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Mars und Venus
Die erstaunliche Geschichte von zwei Sandsteinstatuen

Dem aufmerksamen Spaziergänger oder Jogger sind im Waldfrieden in den letzten Jahren sicher zwei Sockel und eine herabgestürzte, kaum noch identifizierbare Sandsteinfigur aufgefallen. Die Elemente befanden sich bis zum Mai 2008 am westlichen Rondell im Bereich des Brauereiweges. Ältere Einwohner der Stadt werden sich erinnern, dass ursprünglich vier Sockel mit Figuren existierten. Witterung und Wandalismus haben den Standbildern stark zugesetzt, so dass auch schon in Vorwendezeiten Köpfe, Arme und andere Teile fehlten. Der Substanzverlust schritt so stark voran, dass heute nur noch die oben genannten Fragmente erhalten sind. Wann die anderen zwei sehr schweren Sockel und drei großen Torsen abtransportiert wurden und wo sie verblieben sind, konnte bislang nicht festgestellt werden.

Hartnäckig hielt sich in der Zerbster Bevölkerung bislang die These, dass die Figuren aus dem Garten des Lustschlosses Friederikenberg bei Tochheim stammen sollen, das Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst (1677-1742) errichten ließ. Diese Version erschien denn auch nicht unglaubwürdig. Mehrere, heute nicht mehr vorhandene Sandsteinstatuen schmückten nachweislich den großen Barockgarten dieser Anlage. Darüber hinaus weisen die noch immer auf dem erhalten gebliebenen Eingangsportal des Friederikenberges thronenden Bildhauerarbeiten - Bär mit anhaltischem Wappen, Löwe mit württembergischem Wappen und zwei Adler auf Kugeln, die mit dem dänischen Ritterorden des Elefanten geschmückt sind - verblüffende Ähnlichkeiten zu den Figurengruppen im Waldfrieden auf. Die Sandsteinarbeiten des Friederikenberges hatte der Zerbster Hofbaumeister Johann Christoph Schütze erwiesenermaßen entworfen und selbst ausgeführt. Beim Abbruch der Anlage in der Zeit nach 1833 im Auftrag des Dessauer Herzogs Leopold Friedrich (1794-1871) hätten Statuen aus dem Garten nach Zerbst transportiert werden können. Da sich das Friedrichsholz (ursprünglich Hainholz, seit 1749 Friedrichsholz und kurz nach 1945 Waldfrieden) damals noch im herzoglichen Besitz befand, hätte die Stadt Zerbst die Figuren auch nicht zur Aufstellung dort oder an einer anderen Stelle dem Herzogshaus abkaufen müssen.

  Mars am Schloss Fragment der Statue Mars am Schloss
Neueste Forschungserkenntnisse des Autors belegen jedoch, dass die Statuen des Waldfriedens niemals im Areal des Friederikenberges standen. Vielmehr konnte nachgewiesen werden, dass die Sandsteinfiguren einst den nördlichen Lustgarten des Zerbster Residenzschlosses schmückten.

Einen klaren Hinweis auf die Provenienz gaben ein Bär und ein Löwe, die Bestandteil der beiden Statuen im Waldfrieden waren. Sie verwiesen in Form, Anordnung und Haltung eindeutig auf den Hofbaumeister Schütze, der von 1722 bis 1743 das Zerbster Hofbauwesen leitete und maßgeblich beeinflusste. Auch die künstlerische Ausformung der Figuren verweist ganz klar auf diese Zeit. Differenzen bestehen jedoch dahingehend, dass die Plastiken in ihrer Ausführung nicht die Eleganz, Bewegtheit und Feinheit der Arbeiten Schützes zeigen. Sie konnten also nicht von diesem versierten Baumeister, Bildhauer und Maler stammen, sehr wohl aber die Entwürfe dazu.

Rein zufällig haben sich zwei Entwurfszeichnungen Schütze zu zwei Statuen erhalten, die für den Zerbster Schlossgarten vorgesehen waren. Denn in der Regel wurden alle Entwürfe und Pläne ausgeführter Bauten, Bildhauerarbeiten, Stuckaturen, Deckengemälde usw. nach ihrer Realisierung vernichtet, damit das geistige Potential der Künstler nicht in die Hände anderer Potentaten geriet. Die beiden 1742 entstandenen Zeichnungen sind von Schütze signiert und ihm damit klar zuzuordnen. Auftraggeber dafür war der regierende Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst (1677-1742).

Die beiden Statuen sollten den nördlichen Lustgarten schmücken, der sich zwischen Schloss und Hauptorangerie erstreckte. Dieser hatte ab Juli 1738 eine Neugestaltung nach Plänen Schützes erfahren. Die Ausführung dieser komplexen Anlage lag in den Händen des Zerbster Lust- und Hofgärtners Johann Daniel Unger und seiner Gesellen sowie Tagelöhnern. Innerhalb eines Jahres entstand ein künstlerisch gestaltetes Broderieparterre aus Buchsbaum und Taxus. Geschnittene Buchen, die eine Hecke bildeten, flankierten den Lustgarten und schlossen ihn gegenüber anderen Gartenbereichen ab. Ab 1740 wurde ein großer Springbrunnen mit einem Sandsteinrand und einer aufwändigen Bildhauerarbeit im Zentrum, aus dem das Wasser sprudelte, installiert. Er befand sich im mittleren Bereich vor der Orangerie, von der heute nur noch die demolierte rückwärtige Wand existiert. Zur weiteren Verzierung des Gartens sah der Baumeister insgesamt zehn Sandsteinstatuen vor. Aus Kostengründen wurden jedoch nur zwei mal zwei realisiert. Das erste Paar hatte Schütze nicht nur entworfen, sondern ab 1742 auch selbst in Stein gemeißelt. Jedoch geben weder historische Akten, noch alte Ansichten preis, wen die Figuren personifizierten.

Am 21. August 1742 wurde Fürst Johann August über die geplante Herstellung von zwei neuen Figuren unterrichtet: "[...] zu Hochfürstl. Durchl. Labe und gnädigsten Approbation überreichen wir hiermit devotest welchergestalt mit dem Baumeister Schütze wegen Verfertigung dero in dero hiesigem fürstl. Neuen Lustgarten zu stehen kommen sollenden zwei Statuen, den Mars und die Venus vorstellend, accordiret worden [...]" (LHASA, DE, Kammer Zerbst 4699). Der Fürst genehmigte schließlich die Ausführung nach Entwürfen Schützes. Es handelt sich um die beiden erhaltenen Zeichnungen zu den Statuen Mars und Venus. Der Mars symbolisierte das Fürstentum Anhalt, die Venus die Herrschaft Jever, die 1667 an Anhalt-Zerbst gelangte. Für die Ausführung war ursprünglich der Steinhauer Schnurr vorgesehen, der für seine Arbeit insgesamt 100 Taler erhalten sollte. Doch der Tod Johann Augusts am 7. November 1742 verhinderte vorerst deren Ausführung und die Fertigstellung des Lustgartens. Erst unter den beiden neuen Regenten - Johann Ludwig (II.) von Anhalt-Zerbst (1688-1746) und sein jüngerer Bruder Christian August (1690-1747) - wurde das Projekt realisiert. Obwohl beide Fürsten Johann Christoph Schütze im Jahr 1743 als Zerbster Hofbaumeister entlassen und mit Johann Friedrich Friedel aus Preußen einen neuen bestallt hatten, wurden die vorliegenden Pläne Schützes für die beiden Statuen wieder aufgegriffen. Im April 1744 erhielt der aus Danzig stammende Bildhauer Gottfried Reinicke den Auftrag, die Entwürfe umzusetzen. Er war von 1744 bis 1749 am Zerbster Schlossbau beteiligt und hatte beim Bau des Ostflügels die Vasen für die Dachfenster, eine Figur für einen Balkon, Bildhauerarbeiten für die äußeren Treppenläufe, die Docken für die innere Haupttreppe sowie ein römisches Brustbild ebenda geschaffen. Für seine Arbeit an den überlebensgroßen und im Detail sehr filigranen Figuren sollte er insgesamt nur 60 Taler erhalten. Die beiden Statuen inklusive Sockel wurden im Zeitraum zwischen Juni 1745 und Juni 1746 im nördlichen Lustgarten aufgestellt. Vermutlich wurden sie mit den beiden anderen schon existenten kombiniert und bildeten so eine Vierergruppe. Die Figuren erhielten, wie es im Zeitalter des Barock üblich war, einen Anstrich mit Ölfarbe. Die Ausführung lag in den Händen des für den Zerbster Hof tätigen Malers Romanus Rosche.

Der Vergleich der beiden Zeichnungen mit den Figuren im Waldfrieden (Foto und erhaltenes Fragment) zeigt ganz eindeutig, dass es sich um die Entwürfe zu diesen Sandsteinstatuen handelt. Damit ist belegt, dass die Figuren bei der Umgestaltung des Schlossgartens in einen englischen Landschaftspark unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) in den Jahren 1798/99 ins damalige Friedrichsholz transportiert und dort neu aufgestellt wurden. In diesem von Schneisen durchzogenen und mit Rondellen versehenen Waldstück, das damals weit außerhalb der Stadt Zerbst lag, ist eine Gruppe von vier Sandsteinstatuen belegt. Somit dürften auch die beiden anderen, von Schütze geschaffenen Figuren zeitgleich dorthin verbracht worden sein. Auch wenn die Themen der beiden Schütze-Statuen nicht bekannt sind, symbolisierte die Vierergruppe trotzdem nie die vier Jahreszeiten, wie es in neuerer Zeit im Volksmund erzählt wurde. Warum die künstlerisch hochwertigen, damals bei der Umlagerung noch sehr gut erhaltenen Objekte in diesem abgelegenen Teil des Parks aufgestellt wurden, ist unklar.

Die Statue des Mars´, die laut fürstlichem Auftrag für das Fürstentum Anhalt stand, hatte das Aussehen eines römischen Kriegshelden. Er trug einen Federhelm, aus dem sein üppiges Haar hervortrat, und einen Brustpanzer, um den sich ein wallendes Gewand legte. Seitlich hing ein Schwert herab. An den Füßen hatte er Sandalen (sogenannte Krepis), bei denen die Riemen bis zur Wade hochgeführt waren. Der Marschallstab in der rechten Hand deutete auf einen hochrangigen Offizier. Der gekrönte Bär - das Wappentier Anhalts - schaute bewegt seitlich hervor und symbolisierte die Stärke des Kriegers. Im übertragenen Sinne sollte mit dieser Figur die Stärke und Größe des anhaltischen Fürstentums und seiner Regenten zum Ausdruck kommen.

Die Sandsteinfigur Venus sollte die Herrschaft Jever versinnbildlichen. Die Göttin der Liebe war mit entblößtem Busen dargestellt. Ein wallendes Tuch, das von den Armen herabhing, bedeckte nur die Hüften. Der Stern auf ihrem Kopf charakterisierte sie eindeutig. Unklar ist jedoch, welches Attribut sie mit ihrer linken Hand umfasst. Mit ihrer rechten Hand griff sie nach einem gekrönten Löwen mit zottiger Mähne. Dabei handelte es sich um das Wappentier der zweiten Gemahlin des Regenten, Fürstin Hedwig Friederike (1691-1752).

Die überlebensgroßen Statuen wiesen eine Höhe von ca. 2,7 Metern auf. Die sandsteinernen Sockel, auf denen sie standen, waren dreigeteilt: Unterplatte, Mittelstück und Oberplatte. Ihre Gesamthöhe betrug etwa 1,7 Meter, ihr Gesamtgewicht etwa 2,5 Tonnen. Beim Vergleich mit der Zeichnung ist klar festzustellen, dass der ausführende Bildhauer Reinicke den Entwurf Schützes nur partiell umgesetzt hatte. Die bewegten Voluten an den Seiten der Sockel, die die Statuen gewissermaßen emporheben sollten, wurden nur in verkümmerter Form und mehr im Zentrum der Basen ausgeführt. Das störte die vom cleveren Hofbaumeister erdachte Gesamtkomposition.

Der Waldfrieden hat jüngst den Status eines Parks verloren und wird nur noch forstwirtschaftlich als Wald betrachtet. Um den Totalverlust der in einem abgelegen Teil des Waldfriedens befindlichen Sandsteinfragmente zu vermeiden, wurden sie geborgen und durch den Bauhof der Stadt Zerbst/Anhalt in den Schlossgarten transportiert. Auch die neuesten Forschungserkenntnisse rechtfertigen diesen Schritt. Die beiden Sockel und der Torso des Mars´ wurden von der Zerbster Firma Keck gereinigt und vorläufig am Südportal des Schlosses, dem derzeitigen Haupteingang, aufgestellt. Sie stehen innerhalb des Sicherungszaunes, um möglichem Wandalismus wenigstens etwas vorzubeugen. Je nach Entwicklung des Schlossgartens entsprechend der 2008 durch den Stadtrat beschlossenen denkmalpflegerischen Rahmenkonzeption besteht die Option, die Objekte wieder an originaler Stelle aufzurichten.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2009, Seite 86—91


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