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Handwerker am Zerbster Fürstenhof

Die Innungen
Das Handwerk hat in Zerbst eine lange Tradition. Schon in älterer Zeit schlossen sich die Handwerker einer Berufsgruppe zu Innungen zusammen. Diese Vereinigungen dienten der Wahrung von wirtschaftlichen und sozialen Interessen. Durch die enge Bindung der Mitglieder konnten diese Interessen nach außen massiv vertreten werden. Außerdem waren die Zunftangehörigen in der Ausübung ihres Handwerks geschützt. Im Jahre 1321 wird in Zerbst erstmals eine privilegierte Innung, die der Gewandschneider und Tuchmacher, urkundlich genannt. 1345 erfuhr sie die fürstliche Bestätigung in einem Marktprivileg.
Im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts bildeten sich weitere Innungen, so die der Schneider, Schuhmacher, Schmiede, Leineweber und andere. Die Bestätigung der Innungen lag immer in den Händen des regierenden Fürsten.
Die Entwicklung der Innungen steht in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Stadt. Immer stärker traten sie politisch hervor. Seit dem 14. Jahrhundert strebten die einzelnen Innungen nach Mitsprache im Stadtparlament. Neben diesen Vereinigungen existierte auch selbständiges Handwerk, das heißt kleine Gewerke, die keine Innung bildeten bzw. Handwerker, die sich ihrer Berufsinnung nicht anschlossen. In der frühen Phase der Zünfte bestanden kaum Kontakte außerhalb der Stadtgrenzen. Erst im 16. Jahrhundert kamen Handwerker aus anderen Städten nach Zerbst, um hier Erfahrungen zu sammeln oder um sich hier als Meister und Bürger niederzulassen. Die Innungen erfuhren großen Aufschwung und damit auch die Wirtschaft der Stadt. Das war die Zeit der höchsten Blüte von Zerbst. Besonders zwischen den anhaltischen Städten bestanden enge wirtschaftliche Beziehungen. Der Handel genoß hier fürstlichen Schutz und wurde nicht durch hohe Zölle und Steuern behindert.

  Treppe zum Turm Treppe mit schmiedeeisernem Gitter am Schlossturm
In der Zeit, als Fürst Joachim Ernst die bis dahin geteilten anhaltischen Gebiete vereinigte, kam es zur Gründung verschiedener Landesinnungen. Der Hauptsitz dieser Innungen war Zerbst, weil sie als die "vornembste Stadt" galt.
Mit dem Einzug der Reformation ging der Einfluß der Zünfte zurück. Nach kurzem Erstarken kam es im 17. Jahrhundert, als durch Erbteilung das eigenständige Fürstentum Anhalt-Zerbst entstand, zu einem erneuten Einbruch. Der beginnende 30jährige Krieg trug das seinige dazu bei. Erst nach dessen Ende kam es zu Neugründungen. Jedes Handwerk, und war es noch so klein, war bestrebt, eine eigene Innung in der Stadt zu gründen. Im Jahr 1733 bestanden in Zerbst folgende Innungen: Barbiere, Bäcker, Handschuhmacher, Posamentierer (Hersteller von Borten, Litzen und Bändern für Kleidung), Böttcher (Faßmacher), Buchbinder, Drechsler, Eisengewerbe (Uhrmacher, Schlosser, Büchsenmacher, Säge-, Nagel- und Kupferschmiede), Fleischer, Glaser, Gürtler, Huf- und Waffenschmiede, Hutmacher, Klempner, Knopfmacher, Korbmacher, Kürschner, Leineweber, Lohgerber, Maurer, Müller, Perückenmacher, Nadler, Rademacher, Riemer, Sattler, Schneider, Schwarzfärber, Schuhmacher, Seifensieder, Seiler, Strumpfstricker, Tischler, Töpfer, Tuchmacher, Weißgerber und Zinngießer.
Besondere Bedeutung kam den Obermeistern der jeweiligen Innung zu. Ihnen oblag die Leitung der Innungsgeschäfte, die Einberufung von Versammlungen, die Führung der Kasse sowie die Vertretung der Vereinigung nach außen. Zusätzlich besaßen sie auch eine gewisse richterliche Gewalt. Das Amt des Obermeisters war eine Wahlfunktion. Nach der jährlichen Neuwahl mußten die Obermeister im Rathaus den Großmeistereid schwören, der sie verpflichtete, sich an die Gesetze und Regeln der Innung zu halten.

Der Titel "Hofhandwerker"
Da die Regenten die Innungen bestätigten, kannten sie die Handwerker in Zerbst genau. So konnten die fähigsten Kräfte zur Arbeit an den fürstlichen Hof verpflichtet werden. Durch die rege Bautätigkeit, die mit der Errichtung des fürstlichen Schlosses ab 1681 einsetzte, kamen auch zahlreiche Handwerker aus anderen Ländern nach Zerbst. Insbesondere zogen die namhaften Baumeister und bedeutenden Künstler, die für den Zerbster Hof tätig waren, Auswärtige hierher. Die Ansiedlung in Zerbst war fast immer mit dem Erwerb des Bürgerrechtes verbunden, zum größten Teil auch mit dem Eintritt in eine Innung. Mit den auswärtigen Handwerkern fanden neue Techniken und "modernste" Gestaltungselemente bei der Herstellung von Produkten bzw. im Bauwesen Einzug. Durch regen Erfahrungsaustausch wurde ein hohes, teilweise sogar künstlerisches Niveau erreicht, was in den Bauten des Schloßbezirkes und in der ganzen Stadt zum Ausdruck kam.
Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, nach den Wirren des 30jährigen Krieges, normalisierte sich das alltägliche Leben allmählich wieder, Handwerk und Wirtschaft nahmen Aufschwung. In dieser Zeit wurde es üblich, Handwerkern und Lieferanten, die für das Fürstenhaus tätig waren, den Titel "Hofhandwerker" bzw. "Hoflieferant" zu verleihen. Zum ersten Mal taucht eine solche Bezeichnung 1663 in einer Zerbster Kammerrechnung (Rechnungsbuch über Einnahmen und Ausgaben des fürstlichen Hofes) auf. Der Hofgärtner Gehrt Osterlau erhielt 36 Taler Lohn. Die Gestaltung der Gärten um die Burganlage war ein wesentliches Anliegen des Regenten. Über viele Jahre hatten nur die Gärtner, die durch ihre besonderen Fähigkeiten eine exponierte Stellung bei Hofe einnahmen, diesen Titel inne. Erst ab 1679 trugen auch Handwerker diese Bezeichnung, wobei es sich häufig um den Obermeister einer Innung handelte. Eine Stellung bei Hofe brachte Vor- und Nachteile mit sich. Die Handwerker genossen ein hohes Ansehen, hatten einen relativ festen Arbeitsplatz und sicheren Absatz. Ein Teil von ihnen erhielt sogar ein jährliches Grundgehalt zuzüglich Deputat. Die angefertigten Waren bzw. geleisteten Arbeiten wurden gesondert vergütet. Allerdings fiel die Bezahlung, die nicht immer pünktlich gewährt wurde, nicht gerade reichlich aus. Auch der ständige Zeitdruck, unter dem viele Arbeiten ausgeführt werden mußten, ist nicht zu unterschätzen.
Der Umfang der fürstlichen Bauten und die damit verbundenen Ausgaben erreichten im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts neue Dimensionen. Damit ging auch ein Anstieg der Titelverleihungen per Bestallungsdekret einher. Fast jedes Gewerk war nun am Hof vertreten. Einige Familien hatten die Stellung und den Titel seit mehreren Generationen inne.

Handwerker am Fürstenhof
Die Kammerrechnungen des Fürstentums Anhalt-Zerbst der Jahre 1679 bis 1793 verzeichnen mehr als 400 Handwerker der verschiedensten Berufe. Die Zahl enthält nicht die Künstler bzw. die zahlreichen Hilfskräfte, wie Handlanger und dergleichen. Genannt werden vor allem solche Gewerke, die in engem Zusammenhang mit dem Baugeschehen standen. Von vielen Personen sind heute nur noch Name und Beruf bekannt, von anderen dagegen sind die Nachrichten umfassender.
Zum Beispiel ist vom Maurermeister Johann Gottfried Erler bekannt, daß er aus Kemberg bei Wittenberg nach Zerbst kam. Er erwarb das Zerbster Bürgerrecht und ließ sich auf dem Klosterhof nieder. Schon 1732, nach dem Ableben des Hofmaurermeisters Balthasar Heber, erhielt er diese Bestallung, die er bis zu seinem Ableben 1751 inne hatte. Der Hofmaurermeister erhielt eine jährliche Besoldung. Außerdem wurden ihm die verrichteten Arbeiten vergütet. Erler war maßgeblich an der Errichtung der Hauptorangerie, des Pavillonanbaus am Westflügel und an der Erweiterung des Lustschlosses Friederikenberg beteiligt. Großen Anteil hat er am Bau des Ostflügels des Schlosses ab 1743/44. Ihm oblag auch die Bewirtung des Baukondukteurs und Bauleiters Johann Friedrich Friedel. 1746 vermählte sich Erler in der Schloßkapelle mit einer Zerbster Bürgerstochter. Einige Hofangestellte hatten das Privileg, hier getraut zu werden. Die Nachfolge Erlers trat Karl Wilhelm Christ, Sohn eines Kastellans zu Ansbach, an. Im oblag die Weiterführung des inneren Ausbaus des Ostflügels.
Der Steinhauer und Steinmetzmeister Johann Joseph Eyberg (1698-1754) arbeitete eng mit dem Maurermeister Erler an verschiedenen fürstlichen Gebäuden zusammen. An der Ruine des Ostflügels zeugen noch heute sämtliche Fensterrahmen aus Sandstein, die Treppen zu den Portalen und die großen Balustraden der beiden Mittelrisalite von seiner Tätigkeit.
In den Jahren 1713-1753 ist der "Hochfürstliche Bildhauer und Stukkateur" Paul Anthon Trebeßky am Zerbster Hof nachweisbar. Der erfahrene Handwerker, eigentlich schon Künstler, war am Ausbau der Schloßkapelle beteiligt, am Bau des Schloßturmes, des Lusthauses im Herzogin-Garten, der Hauptorangerie, des Pavillonanbaues des Westflügels und an der Gestaltung des Spiegelkabinetts im Schloß. Seine in Zusammenarbeit mit Johann Friedrich Schmidt in den Jahren 1728-1732 entstandenen Stukkaturen in der ehemaligen Reitbahn sind noch heute Zeugnis vom großen Können Trebeßkys, ebenso die Reste des Sandsteinschmucks (Portale, Figuren etc.) am Ostflügel.
Christian Conrad Stutz, im April 1743 als Hofbildhauer angenommen, arbeitete bei vielen Bauaufgaben sehr eng mit Trebeßky zusammen. Häufig war er auch mit der Gestaltung von Innendekorationen beschäftigt, so im Spiegelkabinett (Corps de logis) und in Räumen des Ostflügels. Durch die hier anfallenden umfangreichen Arbeiten wurden weitere Bildhauer am Hof eingestellt, so Johann Christoph Boßmann aus Stralsund, seit 1750 Hofbildhauer, ab 1786 Oberkastellan und Bauverwalter, und Johann Christian Ehrlich aus Querfurt, der in der Fuhrstraße lebte.
Johann Andreas Altenkirch, 1723-1728 am Zerbster Hof, war nicht nur Zimmermeister, sondern besaß auch seit 1699 das Bürger- und Braurecht der Stadt. Er war im wesentlichen an der Errichtung der heutigen Stadthalle (Dachwerk und Fenster) beteiligt. Sein Berufskollege Michael Paul Gleichner (1686-1742) war seit 1727 bis zu seinem Tode Bürger der Stadt und an fürstlichen Baustellen der Zeit tätig. Ab 1729 bezog er als Hofzimmermann regelmäßiges Grundgehalt in Höhe von 12 Talern jährlich zuzüglich Deputat und Geld für geleistete Arbeit.
Die besondere Aufgabe des Hofzimmermeisters Balthasar Großkopff, einst wohnhaft auf der Neuen Brücke, bestand in der Instandhaltung sämtlicher Pumpen im Schloßbezirk ab 1727. Er verstarb 1761 im Alter von 67 Jahren.
Bereits 1688 wurde Christian Domack, Bürger und Brauer, als Hoftischlermeister angestellt. Diese Position bekleidete er bis zu seinem Tode 1730. Unter anderem schuf er 106 große Fensterrahmen und sämtliche Türen für den Westflügel, fertigte Fußböden für die herrschaftlichen Gemächer an.
Christian Friedrich Öhlschläger, seit 1743 Hoftischler, und sein Bruder Johann Christian (1665-1751), ebenfalls Hoftischlermeister sowie Bürger und Obermeister der Tischlerinnung, waren auf der Neuen Brücke ansässig. Beide waren vom Ausbau der Kapelle ab 1717 bis hin zur Gestaltung der Räume des Ostflügels ab 1746 für das Fürstenhaus tätig. Der Sohn des Christian Friedrich namens Johann Gottfried (1707-1758) führte die Werkstatt des Vaters weiter. Zwischen den Brüdern Öhlschläger und Salomon Mickan jun. und sen., die ebenfalls den Titel Hoftischlermeister trugen, bestand eine enge Zusammenarbeit. Die Mickans sind jedoch eher als Kunsttischler zu bezeichnen. Sie stellten auch reich verzierte Schränke, Stühle und Bilderrahmen her. Ihnen oblag die Anpassung und der Einbau der in Berlin von Johann Michael Hoppenhaupt d. Ä. geschnitzten Holzpaneele der kostbarsten Zimmer des Ostflügels. Die herrlichen Intarsienfußböden in diesen Räumen, unter anderem im Audienzsaal, im Schlafzimmer der Fürstin und im Zedernkabinett, dem erlesensten Raum im Stil des friderizianischen Rokoko, schufen sie ebenfalls.
Zwei Generationen der Familie Strauch, seßhaft in der Brüderstraße, übten den Beruf des Hofschlossermeisters aus. Von 1682 bis 1701 finden sich Zahlungen an Daniel Strauch, der seit 1663 das Bürgerrecht hatte, ab da bis 1732 an seinen Sohn Johann Friedrich. Der Letztere vermählte sich 1729 in der Schloßkapelle mit einer Ratstochter. Vater und Sohn stellten vorwiegend Fenster- und Türbeschläge her. Hofschlossermeister, jedoch mit einem festen Grundgehalt, war ebenfalls Martin Friedrich Böhme, geboren 1673. Der Obermeister seiner Innung arbeitete von 1725 bis zu seinem Tode 1740 am Hofe.
Kurze Zeit später, 1743, erhielt Andreas Henning Braune die Bestallung als Hofschlossermeister. Er heiratete 1740 eine Pflegetochter Böhmes. Von seiner Hand stammten die prachtvollen schmiedeeisernen Ziergitter im Treppenhaus des Ostflügels, die nach der Zerstörung des Schlosses für einige Zeit am Aufgang der Stadthalle angebracht waren. Er starb 1784 im Alter von 70 Jahren.
Johann Christian Förster (1645-1727) aus Liebau besaß seit 1679 das Zerbster Bürgerrecht und war der Begründer mehrerer Generationen von Hofgürtlermeistern. In der Tradition folgten ihm sein Sohn gleichen Namens (1683-1754), der 1743 den Rang eines Hofgürtlers erlangte, sowie seine beiden Enkel Johann Conrad (1719-1771) und Johann Christian, der 1755 sogar Hofjuwelier wurde. Weitere Mitglieder der Familie Förster waren als Gürtler in der Stadt bzw. in Magdeburg tätig.
Hofklempnermeister in der Mittelstraße waren Thomas Christoph Ulffert (1679-1741) aus Magdeburg und sein Sohn Valentin Christian (1722-1800), der Obermeister seiner Innung war.
Die Familie Uthemann (oder Uthmann) stellte schon eine wahre Dynastie von Kupferschmieden in Zerbst dar. Im 17. und 18. Jahrhundert finden sich allein zwölf Mitglieder in diesem Beruf, zahlreiche darunter auch bei Hofe bzw. als Obermeister der Innung. Eine ähnliche Situation zeigte sich bei den Lehmanns, die in mehreren Generationen Hofzinngießermeister stellten.
Der Sohn eines Malers in Freiberg war der Hofkupferschmiedemeister und Obermeister der Eisengewerksinnung Michael Warnitz (1666-1737). Er arbeitete auf der Alten Brücke. Sein Sohn Johann Andreas Warnitz (1697-1751) war ab 1743 Hofkupferschmied. Beide stellten zum Beispiel Drachenköpfe, die als Regenabfluß dienten und heute im Museum zu sehen sind, für das Schloß und die ehemalige Reitbahn her. Außerdem schuf der Vater die Prunksärge von Fürst Carl Wilhelm (1652-1718) und seiner Gemahlin Sophia (1654-1724), der Sohn die Särge der Fürsten Johann Ludwig (1688-1746) und Christian August (1690-1747).
Die Uhrmacherfamilie Rummel hatte in Zerbst lange Tradition. Sie stellte alle größeren Uhrwerke am Schloß her und war mit deren Wartung betraut. Auch die Uhren in den fürstlichen Gemächern hatte sie instandzuhalten. Am Hof arbeiteten Matthias (1661-1728), von dem die große Uhr mit Mondphasenkugel am Schloßturm stammte, sowie seine Söhne Christoph Victor (1696-1758) und Johann Michael (geb. 1708).
Als Hofglasermeister fanden Christian Rosenthal (1664-1734) aus Eilenburg, ab 1685 Zerbster Bürger, und Johann Christian Rosenthal (verstorben 1748), die beide auf der Alten Brücke wohnten, Anstellung am Zerbster Hof. Sie waren für die Verglasung und die Reparatur der vielen großen Fenster des Schlosses, der Orangerien und anderer Gebäude im Schloßgarten zuständig. 1743 wurde zusätzlich Johann Christian Müller, Sohn eines Zerbster Glasers, als Hofglaser angenommen.
Aus Merseburg kam Johann Christoph Nippold nach Zerbst und wurde hier Hofnadlermeister. Er erwarb 1695 das Zerbster Bürgerrecht. Ab 1709 waren er und später sein Sohn gleichen Namens für das Fürstenhaus tätig. Der Sohn, dreimal in der Schloßkapelle vermählt, kam jedoch wegen Diebstahls ins Gefängnis und verstarb dort 1751.
Die Hoftapeziere Friedrich Erdmann Natho (1697-1753) und Johann Peter Barby, 1763 in der Schloßkapelle vermählt, waren für die Beschaffung und Anbringung von Gardinen sowie für die Ausgestaltung herrschaftlicher Gemächer mit kostbaren Stoffwandbespannungen zuständig. Zu ihren Aufgaben gehörte u.a. aber auch das Beziehen von Betten und die Bespannung des Billardtisches im Schloß. Sie arbeiteten eng mit dem Hofposamentier Anastasius Hohmann zusammen, der die benötigten Tapeten, Stoffe und Quasten herstellte bzw. beschaffte. Er stammte aus Braunschweig und wohnte auf der Breite.
Umfangreiche Aufgaben hatten die Maler zu bewältigen: Streichen der aus Sandstein bestehenden Schmuckelemente der fürstlichen Gebäude mit Ölfarbe sowie der Fenster und Türen, Schlemmen der Wände, Tünchen von Räumen, Streichen von Paneelen, Lackieren und Streichen von Mobiliar, Vergoldungen innen wie außen, Streichen von Brücken und Pflanzenkübeln im Park und vieles mehr. Vertreter dieser Berufsgruppe waren: Hofmaler Johann Andreas Wege (verstorben 1716) aus Halle, der seit 1690 das Zerbster Bürgerrecht besaß, Arbeit am Hof von 1683 bis 1713; Hofmaler Romanus Rosche (verstorben 1748), von 1713 bis 1746 hier tätig; "Hochfürstlicher Hof- und Stallmaler" Johann Caspar Egeling (1719-1799), in den Rechnungen nachweisbar von 1745 bis 1787.
Eine besondere Stellung nahmen die Kunstmaler ein, die Porträts von Mitgliedern des Fürstenhauses und andere Gemälde anfertigten sowie Tapeten herstellten. Der Hof- und Kunstmaler Johann Andreas von Düwens kam 1694 aus Danzig nach Zerbst und erhielt Ostern 1697 die Bestallung als Hofmaler. Seine Wohnung befand sich in der Breiten Straße. Bis zu seinem Tode 1716 war er am Hof tätig. Seine nennenswerteste Leistung bestand in der Anfertigung der acht Wand- und drei Deckengemälde im Kirchsaal, der als Speisesaal diente. Die Malereien waren bis 1945 vorhanden. Adolph Christian Schrader (1689-1752) trug die Bezeichnung "Hof Contrafait Maler". Ab 1717 erhielt er eine regelmäßige jährliche Besoldung von durchschnittlich 100 Talern. Von ihm stammten u. a. die drei Deckengemälde in der Schloßkapelle. Aus dem fernen Schweden kam Piere Ranie (oder Ranje) nach Zerbst und war hier 1738 bis 1743 tätig. Er vermählte sich 1735 in der Schloßkapelle mit einer Tochter des Hofbaumeisters Johann Christoph Schütze. Der in der Jüdenstraße ansässige Kunstmaler schuf zahlreiche Deckengemälde im Appartement des Fürsten Johann August (1677-1742), das sich im obersten Geschoß des Pavillonanbaus des Westflügels befand. Im Zerbster Schloß war der Kunstmaler Friedrich Hartmann Paradyen, auch Parisien genannt, von 1748 bis 1757 beschäftigt. Der königlich-polnische Hofmaler war maßgeblich an der Ausgestaltung des Ostflügels im Stil des Rokoko beteiligt. Sein Rang kam darin zum Ausdruck, daß die beiden Fürstinnen Hedwig Friederike (1691-1752) und Johanna Elisabeth (1712-1760) Taufpaten seiner 1748 geborenen Tochter waren. Paradyen schuf mehrere Supraporten, zwei sind heute in der Würzburger Residenz nachweisbar, und zahlreiche farbenprächtige Tapeten. Er fertigte aber auch fürstliche Porträts an sowie Stadtansichten des Zerbster Herrschaftsgebietes, wie Zerbst, Dornburg, Friederikenberg, Coswig, Roßlau und Lindau, die leider nicht erhalten sind.
Für die Gestaltung und Pflege der fürstlichen Gärten und der Bestände in den vielen Orangerien war der "Hochfürstliche Hof- und Lustgärtnermeister" Johann Gottfried Unger (1655-1723), Sohn eines Kunstgärtnermeisters in Dresden, von 1679 bis 1720 zuständig. Nur mit zahlreichen Gärtnern und Hilfskräften war diese Aufgabe zu bewältigen. Zum Weihnachtsfest lieferte Unger der fürstlichen Familie exotische Früchte aus den Orangerien. Die Nachfolge trat sein Sohn Johann Daniel Unger (1697-1758) an, der die Stelle bis zu seinem Tode ausfüllte. Sein Grabmal befindet sich noch heute an der Nordseite des Chores der St. Bartholomäikirche.

Die ausgedehnten Neubauten und Veränderungen im Schloßbezirk sowie die umfangreichen Dienstleistungen und die zahlreichen Produkte vielfältigster Art, die für eine barocke Hofhaltung benötigt wurden, waren entscheidende Faktoren, die den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes Anhalt-Zerbst bewirkten. Die gebildeten Fürsten Carl Wilhelm (1652-1718) und Johann August (1677-1742) führten ihr Land durch umsichtige Politik zu erneuter Blüte. Natürlich verschlang die Hofhaltung viele tausend Taler, doch verschaffte sie auch etlichen Zerbstern Arbeit und damit eine gesicherte Existenz. Die Zuwanderung vieler Handwerker zeugt ebenfalls davon, daß die Residenzstadt Zerbst eine attraktive Arbeitsstätte und ein Ort war, an dem es sich relativ angenehm wohnen ließ. Erst mit der Übernahme der Regentschaft durch die prunksüchtige Fürstin-Witwe Johanna Elisabeth (1712-1760) kam es zu verschwenderischen Ausgaben, die dem Leben der Bevölkerung und der Wirtschaft nicht mehr zugute kamen. Eine permanente Rückentwicklung auf allen Gebieten und eine Verarmung der Menschen waren die Folge. Verstärkt wurde diese Situation noch durch den Wegfall der Hofhaltung in Zerbst, als Fürst Friedrich August (1734-1793) im Jahre 1764 die Residenz verließ und 1793 in Luxemburg starb.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 1999, Seite 63—72


Quellen:
Dalmer, Paul: Das Innungswesen der Stadt Zerbst bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, Zerbst 1910
Herrmann, Dirk: Schloß Zerbst in Anhalt, Halle 1998
Kirchenbücher St. Bartholomäi Zerbst


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