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Der Zerbster Hof zur Zeit Johann Augusts

Im Jahre 1603 erfolgte die Teilung des Landes Anhalt unter den Söhnen des Fürsten Joachim Ernst (1536-1586). Fürst Johann Georg (1567-1618) führte nach dem Tode seines Vaters 1586 die Regierung als Vormund seiner jüngeren Geschwister für 17 Jahre. Am 30. Juni 1603 beschlossen die fünf Brüder auf dem Dessauer Schloß die Bildung von vier selbständigen Landesteilen. Johann Georg I. behielt sich Dessau vor, wo er geboren wurde und regierte. Sein Bruder Christian, ebenfalls aus erster Ehe mit Agnes von Barby (1540-1569), wählte entsprechend seinem Geburtsort Bernburg das Bernburger Land. Augustus (1575-1653) aus der zweiten Ehe des Joachim Ernst mit Eleonore von Württemberg (1552-1618) gab sich mit einer Abfindung in Höhe von 300000 Talern zufrieden, was einem Fünftel des Wertes der Gesamtherrschaft entsprach. Auf sein späteres Bitten, doch selbst eine Herrschaft zu besitzen, erhielt er 1611 Amt und Schloß Plötzkau. Sein jüngerer Bruder Rudolf (1576-1621) wurde Fürst von Anhalt-Zerbst. Der Jüngste, Ludwig (1579-1650), stiftete die Köthener Linie.
In den 190 Jahren des Bestehens des kleinen Fürstentums Anhalt-Zerbst von 1603 bis 1793 gehörte Fürst Johann August (1677-1742) zu den bedeutendsten und angesehensten Regenten. Er prägte wie kein anderer das Gesicht der Residenzstadt und trug erheblich zum Aufschwung von Handel und Gewerbe bei.
Am 29. Juli 1677 morgens nach 5 Uhr wurde das erste Kind des regierenden Fürsten Carl Wilhelm (1652-1718) und seiner Gemahlin Sophia (1654-1724), einer gebürtigen Prinzessin von Sachsen-Weißenfels, in Zerbst geboren. Der Sohn des am 18. Juni 1676 auf der fürstlichen Residenz in Halle in Anwesenheit des Kurfürsten von Sachsen Johann Georg II. (1613-1680) vermählten Paares wurde am 7. August 1677 auf den Namen Johann August getauft. Der erste Name stammt von seinem Großvater väterlicherseits — Johann von Anhalt-Zerbst (1621-1667) — der zweite von seinem Großvater mütterlicherseits — August von Sachsen-Weißenfels, der von 1656 bis 1680 diesen Zweig der Albertinischen Linie der Wettiner regierte.

  Fürst Johann August Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst
Johann August folgten noch zwei weitere Geschwister. Prinz Carl Friedrich, geboren 1678, starb im Jugendalter mit nur 15 Jahren 1693, Prinzessin Magdalena Augusta erblickte 1679 das Licht der Welt. Sie ehelichte 1696 den Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha (1676-1732). Die Ehe wurde auf dem Residenzschloß zu Gotha vollzogen. Die Witwe Magdalena Augusta starb 1740 in Altenburg und fand in der Fürstengruft des Gothaer Schlosses ihre letzte Ruhe. Als ältester männlicher Sproß war Johann August Erbprinz von Anhalt-Zerbst. Seinem Stande entsprechend erhielt er bereits in früher Kindheit eine gute Bildung. Der Historiker Lentz schrieb dazu: "Er ist nebst seinem Herrn Bruder unter der Hochfürstl. Eltern Aufsicht, und unter der Anführung und Information R. Zachariä Schülern (später Hochfürstl. Konsistorialrat) erzogen, und zu allen seinem hohen Stande gemäßen Wissenschaften, ins besondere zum Christenthum, zur Historie, Politic, Jure Civili et Publico (bürgerliches Recht und Staatsrecht), Mathesi (Mathematik), Fortification (Festungsbaukunst) und allen Exercitiis (Übungen) auch der Musik vortrefflich unterrichtet."
Nach Abschluß seiner grundlegenden Ausbildung im heimischen Zerbst ging Johann August auf Studienreisen, wie es in der höheren Gesellschaft der damaligen Zeit üblich war. Seine erste Exkursion führte ihn und seinen Begleiter Siegmund Gottfried von Hengel in die Vereinigten Niederlande. Auf seinem Weg nach Brüssel machte er in Magdeburg, Braunschweig und Hannover Station. Bei dieser Gelegenheit empfing ihn der englische König Wilhelm III. von Oranien (1650-1702). Bei Gent in Flandern besichtigte Johann August die dort stationierten Truppen. Anschließend stand ein Besuch der Armee in Brabant auf dem Programm.
Eine besondere Gelegenheit für den Erbprinzen, an der großen Politik teilzunehmen, ergab sich in Rijswijk im Haag. Dort fanden von September bis Oktober 1697 umfangreiche Friedensverhandlungen statt. Am 24. September 1688 hatte Ludwig XIV. von Frankreich (1638-1715) dem Reich den Krieg erklärt. Nach zähen Verhandlungen fanden die endlosen, zehn Jahre währenden Feldzüge ihr Ende. Hier konnte Johann August nicht nur seine Kenntnisse auf politischem Gebiet vertiefen sondern traf auch mit vielen namhaften kaiserlichen, königlichen, kurfürstlichen und fürstlichen Gesandten zusammen. Nach Abschluß der Konferenz führte ihn sein Weg nach Utrecht, wo er die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Universität besuchte. Seine nächsten Ziele waren die Kurfürstentümer am Rhein, wo er freundlichste Aufnahme fand und das feudale Leben genoß. An den kurfürstlichen Höfen wurden ihm zahlreiche Ehrenbezeugungen zuteil. In Straßburg ließ er sich vom Gouverneur die Festung zeigen und erklären. Anschließend besuchte er die Stadt Basel und trat den Rückweg nach Zerbst über Stuttgart an, wo er Gast des regierenden Herzogs war. Über Augsburg, München, Ulm, Regensburg, Nürnberg und Frankfurt gelangte der Erbprinz im Januar 1699 schließlich wieder in seine geliebte Heimat.

Carl Wilhelm war sehr an einer fundierten Ausbildung des Sohnes und Nachfolgers gelegen, weshalb er auch die kostspielige Bildungsreise finanzierte. In Zerbst betrieb Johann August seine Studien weiter. Früh bezog sein Vater ihn auch in die Staatsgeschäfte ein, was zu dieser Zeit nicht die Regel war. Viele Erbprinzen mußten die Regentschaft völlig unvorbereitet übernehmen, was dem Staatswohl nicht gerade zuträglich war und vielerorts Günstlingswirtschaft verursachte. Johann August nahm an Sitzungen der fürstlichen Regierung teil, bei Beratungen waren seine Meinung und sein Urteil gefragt. Er fand immer mehr Gefallen an der Politik.
Doch für längere Zeit hielt es ihn nicht in Zerbst. Schon im Juni 1701 reiste Johann August nach Dänemark. In der Hauptstadt Kopenhagen wurde er vom König Friedrich IV. (1671-1730) empfangen. Als besondere Auszeichnung erhielt er den königlichen Elefantenorden. Der Chronist Johann Christoff Beckmann hielt dazu fest:
"Den 23. Octobr. aber gedachten Jahrs 1701 haben S. Königl. Maj. zu Dennemarck, zu Bezeugung Dero Königl. gegen S. Durchl. tragenden besonderen Hochhaltung, Abends umb 6. Uhr kurtz vor der Taufe des Königl. Printzen Friedrich Carls, so denselben Morgen gebohren worden, und den 7. Januar. A. 1702 todes verblichen, S. Durchl. in den Königl. Ritter-Orden des Elephanten in Dero Cabinet auf- und angenommen. ... S. Kön. Maj. stunden unweit dem Tische, worauf das Ordens-Zeichen lag, und nachdem S. Durchl. die gehörige Reverence abgeleget, nahmen S. Maj. dasselbe, und hiengen es, nach vorher gehaltener kurzen Anrede von vielen gnädigen Expressionen (Ausdrücken), und Versicherung Dero beständigen Affection (Wohlwollen) und Freundschaft, S. Durchl. selbsten umb, worauf S. Durchl. Dero gebührende Dancksagung abgestattet, und Sich darauf in voriger Ordnung aus dem Königl. Cabinet in das Audience-Gemach begeben; Allwo Sie von den Königl. Hrn. Brüdern, wie auch allen Anwesenden, so wohl einheimischen als fremden Ministris complimentiret."
Dies war eine sehr hohe Ehre, die nur ausgewählten Personen fürstlichen Geblüts zuteil wurde. Nach fast 300 Jahren erinnert in der Zerbster Stadthalle über der Fürstenloge der ehemaligen Reitbahn noch immer die in Stuck ausgeführte Ordenskette an dieses Ereignis. Die derzeit regierende Königin Margarete II. von Dänemark (geboren 1940) verleiht noch heute diesen Orden an auserwählte, verdienstvolle Personen.
Johann August machte auf seiner Reise auch in Schweden Station, wo er eine Schwester seiner Großmutter Sophie Auguste (1630-1680), die Großmutter des regierenden Königs Karl XII. (1682-1718), besuchte.
Nach seiner Rückkehr, er war 24 Jahre alt, erhielt er vom Vater eine eigene Hofhaltung. Das war auch notwendig, denn seine Vermählung stand unmittelbar bevor. Am 26. Februar 1702 verlobte er sich auf Schloß Friedenstein in Gotha mit der jungen Prinzessin Friederike von Sachsen-Gotha.
Die Tochter des Herzogs Friedrich I. (1646-1691) erblickte am 24. März 1675 das Licht der Welt. Ihre Mutter Herzogin Magdalena Sibylla (1648-1681), eine gebürtige Prinzessin von Sachsen-Weißenfels, verlor sie im Alter von nur fünf Jahren. Unter Aufsicht und Anleitung des Vaters Friedrich und der Stiefmutter Christine Friederike (1645-1705) aus dem Hause Baden-Durlach, die er noch im Todesjahr seiner ersten Gemahlin ehelichte, wurde die Prinzessin Friederike standesgemäß erzogen. Im Jahre 1691 verstarb auch ihr Vater. Sie blieb daraufhin bei ihrer Stiefmutter auf deren Witwensitz Schloß Altenburg. Zwei Jahre später, 1693, als ihr Bruder, der nunmehrige Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha (1676-1732), die Regierung übernahm, kehrte sie wieder auf Schloß Friedenstein zurück. Dort unterstütze sie ihn bei der Ausübung der Regierungsgeschäfte.
Friederike war eine geistreiche, sehr religiöse Frau, die viel las. Neben deutsch sprach und schrieb sie fließend französisch und italienisch. Sie war wohl eine Schönheit ihrer Zeit; der Chronist Beckmann schrieb von einer "sonderbahren Zierde und Schönheit des Leibes".
Anläßlich der Einweihung der Zerbster St. Trinitatiskirche im Oktober 1696 waren auch Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha mit seiner Gemahlin, der gebürtigen Zerbster Prinzessin Magdalena Augusta (1679-1740) sowie zwei seiner Schwestern und Friederike zugegen. Auf diesem Fest lernten sich der Erbprinz Johann August und die Prinzessin Friederike kennen. Beiden empfanden große Zuneigung zueinander.
Am 25. Mai 1702 wurde die Trauung auf der fürstlichen Residenz Zerbst vollzogen. Hier befand sich für die erste Zeit auch ihr kleiner Hofstaat. Obwohl die Stiftung fürstlicher Verbindungen viel mit Politik und wenig mit Liebe zu tun hatte, war das Paar sehr glücklich und verliebt — ein Umstand, den man nur selten antraf.
Gemeinsam mit den Eltern des Erbprinzen besuchten sie Jever in Friesland, das seit 1667 zu Anhalt-Zerbst gehörte. Dort hielten sie sich 1706 für mehrere Wochen auf und genossen die Gegend. Die umfangreichen und umsichtigen Investitionen des Fürsten Carl Wilhelm in das entfernte Gebiet zahlten sich nun nach Jahrzehnten aus. Die durch Eindeichungen und Meliorationen gewonnenen Flächen dienten der Viehzucht und dem Ackerbau. Ein Großteil der erzielten Einnahmen floß nach Zerbst.
Die beengten Verhältnisse der Zerbster Residenz — das Barockschloß war noch längst nicht fertiggestellt — und die ständige Anwesenheit des elterlichen Regentenpaares veranlaßten den Erbprinzen, sich ein eigenes kleines Schloß zu errichten. Als geeigneten Platz hatte er sich den Hüttenberg bei Badetz, unweit der Elbe und knapp zehn Kilometer von Zerbst entfernt, ausgewählt. In Anwesenheit der erbprinzlichen Eheleute fand am 3. September 1704 die Grundsteinlegung zum Lusthaus statt. Zu Ehren seiner Gemahlin erhielt der Ort den Namen Friederikenberg. Den Bau des Schlosses und der Orangerien sowie die Anlegung des Barockgartens finanzierte Johann August aus seiner Privatschatulle. Hier wollten beide in ländlicher Idylle, fernab von den offiziellen Pflichten und den Repräsentationen des Hofes, schöne Stunden miteinander verbringen. Doch mit dem frühen Ableben seiner Gemahlin kamen die Arbeiten am Friederikenberg zum Erliegen. Die glückliche Ehe hatte nur sieben Jahre Bestand. Friederike hatte schon längere Zeit gesundheitliche Probleme, weshalb sie sich 1694 und 1697 zu Kuren nach Bad Ems begab. Am 10. Februar 1708 war sie wiederum gesundheitlich stark angeschlagen, konnte aber mittels starker Medikamente kuriert werden. Anschließend reiste sie mit ihrem Gemahl für einen Monat nach Coswig, um sich durch die Luftveränderung vollends zu erholen. Die Monate August bis Oktober desselben Jahres verbrachte sie mit ihrem Mann in Karlsbad, wo sie bereits 1704 weilte. Von dort kehrte sie gesund nach Zerbst zurück. Am 7. Mai des folgenden Jahres reiste sie abermals nach Karlsbad, wo sie am 17. des Monats erneut von einer Krankheit befallen wurde. Die Ärzte waren machtlos. Unter Fieber und heftigen Schmerzen verschied sie dort am 28. Mai 1709 früh zwischen 8 und 9 Uhr in den Armen ihres Gemahls Johann August. Dieser hatte nun kein Interesse mehr am Weiterbau des Schlosses Friederikenberg. Sein Vater ließ die Anlage zu einem provisorischen Abschluß bringen. Erst 1725 begann die Bautätigkeit auf dem Friederikenberg erneut, die bis zur Vollendung 1741 währte. Die fertiggestellte Kirche in einem Seitentrakt der Anlage weihte der Oberhofprediger Töpfer am 8. Oktober 1737 ein.

Nach der Überführung des Sarges in ihre Heimatstadt Zerbst wurde Friederike in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni in der Gruft der St. Bartholomäikirche in aller Stille beigesetzt. Die Glocken der Kirchen der Stadt und des ganzen Landes, auch die in Jever, verkündeten den Trauerfall überall — eine Woche lang jeden Vormittag eine Stunde, drei weitere Wochen je eine halbe Stunde täglich. Das feierliche Leichenbegängnis fand am 16. Juli in der Hof- und Stiftskirche statt. Dazu fuhren mehrere sechsspännige, mit Trauerflor versehene Kutschen mit dem Witwer Johann August, seinen Eltern Fürst Carl Wilhelm und Fürstin Sophia sowie höchsten Hofbeamten vom Schloß zur Kirche, die dem Anlaß entsprechend festlich schwarz mit vielen Verzierungen ausgeschmückt war. Im Chor stand der mit rotem Samt und goldenen Tressen verzierte, von sechs großen silbernen Leuchtern umgebene Sarg der Prinzessin auf einem schwarzen Samttuch mit einem gestickten weißen Kreuz und den silbernen fürstlichen Wappen von Anhalt und Sachsen. Auf einem schwarzen Samtkissen mit goldenen Quasten lag der rotsamtene, mit Hermelin ausgeschlagene und mit Diamanten besetzte Fürstenhut. Über dem Sarg erhob sich ein schwarzer Samtbaldachin, der mit goldenen Tressen und silbernen Verzierungen drapiert war. Die Sinnbilder der Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung und Geduld sowie andere umgaben die Szenerie.
Von zahlreichen königlichen und fürstlichen Höfen trafen Kondolenzschreiben ein, ein Ausdruck davon, wie hochgeschätzt das Paar war. Nach der Fertigstellung des Erbbegräbnisses im Westflügel des Schlosses 1713 wurde die Prinzessin dort in einen marmornen Sarkophag gebettet.
Den Verlust seiner geliebten Frau verwandt der Erbprinz nur schwer. Erst 1715 entschloß er sich zu einer neuen Bindung. Am Fürstenhof wartete man auf einen männlichen Nachkommen, der einst die Regierung übernehmen sollte. Seine Ehefrau Hedwig Friederike stammte aus dem Hause Württemberg-Weiltingen, wohin schon in älterer Zeit verwandtschaftliche Beziehungen bestanden. Die Ururgroßmutter des Erbprinzen väterlicherseits und Stammutter der Anhalt-Zerbster Linie, Fürstin Eleonore, war eine gebürtige württembergische Prinzessin. Am 18. Oktober 1691 wurde Hedwig Friederike geboren. Ihr Geburtsschloß in Weiltingen a.d. Wörnitz bei Dinkelsbühl, seit 1810 bayerisch, wurde 1814 abgebrochen. Ihr Vater, Herzog Friedrich Ferdinand (1654-1705), regierte seit 1662 in Württemberg-Weiltingen, die Mutter hieß Elisabeth (1665-1726) und entstammte der Nebenlinie Württemberg-Mömpelgard.
Johann August und Hedwig Friederike lernten sich in Karlsbad kennen, wo der Erbprinz sechs Jahre zuvor seine erste Gemahlin verloren hatte. Die Verlobung fand am 11. Juli 1715 ebenfalls dort statt.
Am 5. Oktober 1715 traf die Prinzessin in Zerbst ein. Um ihr einen würdigen Empfang zu bereiten, stand die Bürgerschaft auf der Breite Spalier. Mitgeführte verschiedenfarbige Fahnen symbolisierten die einzelnen Zerbster Stadtviertel: weiße das Heideviertel, rote das Frauenviertel, blaue das Akensche Viertel, gelbe das Breite-Straßen-Viertel und grüne das Ankuhnsche Viertel. Die fürstlichen Diener erhielten zu diesem Anlaß neue Kleidung: rote Röcke und Mäntel, gelb gefüttert und mit silbernen Tressen eingefaßt, dazu gelbe Strümpfe sowie mit silbernen Tressen und Büschen aus schwarzen und gelben Bändern versehene Hüte. Der Erbprinz fuhr seiner Verlobten mit einer sechsspännigen Kutsche entgegen. In dem langen, prachtvollen Zug, der vom Schloß bis zum Frauentor hinaus verlief und aus 16 Karossen bestand, befanden sich auch der Regent Carl Wilhelm mit Gemahlin Sophia und Prinzen des Hauses Anhalt-Zerbst sowie zahlreiche Hofbeamte und andere Hofbedienstete in großer Zahl zu Fuß und zu Pferde. Nach der feierlichen Begrüßung der Prinzessin mit Gefolge nahmen beide Prozessionen gemeinsam den Weg zurück ins Schloß. Die Ankunft wurde durch dreimaligen Kanonendonner kund getan. Die Prinzessin erhielt Gemächer in der obersten Etage im Haupttrakt des Schlosses.
Die Trauung von Johann August und Hedwig Friederike fand am 8. Oktober 1715 im Tafelgemach, später als Kirchsaal bezeichnet, statt. Die Schloßkapelle war noch nicht vollendet, so daß dieser im Westflügel des Schlosses gelegene Raum genutzt wurde. Ein kleiner Altar an einer Schmalseite des Zimmers war von roten Samtstühlen für das Brautpaar und fürstliche Personen flankiert. Die Trauung vollzog der Hofprediger und Superintendent Töpfer in Anwesenheit des Regentenpaares sowie etlichen Prinzen und Prinzessinnen der Häuser Anhalt-Zerbst und Sachsen-Gotha und weiteren Gästen. Das anschließende Mahl für die fürstlichen Personen fand ebenfalls im Kirchsaal an einer großen ovalen Tafel statt. Der Hofstaat speiste im angrenzenden Vorzimmer und im Roten Saal.
Am 9. Oktober fand ein Bankett im Großen Saal des Schlosses mit anschließendem Tanz statt, einen Tag später ein Dankgottesdienst in der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi mit darauffolgendem Essen im Roten Saal. Die Festlichkeiten mit Empfängen, Gratulationen, Gottesdiensten, Festessen, Vokal- und Instrumentalmusiken, Tanz, Illuminationen, Scheibenschießen u.a. setzten sich über mehrere Tage bis zum 29. Oktober fort.
Hedwig Friederike überlebte ihren Gemahl um 10 Jahre und starb am 14. August 1752 um 4 Uhr Nachmittags in ihrem Appartement im Zerbster Schloß. Im Alter von 60 Jahren erlitt sie an der Tafel einen Schlaganfall und verschied am Tag darauf. Nachdem sie 3 Tage im geschlossenen Sarg im Roten Saal aufgebahrt war, wurde sie am 21. August 1752 in der fürstlichen Gruft beigesetzt. Sie wurde in einem schlichten, mit Samt und Tressen versehenen Sarg gebettet und in unmittelbarer Nähe ihres Gatten beigesetzt. Die Bevölkerung wurde zur Führung eines stillen Lebens angehalten, Musik durfte bis zum neuen Jahr 1753 nicht gespielt werden.
Am 3. November 1718 starb der Landesfürst Carl Wilhelm im Alter von 66 Jahren in Zerbst. Damit ging die Regierung an seinen Sohn Johann August über. Er ließ sich am 4. Juni 1720 in Zerbst huldigen. Bereits 1708 hatte Carl Wilhelm vom Kaiser Joseph I. (1678-1711) die Anrede "Durchlaucht" erhalten — neben dem Senior des Hauses Anhalt trug er als erster diesen Titel —, der nun an seinen Sohn überging. Mit Fleiß, Engagement und Ehrgeiz führte der neue Regent die Regierungsgeschäfte. Während seiner gesamten Regentschaft herrschte Frieden, so daß sich die Residenzstadt Zerbst und das ganze Land unter seiner Führung prächtig entwickeln konnten. Auf seine Anregung und mit seiner finanziellen Unterstützung entstand 1721 eine Fayencemanufaktur, geleitet von dem Delfter Johann Caspar Ripp und dem aus Hanau stammenden Daniel van Kayck. Die Produktionsstätte lieferte qualitativ hochwertige Erzeugnisse. Damit konnte Johann August seine Schlösser und Lusthäuser kostengünstig ausstatten, ohne ständig auf teure Importe angewiesen zu sein. Natürlich fanden die Produkte auch auf den Märkten des Landes Absatz, einiges konnte auch exportiert werden.
Anläßlich des 200. Jahrestages der Augsburger Konfession fanden 1730 kirchliche Feiern statt. Alle Prediger des Landes erhielten von Johann August die Geschichte des Augsburger Bekenntnisses. Im Jahre 1736 veranlaßte er die Anlegung der Straßenbeleuchtung der Stadt und begründete zwei Jahre später das Zucht-, Waisen- und Armenhaus am Frauentor. Die barocke Hofhaltung in Zerbst und die damit verbundenen Dienste sowie die kontinuierlichen Baumaßnahmen an Schlössern und anderen Gebäuden trugen wesentlich zum kontinuierlichen Aufschwung von Wirtschaft und Handel in Anhalt-Zerbst bei. Auch der Kunstsinn des Fürsten war mit entscheidend, daß sich zahlreiche namhafte und bedeutende Künstler, Handwerker, Schauspieler und andere über Jahrzehnte in Zerbst niederließen. Sein besonderes Interesse galt gleichfalls der Musik. 1722 berief er den Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch nach Zerbst, der bis zu seinem Tode 1758 sehr viele bedeutende Stücke komponierte und mit der Hofkapelle aufführte.
Auch die Herrschaft Jever vernachlässigte Johann August nicht und war selbst gelegentlich dort. Er fand in vielen Dingen die Unterstützung seiner Gemahlin Hedwig Friederike und war auch ein trefflicher Schütze — beim Scheibenschießen am 9. September 1735 in Coswig wurde er Schützenkönig.
Seine Mutter, Fürstin-Witwe Sophia, starb am 31. März 1724 in ihren Gemächern auf dem Zerbster Schloß. "Den 7. Juni 1724 geschah das Trauerbegräbnis Durchl. verehrt. Hertzogin Frauen Sophien, Fürstin zu Anhalt, Hertzogin zu Sachsen pp." — so ist es noch heute im Kirchenbuch zu lesen. Sie wurde an der Seite ihres Gemahls Carl Wilhelm in der Gruft der Hofkirche zu St. Bartholomäi beigesetzt. Erst 1899 veranlaßte Herzog Friedrich I. von Anhalt (1831-1904) die Umsetzung in das Erbbegräbnis im Schloß. Die Reste der 1945 dort beschädigten Särge befinden sich heute wieder in der St. Bartholomäikirche.
Am 7. November 1742 Nachmittags um halb drei Uhr schloß Fürst Johann August nach zwölftägiger Bettlägerigkeit in seinen Gemächern für immer die Augen. Er wurde 65 Jahre alt. Nach der Aufbahrung im Roten Saal wurde der Leichnam mit christlich-fürstlicher Zeremonie am 13. November Abends um 9 Uhr in der von ihm erbauten Gruft im Westflügel des Schlosses neben seiner geliebten ersten Gemahlin Friederike in aller Stille beigesetzt. Daraufhin wurde Landestrauer angeordnet, in den Kirchen des Landes wurden ihm zu Ehren Gedächtnispredigten gehalten.
Leider blieb auch die zweite Ehe des Fürsten kinderlos, so daß mit ihm die Hauptlinie Anhalt-Zerbst erlosch und die Herrschaft an die von Johann Ludwig I. (1656-1704) im Jahre 1698 begründete Nebenlinie Anhalt-Zerbst-Dornburg überging.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2000, Seite 111—119


Quellen:
Beckmann, Johann Christoff: Historie des Fürstenthums Anhalt, Zerbst 1710/16
Herrmann, Dirk: Schloß Zerbst in Anhalt, fliegenkopf verlag, Halle 1998
Lentz, Samuel: Becmannus enucleatus ..., Cöthen und Dessau 1757
Lorenz/Mertens/Press: Das Haus Württemberg — Ein biographisches Lexikon, Stuttgart 1997


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