli 1677 brachte Sophia ihr erstes Kind zur Welt. Wie groß war die Freude über den Sohn, der am 7. August auf den Namen Johann August getauft wurde. Der Erbprinz trat 1718 die Nachfolge seines Vaters an und verstarb am 7. November 1742 mit 65 Jahren. (Seine Lebensgeschichte ist im Heimatkalender 2000 dargestellt.)
Der zweite Sohn Carl Friedrich wurde am 2. Juli 1678 in Zerbst geboren und zwei Tage später getauft. Zum großen Betrübnis der Eltern verstarb er bereits mit 15 Jahren am 1. September 1693. Die Beisetzung fand unter großer Trauer am 18. September statt.
Am 12. Oktober 1679 erblickte ein Mädchen das Licht der Welt, das einen Tag später auf den Namen Magdalena Augusta getauft wurde.

Die Mutter des Regenten Carl Wilhelm, Sophie Auguste, ließ 1674 Schloss Coswig für sich als Witwensitz errichten. Schon seine Großmutter hielt sich in den Witwenjahren in Coswig auf. Die alten Renaissancegebäude im Zerbster Schlossgarten, die Fürst Wolfgang (1492-1566) hatte errichten lassen, waren unbewohnbar geworden, so dass ein Neubau notwendig war. Nach recht kurzer Bauzeit konnte Fürstin-Witwe Sophie Auguste das Schloss Coswig am 24. Juni 1678 beziehen. Doch lange währte die Freude an ihrem neuen Domizil nicht. Nach langen Beschwerden verstarb sie dort am 12. Dezember 1680 im Alter von 50 Jahren. Die Beisetzung in der Zerbster Gruft erfolgte am 8. Februar 1681.

Mit dem Regierungsantritt von Fürst Carl Wilhelm lagen Wirtschaft und Handel sowie das geistige und kulturelle Leben in Anhalt-Zerbst immer noch am Boden. Der Dreißigjährige Krieg hatte einen tiefen Einschnitt hinterlassen. Erst langsam erholten sich die Finanzen des Landes wieder, was dem Fürsten durch geeignete Maßnahmen und eine umsichtige Politik gelang. Nachdem die Landeseinnahmen seit fast 50 Jahren das Niveau der Zeit vor dem Krieg wieder erreichten und dann überschritten, konnte auch an größere Bauprojekte gedacht werden.
Ein bedeutendes Vorhaben bestand in der Erbauung eines neuen Schlosses. Die alten Burggebäude waren baufällig geworden und entsprachen nicht den Erfordernissen einer barocken Hofhaltung. Ein Umbau der kleinen, unregelmäßig angeordneten Gebäude kam nicht in Frage. So reifte die Idee zur Errichtung eines repräsentativen Neubaus. Mit den Planungen wurde der aus den Niederlanden stammende und in den Diensten des brandenburgischen Kurfürsten stehende Baumeister Cornelis Ryckwaert beauftragt. Den Grundstein zum Mittelteil der geplanten Dreiflügelanlage legte Carl Wilhelm am 31. Mai 1681. Für die innere Ausgestaltung war der Italiener Giovanni Simonetti nach Zerbst verpflichtet. Nach der Fertigstellung und der Ausstattung mit kostbaren Möbeln, Tapeten und anderen Dingen bezogen der Regent und seine Gemahlin 14 Tage vor Ostern 1696 das neue Schloss. Die feierliche Einweihung fand am 23. Juni, dem Geburtstag der Fürstin Sophia, statt.
Ein anderes großes Bauvorhaben bestand in der Errichtung der St. Trinitatiskirche. Ein Vergleich vom 27. September 1679 regelte bestehende Religionsstreitigkeiten, indem die St. Nikolaikirche den Reformierten vorbehalten blieb und eine neu zu bauende Kirche für die lutherische Gemeinde vorgesehen war.
Am 4. Juni 1683 legte Carl Wilhelm mit seiner Gemahlin in Anwesenheit seiner Geschwister den Grundstein. Auch hier waren Ryckwaert und Simonetti die Urheber des Baus. Die Weihe fand am 16. Oktober 1696, dem 44. Geburtstag des Fürsten, mit einem öffentlichen Gottesdienst statt. Eine prächtige Prozession aus mehreren Kutschen und viel Fußvolk zog vom Schloss zur Kirche. Von der fürstlichen Empore aus verfolgten Carl Wilhelm und seine Familie die Zeremonie.

Um die weit entfernt liegende Herrschaft Jever, zu der auch die Insel Wangerooge gehörte, kümmerte sich Carl Wilhelm recht intensiv. Zum Schutz des Landes sowie zur Landgewinnung und damit zur Ausdehnung und Verbesserung der Landwirtschaft ließ der Fürst mehrere Eindeichungen in Jever vornehmen. Trotz der hohen Summe von mehr als 22 000 Talern haben sich die Investitionen durch einen um so höheren Rückfluss von landwirtschaftlichen Erzeugnissen gelohnt. Die "Hauptstadt" gleichen Namens nahm nun ebenfalls Aufschwung. Zahlreiche neue Häuser entstanden, Wirtschaft und Handel begannen zu florieren.
König Christian V. von Dänemark (1646-1699) hatte 1683 die Herrschaft Jever, die angeblich Frankreich zustand und an ihn übergeben wurde, eingenommen. Mit eigener Mannschaft hielt er das Schloss besetzt und regierte das Gebiet für einige Jahre nach seinen Wünschen. Durch Vermittlung das Kaisers Leopold I. (1640-1705) und der Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen (1647-1691) und Friedrich III. von Brandenburg (1657-1713) gelang es 1689 einen Vergleich mit dem dänischen König abzuschließen. Nun konnte Carl Wilhelm wieder uneingeschränkt über Jever verfügen.
Ein Höhepunkt in der Regentschaft von Carl Wilhelm war die Verleihung des Titels "Durchlaucht" durch Kaiser Joseph I. (1678-1711) im Jahre 1708. Er war der erste Regent Anhalts, dem diese Ehre und Anrede neben dem Senior [3] des Hauses zuteil wurde. Dieser Titel stand ihm und seinen Erben zu.
Der bei seinen Untertanen sehr beliebte Carl Wilhelm starb am Vormittag des 3. November 1718 gegen 11 Uhr im Alter von 66 Jahren. In seinem Appartement im Hauptflügel des Schlosses waren seine Gemahlin, seine Kinder und andere Mitglieder des fürstlichen Hauses sowie höchste Hofbeamte zugegen. Er hatte 44 Jahre die Regierung des Landes Anhalt-Zerbst inne, die nun auf seinen Sohn Johann August überging. Die feierliche Beisetzung des Fürsten fand am 21. Dezember in der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi statt, wo später auch sein vergoldeter Prunksarg Aufstellung fand.
Die lateinische Inschrift auf seinem Sarg berichtet von seinen Taten. "Er stand in der Gunst bei drei Kaisern, wurde hoch geschätzt von Königen, Kurfürsten und Fürsten aus nah und fern, zeichnete sich unter vielen Zeitgenossen aus durch Gottesfurcht und Klugheit. ... Wie er in allen Dingen glücklich war, so wurde er ganz besonders glücklich durch seine Gattin und seine Kinder. ... Sein Land vergrößerte er durch neue Erwerbungen, seine Hauptstadt schmückte er durch ein von Grund aus erbautes, der Heiligen Dreifaltigkeit geweihtes Gotteshaus und mit einem glänzenden Schloss; während er sie bei seinem Regierungsantritt schmucklos vorfand, hinterließ er sie bei seinem Tode im Marmorschmucke glänzend. ... Seine Landeskinder beschützte und verteidigte er in gefahrvollen Zeiten durch Klugheit, Wachsamkeit und durch Auswahl geeigneter treuer Beamten und mehrte den Reichtum und die Sicherheit des Landes."
Seine Gemahlin überlebte ihn um einige Jahre und starb am 31. März 1724 im Alter von 69 Jahren an Altersschwäche. Sie war 42 Jahre glücklich mit Carl Wilhelm verheiratet und hatte viel Freude an ihren zehn Enkeln, den Kindern ihrer Tochter Magdalena Augusta. Am 7. Juni fand die Trauer- und Gedächtnispredigt statt. Noch am selben Abend fand sie ihre letzte Ruhe im Erbbegräbnis neben ihrem Gemahl Carl Wilhelm.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2001, Seite 43—54


[1] Der einstige Besitzer von Dornburg, Johann von Münchhausen, verstarb 1674 ohne männliche Erben, so daß das Gebiet an Fürst Carl Wilhelm fiel.
[2] Primogenitur: Erb- und Nachfolgerecht für Gebiet und Vermögen zu Gunsten des erstgeborenen Sohnes und seiner Nachkommen.
[3] Der älteste Regent aus den seit 1603 bestehenden vier Teilfürstentümern Bernburg, Dessau, Köthen und Zerbst war auch gleichzeitig Senior des Hauses Anhalt. Er besaß bestimmte Privilegien und war der "Sprecher" des Fürstenhauses bei offiziellen Anlässen.

Quellen:
Ausstellungskatalog: 300 Jahre Vollendung der Neuen Augustusburg - Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels, Weißenfels 1994
Johann Christoff Beckmann: Historie des Fürstenthums Anhalt, Zerbst 1710/16
Dirk Herrmann: Schloß Zerbst in Anhalt, Halle 1998
Samuel Lentz: Becmannus enucleatus ..., Cöthen und Dessau 1757
Wiemann/Knorr: Die Inschriften auf den Särgen in der Gruft des Herzoglichen Schlosses zu Zerbst. In: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde, Band IX, Dessau 1904
Zerbster Heimatverein e.V.: Zerbst/Anhalt - Ein Stadtführer, Zerbst 2000


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