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Geheimgänge und Gewölbe in Zerbst

"... man konnte sogar mit einer großen Kutsche in den unterirdischen Gang, der sich im Schlossgarten befand, fahren." - Diese Aussage stellte sich im Nachhinein als falsch heraus. Im Gespräch überliefert und dann etwas ausgeschmückt entstand diese phantastische Erzählung. Und so existiert bis heute eine ganz Reihe spektakulärer Sagen und Geschichten über so genannte Geheimgänge im Zerbster Stadtgebiet. Im Mittelalter angelegt, sollen sie sich noch heute an vielen Stellen unter der Oberfläche befinden - Wahrheit oder Legende?
Zu den abenteuerlichsten Legenden zählen angebliche Geheimgänge zwischen Schloss und Rathaus sowie zwischen Franziskanerkloster und Frauenkloster. Fanden in einem unterirdischen Gang zwischen den beiden Klöstern tatsächlich heimliche Rendezvous zwischen Mönchen und Nonnen statt?

  Kanal am Francisceum Unterirdischer Abflusskanal am Francisceum
Rätselhafte und geheimnisvolle Begebenheiten haben zu allen Zeiten die Phantasie der Bevölkerung angeregt - und das nicht nur in Zerbst. Auch in anderen Städten und Orten gibt es Erzählungen über Geheimgänge. Viel Mystisches wurde mündlich überliefert. Jeder hat noch einen kleinen Teil dazu erfunden, woraus so manche Gruselgeschichte entstand, die jeglicher Grundlage entbehrt. Vielfach existieren aber tatsächlich unterirdische Gänge. Doch sie haben dann meist praktische Hintergründe und sind erklärbar.
Eine Geschichte, die sich besonders hartnäckig hielt, war der angebliche Geheimgang zwischen dem Franziskanerkloster, dem heutigen Gymnasium Francisceum am Weinberg, und dem Frauenkloster, der jetzigen Berufsbildenden Schule auf der Breite. Im Jahre 1872 hatte der Pastor August Kühne die Erzählungen seiner Großmutter, die vom Stelldichein der Mönche und Nonnen gewusst haben will, aufgeschrieben und in gedruckter Form herausgegeben. Zu dieser Zeit existierten jedoch die Klöster schon mehr als 300 Jahre nicht mehr. Der ehemalige Zerbster Stadtarchivar und Leiter des Staatsarchivs im Schloss, Reinhold Specht, verwies in einer Publikation auf die "lebhafte Phantasie der Großmutter" und sprach von einer Geschichte "Es war einmal...". Der mutmaßliche unterirdische Gang wurde jedenfalls nie entdeckt. Auch Studenten, die 1655 im ehemaligen Franziskanerkloster nach einem sagenhaften Schatz gesucht haben, wurden nicht fündig.
Ein 1208 in der Vorstadt Ankuhn gegründetes Armenhospital wurde 1214 durch Ida von Zerbst in ein Zisterzienserinnenkloster umgewandelt. Erst 90 Jahre später erfolgte die Verlegung auf die Breite nach Zerbst (Ecke Frauentorplatz). Die Stadt mit ihren Befestigungsanlagen bot besseren Schutz. Das älteste der Zerbster Klöster wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach erweitert und umgebaut, aber auch hier finden sich keine Hinweise auf "geheime Gänge". Anfänglich charakterisierten Einfachheit und Strenge die Lebensweise der Nonnen, später war ihr Leben von Wohlstand geprägt.
Die Reformation fegte auch das Frauenkloster hinweg. Ein verheerender Brand im Jahre 1542 vernichtete den Großteil der Klostergebäude.
Das durch Sophie von Barby gestiftete Kloster St. Johannis wurde im Jahre 1235 gegründet. Kurze Zeit später, 1246, war das Kloster mit einer Kirche am heutigen Weinberg bereits im Bau. Die Franziskanermönche konnten ihre Kirche 1252 weihen. Die Errichtung von Kirche, Kreuzgang, Räumen für die Mönche und Wirtschaftsgebäuden bedeutete einen enormen Kraftaufwand. Die Mönche, die einem Bettelorden angehörten, erhielten Gelder ausschließlich von der Zerbster Bevölkerung. Erst 1350 war eine Erweiterung des Klosterkomplexes möglich. Nun wurde die Kirche durch einen Choranbau vergrößert, an den bestehenden Kreuzgang ein zweiter kleinerer angefügt. Die zur Verfügung stehenden Mittel reichten gerade aus, um diese Klosteranlage entstehen zu lassen und das tägliche Leben zu bestreiten. An Bauten darüber hinaus war nicht zu denken. Erst gegen Ende des Bestehens der Klöster waren Reichtümer angehäuft. Doch der Bau eines Tunnels ist auch für diese Zeit nicht zu verzeichnen. Außerdem wäre es nicht möglich gewesen, die umfangreichen Baumaßnahmen ausschließlich unterirdisch durchzuführen. So hätten die Zerbster die Arbeiten sicher mit großem Argwohn beobachtet. Bedacht werden muss weiterhin, dass die Mönche und Nonnen nicht in ihren Mauern eingesperrt waren, sondern ihren Beschäftigungen nachgingen und sich auch in der Stadt bewegen konnten. Treffen hätten also auch auf andere, viel einfachere Art und Weise stattfinden können.

Reste einer unterirdischen Anlage lassen sich zwischen Frauen- und Franziskanerkloster nicht feststellen. Auch die massiven Zerstörungen 1945 und spätere Arbeiten, wie zum Beispiel der Bau der Hauptstraße B 184, brachten keinen Gang zu Tage. Ein Gang zwischen dem Franziskaner- und dem Frauenkloster wäre etwa 450 Meter lang. Zudem hätte auf halber Strecke ein Seitenarm der Nuthe an der Frauenmühle unterquert werden müssen. Doch gerade diese Senke ist eine der tiefsten und sumpfigsten Stellen der Stadt. Außerdem führte die Nuthe in früheren Zeiten erheblich mehr Wasser. Ein Gang würde also permanent unter Wasser stehen.

In Zerbst existiert allerdings tatsächlich noch heute ein Stück Gang am Francisceum. Dieser führt jedoch nicht zum Frauenkloster sondern in Richtung Jahnstein.* Der kleine Tunnel, der unter der Stadtmauer verläuft, ist nur durch einen schmalen, mit einem Eisendeckel gesicherten Einstieg zugänglich. Dieser Gang begann aber niemals im Keller unter der Aula des Gymnasiums, wie das am komplett erhaltenen, durch spätere Veränderungen nicht gestörte alte Mauerwerk im Klosterformat zweifellos zu erkennen ist. Er verläuft etwas südlich des Chores. Der Gang hat eine Höhe von 1,5 Metern und eine Breite von einem Meter. Er verläuft 80 Zentimeter unter dem Erdniveau und besteht im unteren Teil aus Feldsteinen und im oberen aus Mauersteinen im Klosterformat. Die Länge vom Einstieg in Richtung Gymnasium beträgt etwa vier Meter, dann ist das Gewölbe eingefallen. In die andere Richtung, unter der Stadtmauer hindurch, verläuft der Gang etwa sieben Meter. Am Ende ist er durch eine Mauer, die später als das Gewölbe entstand, verschlossen. Im unteren Teil beginnt ein Tonrohr mit etwa 40 Zentimetern Durchmesser. Ein weiteres Tonrohr mündet unmittelbar am Einstiegsloch in den Kanal. Die Verwendung anderer Mauersteine macht deutlich, dass es sich um eine spätere Veränderung handelt. Bei der Besichtigung konnte die Bedeutung eindeutig geklärt werden. Der Gang war und ist ein Abwasserkanal, in den bis heute Regenwasser geleitet wird. Ein Beleg dafür ist auch die Beschaffenheit des Bodens, der V-förmig angelegt ist und in der Mitte eine kleine Rinne aufweist. Der Kanal endet heute in der äußeren Böschung der Stadtmauer. Einst führte er unter dem ersten Wall hindurch und mündete in einem Graben zwischen beiden Stadtwällen. Die Wassermassen, die bei Regen auf den großen Dachflächen des Francisceums zusammenkamen, wurden so schnell abgeleitet. Auch das auf den beiden Lichthöfen der Kreuzgänge zusammengelaufene Wasser ergoss sich bis vor wenigen Jahrzehnten in diesen Kanal. Es floss durch gemauerte Rinnen, die mit Eisenplatten abgedeckt waren, unter die Kreuzgänge hindurch. Durch einen schmalen Gang neben dem Vortragsraum des Museums, der heute als Magazin dient, wurde das Regenwasser durch das Gebäude auf die andere Seite und damit in den großen Abflusskanal geleitet. Der innere Wall vor der Stadtmauer, der zu den Sicherungsanlagen der Stadt gehörte, wurde ab 1820 eingeebnet und der jetzige Grüngürtel angelegt. Seitdem wird ein Teil des Regenwassers durch ein Tonrohr bis in den ehemaligen Stadtgraben direkt neben der Brücke am ehemaligen Schützenhaus geleitet. Leider konnte nicht festgestellt werden, aus welcher Zeit der Abwasserkanal stammt. Mit dem Bau des Klosters im frühen Mittelalter lag das Erdniveau tiefer, wie am Portal der alten Klosterkirche deutlich sichtbar ist. Für den östlichen Teil des Geländes ist anzunehmen, dass der Tunnel gerade noch unterirdisch verlaufen wäre. Die Verwendung von Natursteinen und Ziegeln im Klosterformat lässt vermuten, dass der Kanal schon zu Klosterzeiten angelegt wurde.
Bei der Tieferlegung des Heizungskellers des Gymnasiums um 1951/52 wurden Skelette gefunden, darunter auch die Gebeine von Kindern. Diese sind mit Sicherheit keine Relikte von heimlichen Zusammenkünften zwischen Mönchen und Nonnen. Die Gebeine stammen nicht aus der Klosterzeit, sondern aus einer viel früheren. Verschiedene Funde im Bereich des Francisceums belegen, dass dieses Gebiet schon in der Bronzezeit besiedelt war.
Die in späterer Zeit aufkeimende freizügige Lebensweise der Franziskaner-Mönche beschwor den Unwillen der Zerbster herauf. Mit der Reformation fand das Klosterleben der Franziskaner 1526 ein jähes Ende.



Eine mit der in Zerbst kursierenden Geheimgang-Geschichte fast identische Sage gibt es in Kirchheim, das nur wenige Kilometer von der Zerbster Partnerstadt Nürtingen entfernt liegt. Auch dort soll ein Gang zwischen dem ehemaligen Frauenkloster und dem Mönchshaus bestanden haben. Die Legende berichtet, dass sich nicht nur Nonnen und Mönche getroffen haben sollen, sondern angeblich auch Skelette von Babys gefunden wurden. Der Wahrheitsgehalt wurde erst vor etwa einem Jahrzehnt untersucht. Im Unterschied zu Zerbst existiert dort tatsächlich noch ein Gang, der auf einer Länge von etwa 25 Metern begehbar ist. Recherchen ergaben, dass sich im 16. Jahrhundert im ehemaligen Garten des Nonnenklosters ein Waschhaus und ein Fischhaus befanden. Fisch war eine wichtige Nahrung für die Nonnen während der Fastenzeit, in der sie kein Fleisch verzehren durften. Jedoch befand sich in der Nähe des Klosters kein Bach, kein Fluss und auch keine Quelle. Durch den Gang bzw. Kanal wurde von einer entfernten Quelle frisches Wasser in den Klostergarten geleitet. So hat sich auch für Kirchheim die Legende nicht bewahrheitet.
Die in unserer Region wohl bekanntesten unterirdischen Anlagen befinden sich in Zeitz. Ein von einem Naturgebirge überdecktes Labyrinth aus Kellern und künstlichen Gängen durchzieht die Altstadt. Die ersten Tiefkeller stammen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. In späterer Zeit wurden die Gänge und Kellergewölbe permanent erweitert. Obwohl der Stadtkern erhöht auf einem Bergrücken liegt, stehen einige Bereiche unter Wasser. Die Auswirkungen auf Gänge in Zerbst mit seinen Niederungen und Sümpfen wären entsprechend dramatischer. Die Zeitzer Anlagen hatten vielfältige praktische Funktionen: mittelalterliche Wehrbauten und Fluchtgänge, Zufluchtsstätten bei Angriffen, Stadtbränden usw., später Wirtschaftsräume, Bier- und Weinkeller. Weitere umfangreiche innerstädtische Gangsysteme bestehen beispielsweise im sächsischen Geithain. Knapp die Hälfte der 1100 Meter langen, im Untergrund verlaufenden Gänge ist begehbar. Wann sie entstanden ist unbekannt. Ursprünglich waren die meisten unterirdischen Räume, die als Flucht- und Vorratsräume dienten, nicht miteinander verbunden. Erst in jahrzehntelanger Nutzung wurden sie vergrößert und verbindende Gänge angelegt.
Auch die Altstadt von Oppenheim am Rhein ist von einem Netz aus Kellern durchzogen. Teilweise sind die über 400 bekannten Anlagen durch unterirdische Gänge miteinander verbunden.


Vor Jahrzehnten wurde auf dem Grundstück Kleiner Klosterhof Nr. 19 in Zerbst bei Arbeiten im Garten ein unterirdisches Gewölbe entdeckt, das in Richtung Stadtmauer verlief. Welche Ausmaße die heute mit Erde verfüllte gemauerte Anlage hatte, ist nicht mehr bekannt. Hier handelte es sich vermutlich um ein altes Grabgewölbe. Ähnliche Gewölbe traten erst im Jahre 2001 auf der Schloßfreiheit zu Tage. Verschiedene umfangreiche Knochenfunde im Bereich des Klosterhofes im 19. und 20. Jahrhundert belegen diese Theorie. Dem Frauenkloster St. Marien, zu dem der Klosterhof gehörte, bewilligte Bischof Volrad von Brandenburg im Jahre 1299 einen eigenen Friedhof. Dieser bestand bis ins späte 16. Jahrhundert. Mit der Schließung des Klosters und der Anlage des Heidetorfriedhofes 1582 und des Frauentorfriedhofes 1595 erfolgten auf dem Klosterhof nur noch vereinzelt Bestattungen, bis sie ganz eingestellt wurden.
Einige Häuser auf der Zerbster Breite haben die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges überdauert. Hier sind noch einige alte Keller erhalten, die teilweise von den Vorgängerbauten der heutigen Häuser herrühren. Zwei große alte Tonnengewölbe befinden sich beispielsweise unter dem Haus Breite 24 (seit 1945 Friseursalon Erika). Die beiden Gewölbe verlaufen parallel zueinander und im rechten Winkel zur Breite. Sie befinden sich jedoch nicht, wie zu vermuten wäre, unter dem Hauptgebäude zur Straße, sondern unter dem Hinterhaus. Einst befand sich in diesem Haus die Schankwirtschaft "Zum Eichbaum" (bis um 1900), später bis 1937 das "Stadt-Cafe" und dann ein Tanzcafé mit Kegelbahn. Die Keller dienten als Lagerraum. Nach dem schweren Bombenangriff auf Dessau am 7. März 1945 wurden Verwundete nach Zerbst verlegt. Der große Saal in der ersten Etage des Hinterhauses diente als Lazarett. Bei Luftangriffen wurden die Verletzten im östlichen Keller des Hauses untergebracht. In dem anderen Keller fanden zahlreiche Flüchtlinge Unterschlupf. Neben dem Ausgang zum Hof des Gebäudes existierte ein zweiter Ausgang auf das Nachbargrundstück (ehemals Schlosserei Grabke, heute Uhren-Klitsch). Wie durch ein Wunder blieb dieses Haus von den schrecklichen Zerstörungen verschont, die Menschen in den Kellern überlebten. Verbindungsgänge zu benachbarten Kellern konnten nicht festgestellt werden.

Auch das Haus Breite 30 (Speidel/Wust) weist drei parallel zueinander und zur Straße gelegene Tonnengewölbe auf. Sie befinden sich ebenfalls nicht unter dem Haupthaus sondern unter dem Hof und dem Seitengebäude. Verbindungen zu den beiden Nachbargrundstücken bestehen nicht. Am alten Mauerwerk ist auch nicht erkennbar, dass solche bestanden haben.
Auf dem Grundstück des Hauses Breite 13 wurde um 1932 ein niedriges Gewölbe aus Ziegelsteinen entdeckt. Der Gang trat zufällig bei Umbauarbeiten des Hofes zutage. Das alte Fachwerkhaus stammt noch aus dem Jahre 1655. Seit Jahrhunderten ruhte auf diesem Haus die Braugerechtigkeit. Das Grundstück gehörte von 1868 bis 1906 der bekannten Brauerei Pfannenberg, die dazugehörige Gastwirtschaft trug den Namen "Zum Weißen Roß". Parallel zur Mühlenbrücke, unter dem heutigen Anbau, erstreckt sich ein großer tiefer Keller. Dieser wurde vermutlich zur Lagerung der Bierfässer genutzt. Nach 1918 bis 1937 befand sich dort das "Zentral-Café". Im Jahre 1938 kaufte der Maurermeister Friese das Haus. Seit diesem Jahr befindet sich die Gaststätte "Gildehaus" darin.
Unter dem Vorderhaus der "Schloßkonditorei" (Alte Brücke Nr. 26) befindet sich ebenfalls ein großes altes Kellergewölbe. Hier handelt es sich, wie bei den anderen auch, um ein für sich abgeschlossenes Gewölbe, das keine Verbindung zu weiteren Gebäuden hat. Das Haus entstand nach einem Brand im Jahre 1887, der den gesamten Eckbereich Alte Brücke/Schloßfreiheit in Schutt und Asche legte, auf ursprünglichem Grundriss unter Einbeziehung des alten Kellers völlig neu.

Bei archäologischen Untersuchungen vor Beginn des Baus der neuen Kreissparkasse auf der Alten Brücke traten auch keine geheimnisvollen Gänge zutage. Hier gab es nur alte autarke Keller. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es weder auf der Nordseite noch auf der Südseite der Breite möglich war, den Straßenzug unterirdisch zu passieren.
Mehrere im Zerbster Schlossgarten vermutete "Geheimgänge" konnten gefunden und identifiziert werden - und es fanden sich für alle einfache Erklärungen. Über die mannshohen Abflusskanäle des Schlosses, die in einen einst direkt hinter dem Hauptgebäude an einer hohen Mauer entlang fließenden Nuthearm mündeten, sowie über die aus der Renaissancezeit stammenden Kellergewölbe unter dem Schlossplatz wurde bereits in der vorigen Ausgabe des Heimatkalenders berichtet. Das sogenannte Teehäuschen war ein mit kostbaren Möbeln und Produkten der Zerbster Fayencemanufaktur ausgestattetes Lusthaus der Fürsten. Das sich auf einem alten Wall erhebende Gebäude entstand im 18. Jahrhundert. Durch Vandalismus arg in Mitleidenschaft gezogen, macht es heute einen traurigen Eindruck und lässt kaum erahnen, dass es sich einst um ein kostbares Kleinod handelte.
Das "Teehäuschen" diente nicht nur als architektonischer Blickpunkt und der fürstlichen Zerstreuung sondern hatte auch eine ganz praktische Aufgabe. Unter dem Haus befindet sich noch immer ein großer hoher Keller. Das unterirdische Gewölbe ist kein Endpunkt eines Ganges, sondern ein ehemaliger Eiskeller. Noch immer sind die großen gemauerten Wannen zu erkennen, in denen einst auf dem Schlossteich gebrochenes Eis gelagert wurde. Doppelte Türen verhinderten, dass die Raumtemperatur über den Schmelzpunkt stieg. Das Eis diente der Schlossküche zur Kühlung von Vorräten und Speisen.
Ein abgehender Gang wurde immer wieder in der Grotte vermutet, die sich im Schlossgarten in der Nähe der Gartenstraße befindet. Eine hinten im Boden sichtbare Öffnung legt diese Vermutung nahe. Das aus mächtigen Feldsteinen errichtete Bauwerk entstand bei der Umgestaltung des Schlossgartens in einen Landschaftspark im Jahre 1798/99. In Anlehnung an den Wörlitzer Park ließ Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) neben der Grotte im Park mehrere Steinbänke, Brücken und anderes Zierwerk errichten. Aus der Grotte floss einst das Wasser in den davor befindlichen "Türkenteich", der etwa die Fläche des heutigen Parkplatzes einnahm. Der unterirdische Zufluss erfolgte von dem einst weiter östlich, am Weg zur Post gelegenen "Goldfischteich". Beide Teiche waren um 1900 bereits teilweise verlandet, da der Zufluss über einen Graben nicht mehr gewährleistet war. Der "Türkenteich" wurde im Winter 1927/28 eingeebnet, der Goldfischteich 1939 verfüllt. Nur die Grotte ist erhalten, die sich einst malerisch im Wasser spiegelte.
Zum "Kämmereigebäude", der ersten Orangerie im Zerbster Schlossgarten, gehörte ein anderes, heute nicht mehr existierendes unterirdisches Gewölbe. Das 1704 bis 1709 errichtete Haus befand sich am Hauptweg gegenüber der Stadthalle (an der heutigen Trafostation). Im Saal fanden im Sommer Feste statt, es wurde Theater gespielt, der Hofgärtner hatte in angrenzenden Räumen seine Wohnung. Eine 1849 eingerichtete Wollkämmerei verlieh dem Haus seinen Namen. Kriegszerstörungen und anschließender Materialraub ließen das Gebäude völlig verfallen. Nur die massiven Kellergewölbe blieben erhalten. Sie dienten bis 1961 als Ausschank und Weinkeller während der jährlichen Heimatfeste. Dann wurden auch die letzten Reste beseitigt.
Ein "geheimer Gang" konnte bei den Recherchen aber doch entdeckt werden. Kinder spielten in der Nachkriegszeit gern in einem unterirdischen Verbindungsgang auf dem Markt zwischen ehemaligem Rathaus und vormaliger Kreissparkasse (einst Markt Nr. 4). Beide Gebäude lagen visavis, die Entfernung betrug etwa zehn Meter. Ein gemauertes Gewölbe verband die beiden Keller miteinander. Im Keller des Hauses Markt 4 befand sich neben privaten Gelassen der Hausbewohner auch das Archiv der Sparkasse, der Tresorraum lag dagegen im Erdgeschoss. Auf der Hälfte des etwa 1,5 Meter hohen Ganges befand sich eine Erweiterung. Außerdem querte dort ein großes Gussrohr mit einem Durchmesser von etwa 20 Zentimetern das Gewölbe.
Ob sich Fragmente des Ganges noch heute unter dem Marktplatz befinden, konnte nicht ergründet werden. Akten oder Berichte, die den Bau des Ganges belegen, wurden nicht gefunden. Da der Gang nicht mehr zugänglich ist - soweit er überhaupt noch existiert - kann auch keine Aussage über den Zeitpunkt der Errichtung oder seine Funktion getroffen werden. Ob der Gang mit dem Rathausneubau bzw. -umbau im 15., 16. bzw. 17. Jahrhundert, mit der Errichtung des Hauses Markt 4 oder später entstand bleibt offen. Wohnte in dem großen Haus einst ein Bürgermeister, der unbehelligt zwischen Wohnung und Rathaus pendeln wollte? Diente der Gang als letzter Fluchtweg für die Bürgermeister und Ratsherren im Falle einer Belagerung des Rathauses durch eine aufgebrachte Bürgerschaft oder dem Transport von Geldern?
Tatsächlich besaß ein Bürgermeister** namens Adam Hüf(f)ner 1690 bis nach 1700 das Haus Markt 4. Im 18. Jahrhundert befand sich darin die 1691 gegründete Ayrersche Gold- und Silberdrahtmanufaktur. Bis 1716 erfolgte unter Einbeziehung des Nachbarhauses ein barocker Neubau, der 1768 verändert wurde. Ab 1716 existierte dort die Gastwirtschaft "Zum goldenen Schiff". Die am 1. Dezember 1865 eröffnete Kreissparkasse hatte ihre Geschäftsräume ursprünglich im Ostteil des Rathauses in Richtung Schleibank, bis sie zwischen 1912 und 1914 in das Haus Markt 4 umzog.
Im Rathauskeller, dessen Gewölbe noch aus dem 15. Jahrhundert stammten, war ein eiserner Käfig verankert. Darunter befand sich ein Hohlraum. Dieser Käfig mit Tür bestand aus einem mit zahlreichen, gleichmäßig verteilten Löchern versehenem Rohr von etwa 50 Zentimetern Durchmesser und knapp einem Meter Höhe. An dem flachen kegelförmigen Deckel befand sich eine Öse, direkt darüber an der Kellerdecke eine Umlenkrolle. Im Innern war am Deckel ein Gestänge befestigt, an dem auf der einen Seite ein Gewicht hing, auf der anderen ein Haken. Dieses Gebilde wurde als "Vogelkäfig" bezeichnet und vielfach als Folterinstrument gedeutet.
Im westlichen Teil des Kellers, der bis 1889 verschüttet war, befand sich im Mittelalter tatsächlich ein Gefängnis. Doch mit dem grundlegenden Umbau des Rathauses 1889/93 wurden sämtliche Keller erneuert. Dabei wurden sogar die alten Sandsteinplatten entfernt, die durch Eisenklammern fest miteinander verbunden waren. Die meisten Kellerräume wurden dann vermietet. Die östlichen Keller dienten der Rats- und Stadtapotheke als Lagerräume. Vielleicht stand der "Vogelkäfig" mit der Apotheke in Verbindung?
Im Januar 1992 wurde bei Bauarbeiten auf dem Markt ein historisches Auffangbecken für Regenwasser gefunden. Die Größe des zwischen Roland und ehemaligem Rathaus liegenden Beckens mit unbefestigter Sohle betrug etwa zwei mal drei Meter. Die gewölbte Grube aus Ziegelmauerwerk im Klosterformat besaß mehrere Öffnungen, durch die Oberflächenwasser einfließen und nach unten versickern konnte. Eine ebenfalls darin mündende gusseiserne Sammelleitung ist wahrscheinlich mit der identisch, die den Gang zwischen Rathaus und Sparkasse querte. Eine Verbindung zum Toskanischen Brunnen war beim Neuaufbau 1997 nicht feststellbar. Weitere Gänge wurden auf dem Markt nicht gefunden. Vereinzelt existieren nur noch alte Keller. In die einst sehr hohen Gewölbe des Hauses Markt 25 (ehemals Schwaedt), das Anfang des16. Jahrhunderts entstand, fiel 1945 so viel Schutt, dass die Keller nur noch halb so hoch sind. Heute werden sie von der darüberliegenden Apotheke als Lagerräume genutzt. Das gegenüber liegende Haus Markt Nr. 20 aus der Zeit 1633/49 besitzt ebenfalls mehrere alte Gewölbe, die sich unter dem Vorder- und Hinterhaus befinden, jedoch nicht bis unter den Marktplatz reichen.
Die Keller der Häuser auf der Schleibank waren tatsächlich miteinander verbunden. Aus Sicherheitsgründen wurden 1945 Durchbrüche geschaffen, um bei der Verschüttung von einem oder mehreren Ausgängen durch Bombenangriffe weitere Fluchtwege nutzen zu können. So war es möglich, von der Salzstraße bis fast zum Markt zu gelangen. Nur der Keller der Rats- und Stadtapotheke Ecke Markt/Schleibank war tabu, da hier Arzneien und giftige Substanzen lagerten. Die alten Kellergewölbe der total zerstörten Gebäude blieben bis zur Neubebauung ab 1987 bestehen.
Dieser Beitrag stützt sich ausschließlich auf Augenzeugenberichte und Begehungen, soweit diese heute noch möglich waren. Schriftliche Hinweise und Unterlagen, die die Aussagen bekräftigen und ergänzen, konnten nicht gefunden werden. Im Ergebnis können also vielfach nur Vermutungen stehen. Außerdem wird kein Anspruch auf Vollständigkeit geltend gemacht. Weitere Hinweise zum Thema sind willkommen.
All denen, die mir nach meinem Aufruf in der Presse ihre Kenntnisse über unterirdische Gänge mitteilten, möchte ich meinen herzlichsten Dank für ihre Mithilfe aussprechen.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2002, Seite 17—28


* Das Denkmal in den Anlagen erinnert seit 1904 an den "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn.
** Früher gab es mehrere Bürgermeister zu gleicher Zeit.

Quellen:
Büttner Pfänner zu Thal, Dr.: Anhalts Bau- und Kunstdenkmäler, Dessau 1894.
Herrmann, Dirk: Schloß Zerbst in Anhalt, Halle 1998.
Koch, Rolf Albert / Richter, Hans-Joachim: Gangsysteme unter Zeitz, Zeitz o.J.
Schmidt, Robert: Das Rathaus zu Zerbst, Zerbst 1895.
Specht, Reinhold: Die Wehranlagen der Stadt Zerbst, In: Sachsen und Anhalt 5, Magdeburg 1929.
Specht, Reinhold: 1000 Jahre Siedlungsraum der Stadt Zerbst, Zerbst [1936].


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