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Zerbst, das Schloss und die Regenten von der Renaissance bis zum Barock

Die Stadt Zerbst erlebte nach ihrer Blüte im Mittelalter und den sich anschließenden schweren Zeiten in der Barockepoche eine Wiederbelebung, ohne jedoch die einstige Größe und Bedeutung nochmals zu erreichen. Vom späten 17. Jahrhundert bis kurz nach der Mitte des 18. Jahrhunderts ging es den Zerbster Bürgern und den Bewohnern des Landes Anhalt-Zerbst unter Berücksichtigung der damaligen Lebensbedingungen verhältnismäßig gut. Die Menschen hatten ihr Auskommen, in Luxus schwelgten sie jedoch nicht. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeichnete sich bereits der erneute Niedergang der Stadt ab.

Die Entstehung des Fürstentums Anhalt-Zerbst
Nach dem Tod des Fürsten Joachim Ernst im Jahr 1586 - er hatte das Land Anhalt inklusive Zerbst in seiner Hand vereint und war der Gründer des Gymnasium illustre in Zerbst - übernahm sein ältester Sohn Johann Georg (1567-1618) vormundschaftlich die Regentschaft für seine jüngeren Geschwister. Im Jahr 1603 wurde dann auf einem Landtag in Dessau die Teilung des Territoriums in vier selbständige Fürstentümer beschlossen und schließlich 1606 endgültig vollzogen. Das war die Geburtsstunde des Fürstentums Anhalt-Zerbst. Die auf Macht ausgerichtete Teilungspolitik, eine zu dieser Zeit im deutschsprachigen Raum übliche Praxis, führte etliche Duodezfürstentümer in den völligen Ruin. Davon blieb Anhalt zum Glück verschont.
Rudolf (1576-1621), der in Harzgerode geborene Sohn aus zweiter Ehe von Joachim Ernst mit Eleonore von Württemberg (1552-1618), trat als erster Fürst die Regierung in Anhalt-Zerbst an. Zum Fürstentum gehörten das Amt und die Stadt Zerbst sowie die Ämter Lindau, Coswig, Roßlau und Dornburg. Im Jahr 1659 kamen durch Kauf die Ämter Walternienburg und Mühlingen hinzu und schließlich 1667 durch Erbschaft die Herrschaft Jever.
Zerbst wurde zur Residenzstadt eines kleinen Landes mit bescheidenen Ausmaßen und relativ wenigen Einwohnern. Für 190 Jahre hatten die Regenten die Geschicke des Landes in ihren Händen und nahmen auch maßgeblich Einfluss auf die Entwicklung der Stadt.

  Schlossturm Schlossturm um 1900
Der gerade erst 26jährige, seit seiner Kindheit immer wieder kränkelnde Rudolf übernahm die vielfältigen Aufgaben mit Elan und meisterte das schwere, für ihn neue Regierungsamt mit großer Disziplin. Die Basis dafür bildeten eine solide Ausbildung am Hof in Dessau und seine strenge Gläubigkeit. Die sich anschließenden Kavalierreisen nach Holstein, Dänemark, Italien sowie in die Schweiz und die Pfalz schärften sein Urteilsvermögen und verliehen ihm politisches Geschick.
Während Fürst Rudolf innerhalb seines Territoriums weitgehend souverän entscheiden konnte, vertrat der jeweilige Senior des Hauses Anhalt das Land außenpolitisch bzw. bei Angelegenheiten, die alle vier Teilfürstentümer betrafen. Der jeweils ältestregierende Fürst war gleichzeitig Senior und damit der oberster Vertreter Anhalts.
Standesgemäß bezog der reformierte Fürst Rudolf die Zerbster Burg, die sich an der Stelle des später entstandenen Barockschlosses befand. Nach verwaisten 36 Jahren war sie nun wieder Wohn- und Regierungssitz eines Regenten. Allerdings wies die Anlage einen dramatischen baulichen, nicht gerade repräsentativen Zustand auf. Die sechs einzelnen, zu verschiedenen Zeiten entstandenen Gebäude, die sich um einen runden Hof mit Turm und Brunnen gruppierten, waren teilweise baufällig und mussten dringend saniert werden. Die Reparaturen erfolgten unter der Leitung des Baumeisters Peter Niuron. Er zeichnete auch für das Setzen von Grenzsteinen verantwortlich, die nach der Gründung des Fürstentums Anhalt-Zerbst notwendig wurden. Ab 1608 übernahm sein Vetter Franz, der ebenfalls Baumeister war, die Leitung der Baumaßnahmen auf der Zerbster Burg. Rudolf und seine spätere Gemahlin Dorothea Hedwig von Braunschweig-Lüneburg (1587-1609) bezogen das so genannte Fürst Johanns Haus - ein schlichtes Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, das sich an der Stelle der heutigen Schlossruine befand. Die Fertigstellung eines von Fürst Rudolf 1619 in Auftrag gegebenes, prachtvolles Renaissancegebäude, für das der Baumeister Hans Bahr die Pläne lieferte, erlebte er leider nicht mehr.
Mit Weitblick und Geschick schuf der bescheiden lebende Rudolf die Grundlage für ein solides Staatswesen in Anhalt-Zerbst, von dem vor allem die Bürger der Stadt profitierten. Seine gute Bildung und seine umfassenden Kenntnisse machten ihn auch überregional zu einem gefragten Mann, der im Auftrag verschiedener ranghoher Fürsten politisch brisante Missionen übernahm.

Der Dreißigjährige Krieg und seine langwierigen Folgen
Rudolf war es leider nicht vergönnt, sein Wissen an einen männlichen Nachfolger weiterzugeben. Noch im Jahr der Geburt des Erbprinzen Johann (1621-1667), hervorgegangen aus der zweiten Ehe mit Magdalene von Oldenburg (1585-1657), verstarb der Regent im Alter von 44 Jahren.
Seiner Witwe oblag es, die Vormundschaft für ihren unmündigen Sohn zu führen, so gut es in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ging. Als auch das Zerbster Gebiet bedroht war, floh sie mit ihrem Sohn erst nach Wittenberg und 1633 in das neutrale Oldenburg - ihre Heimat. Dort verbrachte die fürstliche Familie mehrere Jahre. Die Mutter setzte die Erziehung ihres Sohnes im lutherischen Glauben durch, obwohl die Regenten Anhalts dem reformierten Glauben anhingen. Kriegsbedingt konnte Johann jedoch keine Studienreisen unternehmen.
Die Bemühungen Rudolfs um einen soliden Staat waren durch den langen, von 1618 bis 1648 wütenden Krieg mit seinen dramatischen Auswirkungen hinweg gefegt. Auch Zerbst war für Jahrzehnte stark betroffen. Schon 1622 zogen holsteinische Streitkräfte durch die Stadt. Entschieden dramatischer gestaltete sich die Situation mit der Besetzung durch verschiedene Truppen. Im Jahr 1626 fiel erst der Heerführer Ernst von Mansfeld in die Stadt ein, dann Albrecht von Wallenstein. Auch schwedische Soldaten, die von der Bevölkerung als Retter in schwierigen Zeiten angesehen wurden, hausten 1631/32 fürchterlich in Zerbst. Im Frühjahr 1642 waren mehr Truppenteile in Zerbst einquartiert, als die Stadt überhaupt unterbringen und verpflegen konnte. Bis zum Kriegsende 1648 musste die verbliebene Bevölkerung Soldaten aufnehmen. Durchziehende Truppen hinterließen katastrophale Zustände, Hungersnöte waren an der Tagesordnung. Mehrere Pestepidemien und mordende Soldaten hatten in der Stadt ihre vernichtenden Spuren hinterlassen und die Bevölkerung drastisch um dreißig Prozent reduziert. Viele Gebäude standen leer, waren vom Militär geplündert oder fast gänzlich zerstört. Ganze Straßenzüge mit ihren stolzen Bürgerhäusern, in denen viel leicht brennbares Holz verbaut war, wurden ein Raub der Flammen. Der Handel verzeichnete einen absoluten Tiefpunkt, die Wirtschaft lag völlig am Boden, geistig-kulturelles Leben gab es praktisch nicht mehr. Fehlende Arbeit und damit verbundene Armut, drastische Teuerungen und akuter Warenmangel kennzeichneten den Alltag. Die durch den Krieg entstandene fürstliche Schuldenlast belief sich auf 500.000 Taler, die auf die Landstände verteilt wurden. Zerbst musste davon allein 84.950 Taler übernehmen. Damit war die Stadt am Ende ihrer Kräfte.

Im November 1642, nach neun Jahren in Oldenburg, kehrte der nach seiner Volljährigkeit nunmehrige Fürst Johann in die verwahrloste Stadt Zerbst zurück. Der Adel, die Hofangestellten und die Bürger bereiteten ihm einen den Umständen entsprechenden Empfang. Der neue Regent stand vor der schweren, komplexen Aufgabe, die alle Lebensbereiche betreffenden Missstände zu beseitigen. Seine Landeskinder hegten große Hoffnung auf wesentlich bessere Zeiten unter seiner Führung. Das war wohl der entscheidende Faktor, der seine Macht trotz langer Abwesenheit in der Jugend festigte. Doch nur mit Mühe und unter großem Aufwand gelang es ihm, seiner Residenzstadt wenigstens wieder etwas Leben einzuhauchen. Ein erster Schritt dazu war die Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung.
Wie schon sein Vater nahm auch Fürst Johann seinen Wohnsitz in einem Gebäude der Burg, die während des langjährigen Krieges stark gelitten hatte. Schon 1626 wurde die Bautätigkeit innerhalb der Anlage fast gänzlich eingestellt. Es erfolgten nur noch dringendste Reparaturen, um die Häuser vor dem völligen Verfall zu bewahren. Die extrem gesunkenen Staatseinnahmen - sie beliefen sich gerade einmal auf etwa ein Zehntel der Vorkriegssumme - ließen keinen Spielraum. Auch die Gärten um den Burgkomplex wurden nicht mehr gepflegt und verwilderten.
Nach der Rückkehr des Fürsten änderte sich an der finanziellen Situation nur wenig. So war es lediglich möglich, die Zimmer für die fürstliche Familie und den Hofstaat inklusive der Landesverwaltung provisorisch herzurichten und bewohnbar zu machen. Die Arbeiten an den Gebäuden und die Wiederherstellung der Gartenanlagen begannen schon 1641. Wegen Baufälligkeit musste sogar ein älteres Haus der Burg abgetragen werden. Auch die Schanzen an den beiden Zugbrücken, die zu Kriegszeiten aus Sicherheitsgründen entstanden, wurden beseitigt bzw. eingeebnet. Während andernorts bereits die ersten frühbarocken Schlösser entstanden, wie z. B. die Moritzburg in Zeitz ab 1657, war in Zerbst an Neubauten nicht zu denken. Unter der Regentschaft des Fürsten Johann sind keine größeren Bauaktivitäten innerhalb der Burg zu verzeichnen.

Konfessionsstreitigkeiten in Zerbst
Zwischen den Anhängern des reformierten und des lutherischen Glaubens kam es immer wieder zu Streitigkeiten, die sich negativ auf die Entwicklung der Stadt auswirkten. Eigentlich hatten sich die Fürsten im Rahmen der Teilung Anhalts 1603 auf die reformierte Lehre als Landesbekenntnis verständigt, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dem Rechnung tragend hatte auch Fürst Rudolf in seinem Testament die Beibehaltung der reformierten Konfession in den Anhalt-Zerbster Kirchen festgelegt. Der Zerbster Rat und der größte Teil der Bevölkerung waren auch Anhänger dieses Bekenntnisses.
Der lutherisch erzogene, unter massivem Einfluss seiner Mutter Magdalene stehende Fürst Johann beschränkte sich in der ersten Zeit nach seiner Rückkehr aus Oldenburg darauf, seinen Glauben innerhalb seiner Gemächer auszuüben. Er lehnte es aber ab, die bestehenden Privilegien und Freiheiten der Stadt sowie die Beibehaltung der freien Ausübung der Religion in den Kirchen zu bestätigen. Daraufhin verweigerte der Zerbster Rat, dem Fürsten zu huldigen, ihn damit in seinem Amt zu bestätigen und als Landesherr anzuerkennen. Der Rat hätte mit dieser Reaktion im Mittelalter, als er noch mehr Rechte und Selbstbewusstsein besaß, sicher Erfolg gehabt. Doch schon eine fürstliche Verordnung von 1545 sah die Einführung des so genannten gemeinen römischen Rechts von Kaiser Karl V. (1500-1558) in Zerbst vor. Sie und die 1572 erlassene fürstliche Landesordnung, die bis zur Abdankung des herzoglichen Hauses Gültigkeit hatte, läuteten bereits den Niedergang der städtischen Selbstverwaltung ein und verliehen dem Fürsten umfangreiche Machtbefugnisse.
Bezüglich der verweigerten Huldigung wandte sich der Regent - offensichtlich etwas hilflos - bis an Kaiser Ferdinand III. (1608-1657). Ein kaiserliches Antwortschreiben befahl den fürstlichen Untertanen die Huldigung des Landesherrn, die schließlich 1643 erfolgte.
Nur kurze Zeit später, 1644, ließ Johann die lutherische Religion in der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi einführen. Auch in Coswig und den Dörfern des Landes Anhalt-Zerbst wurden lutherische Pfarrer eingesetzt. Durch diese Aktivitäten flammten die Religionsstreitigkeiten vollends wieder auf. Sogar die reformierten Regenten der anderen drei anhaltischen Fürstentümer wandten sich gegen Johann und intervenierten bei Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688). Die Streitigkeiten wirkten sich ebenso auf den Lehralltag an der Landesuniversität, dem Gymnasium illustre in Zerbst, aus.
Erst 1653 erfolgte die offizielle Aussöhnung des Fürsten Johann mit dem Zerbster Rat. Doch damit waren die Diskrepanzen nicht beseitigt - ganz im Gegenteil. Die Bewohner der Stadt mussten gleichzeitig eine weitere Niederlage hinnehmen: dramatische Beschneidung der städtischen Freiheiten und Erlassen einer Gesindeordnung. Die Macht des Zerbster Rates wurde stark eingeschränkt. Die Zusammensetzung der Stadtgerichte bestimmte von nun an die fürstliche Kammer. Fürst Johann verringerte noch in seinem letzten Lebensjahr 1667 das Ratsmittel von drei auf zwei. Außerdem legte er fest, dass die eine Hälfte Lutheraner und die andere Reformierte sein müssen. Ein Ratsmittel bestand aus zwei Bürgermeistern, drei bzw. zwei Kämmerern und fünf bzw. sechs Ratsherren. Nachdem ein Mittel ein Jahr amtiert hatte, erfolgte der Wechsel. Nach drei bzw. zwei Jahren fanden Neuwahlen statt.

Jever fällt an Zerbst
Als Glücksumstand für Zerbst erwies sich die Erbschaft von Jever, unserer heutigen Partnerstadt, und der umliegenden Region. Bereits 1646 wurde auf Veranlassung von König Christian IV. von Dänemark (1577-1648) die Erbfolge des Gebietes schriftlich fixiert. Begünstigte waren Fürstin Magdalene von Anhalt-Zerbst bzw. ihr Sohn Johann. Der kinderlos gebliebene Graf Anton Günther von Oldenburg (1583-1667) legte 1663 in seinem Testament erneut Johann als Erben des Jeverlandes fest. Der Erbfall trat schließlich am 19. Juni 1667 ein. Fürst Johann konnte vom Gebietszuwachs jedoch nicht mehr profitieren, da er nur 15 Tage nach seinem Onkel verstarb. Erst seine Nachfolger konnten durch vorausschauende Investitionen Nutzen aus der Exklave ziehen. Das Jeverland blieb bis zum Erlöschen des fürstlichen Hauses 1793 im Besitz von Anhalt-Zerbst.
Fürst Johann hatte 1649 Sophie Auguste von Holstein-Gottorp (1630-1680) geehelicht. Aus dieser Ehe gingen 14 Kinder hervor, von denen auf Grund der hohen Kindersterblichkeitsrate nur fünf das Erwachsenenalter erreichten. Der streng gläubige Regent verstarb mit 46 Jahren an den Pocken. Trotz seiner Beteiligung an einigen diplomatischen Missionen außerhalb Anhalts, die ein gewisses politisches Gespür voraussetzten, gelang es ihm jedoch nicht, die Verhältnisse in seinem eigenen Land entscheidend positiv zu beeinflussen. In seiner fast 25 Jahre andauernden Regentschaft fiel es ihm schwer, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Dieses Zögern in schwieriger Nachkriegszeit hatte nachteilige Auswirkungen. Während sich andere Fürsten bereits mit Schlossneubauten und barocker Repräsentanz befassten, bewohnte die fürstliche Familie noch immer die alten, schlichten Renaissancegebäude der Burg. Für eine deutliche Erhöhung des Lebensstandards fehlte die wirtschaftliche und finanzielle Basis. Und das betraf nicht nur den Fürsten, sondern auch seine Untertanen in Anhalt-Zerbst.

Carl Wilhelm und die barocke Hofhaltung
Fürstinwitwe Sophie Auguste musste ein schweres Amt antreten. Gemeinsam mit Landgraf Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt (1630-1678) und Fürst Johann Georg II. von Anhalt-Dessau (1627-1693) führte sie für ihren noch unmündigen Sohn Carl Wilhelm (1652-1718) bis 1674 vormundschaftlich die Regierung. Sie übte jedoch hinsichtlich der schwelenden Religionsstreitigkeiten auch noch Jahre nach seinem Regierungsantritt einen negativen Einfluss aus.
Carl Wilhelm wurde 1652 auf der Zerbster Burg in eine schwierige Zeit hinein geboren. Da seine beiden älteren Brüder noch vor ihrem ersten Geburtstag verstarben, avancierte er zum Erbprinzen von Anhalt-Zerbst. In schwerer Zeit aufgewachsen, hatte er mit nur 15 Jahren seinen Vater verloren. Carl Wilhelm verbrachte seine Kinder- und frühe Jugendzeit in Zerbst und wurde von verschiedenen Hofangestellten erzogen und unterrichtet. Als junger Mann bereiste er England, Frankreich, Österreich und verschiedene deutsche Fürstentümer. Herausragend und besonders prägend war sein Aufenthalt in den damals überaus fortschrittlichen, wirtschaftlich in Europa an der Spitze stehenden Niederlanden, wo er umfangreiche Studien betrieb. Von seinem erworbenen Wissen, den vielfältigen Erfahrungen und engen Verbindungen zu anderen Herrschern profitierend, begann nach seinem Regierungsantritt in Anhalt-Zerbst im Jahr 1674 ein Wandel, der sich auf viele Lebensbereiche auswirkte.
Nach erfolgter Huldigung in Zerbst und Jever ging er mit Elan an sein neues Amt. Auch wenn das Land Anhalt-Zerbst gerade einmal etwa 20.000 Einwohner zählte, so war es doch eine große Herausforderung, Wirtschaft und Handel wieder in Gang zu bringen.

Ein besonders wichtiger Schritt, um das Bestehen des Landes zu sichern, war die Einführung der Primogenitur - dem Erb- und Nachfolgerecht für Gebiet und Vermögen zu Gunsten des erstgeborenen Sohnes und seiner Nachkommen. Der Vertrag kam auf Veranlassung des Fürsten im Jahr 1676, nur zwei Monate vor seiner Hochzeit mit Sophia von Sachsen-Weißenfels (1654-1724), zustande. Der von Carl Wilhelm und seinen Brüdern unterzeichnete Erbvergleich sicherte dem Regenten die alleinige Landesführung und verhinderte eine weitere Zersplitterung des Gebietes. Vertraglich war fixiert, dass Regierung und Landesbesitz auf ein anderes männliches, in der Rangfolge am höchsten stehendes Mitglied des fürstlichen Hauses übergingen, falls der Regent keine männlichen Nachkommen hat. Dieser Fall sollte mit dem Tod seines Sohnes und dem Übergang der Regierung auf die Nebenlinie Anhalt-Zerbst-Dornburg in Kraft treten.

Im zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts, nachdem sich die schwierigen Verhältnisse infolge des Dreißigjährigen Krieges allmählich verbesserten, kam es im deutschsprachigen Raum zum Stilwandel von der Renaissance zum Barock. Das neue Zeitalter fand besonders in der Architektur Ausdruck. Im Vordergrund stand nun nicht mehr die bürgerliche Stadt mit ihren selbstbewussten Bürgermeistern und Ratsherren, wie es im Mittelalter der Fall war, sondern der absolutistisch regierende Fürst. Der Regent besaß umfangreiche Machtbefugnisse und musste sich lediglich kaiserlichen Dekreten beugen bzw. den Beschlüssen des Seniors des Hauses Anhalt Folge leisten, soweit der Zerbster Fürst nicht selbst das Seniorat inne hatte.
Carl Wilhelm war sich seines hohen Standes und seiner Macht sehr wohl bewusst, doch er nutzte seine Stellung nicht maßlos aus, wie es andere deutsche Fürsten taten. Für ihn besaßen die kontinuierliche Aufwärtsentwicklung seines Herrschaftsgebietes und das Wohl seiner Landeskinder hohe Priorität. Trotzdem war er strengen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, die er befolgen musste, um in der feudalen Welt zu bestehen. Dazu gehörte die aufwändige, viel Geld verschlingende barocke Hofhaltung - ein wesentliches Merkmal dieser neuen Epoche. Sie diente dazu, seine Stellung nach außen zu demonstrieren und unter seinesgleichen zu bestehen.
Um die vielfältigen Bedürfnisse des fürstlichen Hofes zu decken, war ein großes Heer an Bediensteten erforderlich. Menschen, die verschiedenste Tätigkeiten ausübten - vom Baumeister über den Koch bis hin zum Lakaien -, hatten die Möglichkeit, sich ihren Lebensunterhalt bei Hofe zu verdienen. Die kontinuierliche Nachfrage sicherte auf lange Zeit zahlreiche Arbeitsplätze. Die hohen und vielfältigen Anforderungen führten ebenso dazu, dass viele Handwerker und Angehörige anderer Berufsgruppen ihr Wissen mit nach Zerbst brachten und sich in der Stadt niederließen. Mit viel Fleiß und Engagement begannen Handwerk, Gewerbe und Handel wieder zu florieren. Dieses Ziel konnte nur durch die umsichtige Politik und die direkte Einflussnahme des Fürsten Carl Wilhelm erreicht werden.
Dass Zerbst Residenzstadtcharakter hatte, war täglich deutlich sichtbar. Kavaliere in kostbaren Roben, Hofbeamte in unterschiedlichen Uniform, Angehörige der Dienerschaft in eindrucksvollen Livreen und andere Angestellte bevölkerten die Straßen. Prunkvolle Kutschen, in denen Mitglieder der fürstlichen Familie oder hohe Gäste des Hofes saßen, waren ebenfalls oft zu sehen. Auch Uniformierte der Schloss- und Leibgarde des Fürsten gehörten zum alltäglichen Bild.
Fanden in der Residenz große Feierlichkeiten statt, konnten nur hohe Gäste und ihre engste Dienerschaft direkt im Schloss untergebracht werden. Für die anderen Besucher mussten in der Stadt ausreichend Quartiere mit zeitgemäßem Niveau zur Verfügung stehen. Da es sich um eine nicht unbeträchtliche Zahl handelte, nahm das Gaststättengewerbe in Zerbst, auch infolge des aufblühenden Handels, im 18. Jahrhundert einen großen Aufwärtstrend.
Mit dem allgemeinen Aufschwung erhöhten sich auch die Staatseinnahmen. Die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel erlaubten es dem Fürsten, den Standard an seinem fürstlichen Hof zu erhöhen. So war es ihm ab 1670/71 möglich, zahlreiches Tafelsilber und andere hochwertige Silberwaren für repräsentative Zwecke zu erwerben. Die Produkte stammten größtenteils aus Augsburg, dem damaligen Zentrum der Silberherstellung. Andere Stücke wurden aus Halle/Saale nach Zerbst geliefert.
Um seine hohe Abstammung zu demonstrieren, entstanden zahlreiche Porträts von Angehörigen der fürstlichen Familie. Die Ölgemälde kamen vorrangig zur Ausschmückung der offiziellen Räume zum Einsatz, fanden aber auch in den fürstlichen Appartements ihren Platz oder gelangten als Geschenke an andere Höfe.

Barocke Neubauten in Zerbst: Residenzschloss und St. Trinitatiskirche
Auf eine grundlegende Modernisierung oder Erweiterung der unrepräsentativen und dem Zeitgeschmack nicht mehr entsprechenden Burganlage verzichtete der Fürst. Während andere Regenten - unabhängig von Aufwand und Aussehen - großen Wert auf die Einbeziehung älterer Gebäudeteile in einen neuen Komplex legten, um ihre Abstammung zu dokumentieren, hatte der Zerbster Fürst ein größeres Ziel vor Augen: Die Errichtung einer neuen barocken Schlossanlage, die seine Stellung und Macht verdeutlichte. Spätestens 1677 hatte Carl Wilhelm den konkreten Entschluss für einen Neubau im Stil des Barock gefasst. Die sich ab 1670 langsam, aber kontinuierlich verbessernde finanzielle Situation ermöglichte ab 1681, sieben Jahre nach seinem Regierungsantritt, den Bau der prächtigen fürstlichen Residenz.
Fürst Carl Wilhelm beauftragte den Baumeister und Ingenieur Cornelis Ryckwaert (gest. 1693), der aus den Niederlanden stammte und in den Diensten des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620-1688) stand, mit den Planungen zum neuen Schloss. Er entwarf eine schlichte, aber sehr eindrucksvolle Dreiflügelanlage, deren Bau über 70 Jahre währen sollte. Die Inangriffnahme des Gesamtkomplexes ließen die dafür zu geringen Staatseinnahmen des kleinen Landes Anhalt-Zerbst nicht zu. Deshalb entstand innerhalb von 15 Jahren zunächst der Haupttrakt mit der fürstlichen Wohnung, Gästeappartements und Räumen für die Hofverwaltung. Für die innere Ausgestaltung zeichnete der Schweizer Giovanni Simonetti (1652-1716) verantwortlich. Unter ihm entstanden prächtige Stuckaturen, die sich größtenteils bis 1945 erhalten hatten. Auch der Schlossgarten erfuhr eine Erneuerung im Zeitgeschmack.
Mit dem ehrgeizigen Schlossbau ging auch der lang ersehnte, weitere wirtschaftliche Aufschwung einher. Viele in Zerbst ansässige Handwerker und Angehörige anderer Berufsgruppen hatten über Jahrzehnte reichlich Arbeit und damit ihr finanzielles Auskommen. Der Schlossbau zog neben namhaften Baumeistern und Künstler auch eine ganze Reihe von Handwerkern mit spezieller Ausrichtung nach Zerbst. Damit gelangte wieder Wissen in die Stadt, das über die lange Kriegszeit zum Teil verloren gegangen war. Das Zerbster Handwerk entwickelte sich stetig und brachte beachtliche Leistungen hervor. Auch die Einwohnerzahl stieg wieder, wenn auch zögerlich, auf etwa 6.000.
Eine Grundlage für den großzügigen Neubau der fürstlichen Residenz war die Erhebung zahlreicher Steuern, die die Bürger der Stadt und die Bauern zu entrichten hatten. Darin unterschied sich die damalige Zeit nur wenig von den heutigen Belastungen. Doch ohne die Hofhaltung und die damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten auf unterschiedlichsten Gebieten wäre Zerbst in der Bedeutungslosigkeit versunken.
Das neue barocke Schloss - Regierungs- und Wohnsitz des Fürsten - war fester Bestandteil des höfischen Zeremoniells und manifestierte die hohe Stellung des Regenten in eindrucksvoller Weise. Mit dem prächtigen Gebäude konnte Carl Wilhelm seinen Status auf Reichsebene dokumentieren.

Die Zeit seit der Rückkehr des Fürsten Johann in seine Residenzstadt Zerbst 1642 war von Religionsstreitigkeiten bestimmt. Dem lutherisch gesinnten Regenten standen die Reformierten gegenüber - ein Großteil der Zerbster Bevölkerung. Die Ausübung beider Konfessionen in der reformierten St. Nikolaikirche stellte auf Dauer keine Alternative dar. Ein 1679 abgeschlossener, unter dem Einfluss des Großen Kurfürsten von Brandenburg zustande gekommene und von den anhaltischen Fürsten unterzeichnete Vergleich setzte dem Zerwürfnis ein Ende. In der Folge kam es zur Errichtung eines neuen Gotteshauses für die Lutheraner in unmittelbarer Nähe der St. Nikolaikirche, die nun den Reformierten vorbehalten blieb. Sie hatten nun wieder freie Pfarrwahl.
Die Entwürfe für die ab 1683 errichtete St. Trinitatiskirche lieferte der maßgeblich am Schlossbau beteiligte Baumeister Ryckwaert. Er sah einen Zentralbau an der Stelle des ehemaligen Viehmarktes in Form eines griechischen Kreuzes vor. Die innere Gestaltung lag wie schon beim Schloss in den Händen von Simonetti. Der von ihm gestaltete monumentale Hochaltar hat die Wirren der Zeit überstanden und ist bis heute weitgehend original erhalten. Für den Bau des Gotteshauses waren mehr als 300.000 Taler notwendig. Einen Teil davon steuerten Mitglieder des fürstlichen Hauses bei. Die Kirche wurde 1696, anlässlich des 44. Geburtstages des Fürsten Carl Wilhelm, eingeweiht. Noch heute, nach dem Wiederaufbau in der Nachkriegszeit, ist das hohe Dach interessanter Bestandteil der Stadtsilhouette.
Simonetti stellte von 1697 bis 1702 auch das prächtige Orgelprospekt und den üppig verzierten Fürstenstuhl in der Zerbster Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi her. Diese barocken Meisterwerke gingen jedoch 1945 verloren.

Zerbst und die Region um 1700
Die Entstehung einer Gold- und Silberdrahtmanufaktur ist in unmittelbarem Zusammenhang mit den hohen Ansprüchen des fürstlichen Hofes zu sehen. In der Barock- und Rokokozeit war der Bedarf an Verzierungen für die aufwändige Kleidung der Hofgesellschaft und die Dekoration von Sitzmöbeln, Betten, Gardinen usw. in den Zimmern und Sälen des Schlosses enorm hoch. Aus der von Christoph Andreas Ayrer und seinem Bruder 1691 in Zerbst gegründeten Produktionsstätte kamen unzählige Tressen, Fransen, Kordeln, Quasten und andere Erzeugnisse. Die Manufaktur brachte es zu hoher Blüte. Das Absatzgebiet beschränkte sich nicht nur auf die Region und den deutschsprachigen Raum, sondern reichte bis nach Polen, Russland, Rumänien, Persien und Indien. Ayrer nutzte die Erträge z. B. für die Anlage eines Barockgartens vor den Toren der Stadt, dem so genannten Vogelherd. Das kurz nach 1700 entstandene Areal war 1715 Schauplatz für eine musikalische Darbietung anlässlich der Vermählung von Fürst Johann August (1677-1742) mit Hedwig Friederike (1691-1752).
Einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor in Zerbst stellten das Brauen und der Export von Bier dar. Während des langen Krieges ging die Bierherstellung infolge mangelnder Rohstoffe, Plünderung und Zerstörung von Produktionsstätten und -gerätschaften sowie der Dezimierung der Bevölkerung stark zurück. Auferlegte Kontributionen verschlangen einen Großteil des gebrauten Gerstensaftes. Zum Erhalt der in Zerbst vorhandenen Brauhäuser wurde 1691 eine fürstliche Brauordnung erlassen, die Steuermäßigungen und finanzielle Unterstützung vorsah. Allmählich näherte sich die produzierte Bierfasszahl der Vorkriegsproduktion an, ohne sie jedoch nochmals zu erreichen. Neu erschlossene Absatzmärkte in Nah und Fern ließen wieder Geld nach Zerbst fließen. Im 18. Jahrhundert sanken die Absatzzahlen erneut.
Um die Märkte in der Stadt wieder florieren zu lassen, war der grundlegende Ausbau der Handelswege eine zwingende Notwendigkeit. Infolge des Dreißigjährigen Krieges waren viele Straßen verwahrlost, nur noch schwer befahrbar oder gänzlich unpassierbar. Die mehrfach durch Hochwasser oder Eisgang bzw. Kriegsereignisse zerstörte Elbbrücke bei Roßlau bildete über Jahrzehnte ein Nadelöhr. Meist existierte dort nur eine oftmals gefährliche Fährverbindung. Nach der teilweisen Erneuerung vorhandener Fahrwege und der Weiterentwicklung des Straßennetzes zog es wieder viele auswärtige Händler und Käufer nach Zerbst, die auf den Jahr- und Wochenmärkte ihre Waren feilboten bzw. erwarben. Parallel fanden auch regelmäßig Viehmärkte statt.
Mit dem Ausbau der Straßen rings um Zerbst wurde nicht nur eine wesentliche Voraussetzung für einen blühenden Handel geschaffen, sondern ebenso für den Reise- und Postverkehr. Schon kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges fuhr wieder regelmäßig eine Postkutsche. Nur kurze Zeit danach wurden wöchentlich Berlin und Leipzig angefahren, später kamen andere größere Orte hinzu. Kaleschen, die zu bestimmten Wochentagen verkehrten, beförderten Reisende in die nächst größeren Städte der Umgebung. Eine brandenburg-preußische Post verlief ab 1691 probeweise, ab 1700 dann regulär über Zerbst mit eigener Station. Deren Betrieb wurde im 18. Jahrhundert noch erweitert.
Im Gegensatz zu den städtischen Verhältnissen waren die Voraussetzungen auf dem Lande wesentlich schlechter. Durch im Krieg verwüstete Felder, fehlende Saat und abgebrannte Bauerngehöfte gestaltete sich der Aufbau einer funktionierenden Landwirtschaft sehr schwierig. Besonders nachteilig machte sich bemerkbar, dass etliche Dorfbewohner vor den durchziehenden Truppen geflohen waren und somit ganz Ortschaften brach lagen. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts konnte in der Zerbster Umgebung wieder der Zustand erreicht werden, der vor dem Krieg herrschte.
Der Gemüseanbau in der Zerbster Vorstadt Ankuhn, die erst 1849 eingemeindet wurde, nahm im 18. Jahrhundert einen ungeahnten massiven Aufschwung. Die Bauern produzierten nicht nur in großer Quantität, sondern auch in hoher Qualität. Seit 1728 erfolgte im Ankuhn auch der Anbau von Kartoffeln, nachdem das Gewächs schon 1724 im fürstlichen Lustgarten vom Hofgärtner angepflanzt wurde - dort nicht zum Verzehr, sondern nur zur Zierde. Der im Jahr 1761 aus Leipzig nach Zerbst gekommene Johann Carl Corthum baute schrittweise eine Handelsgärtnerei auf, die schnell überregionalen Ruf erlangte.

Carl Wilhelms Regentschaft
Im Jahr 1676 hatte Fürst Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst in Halle/Saale Prinzessin Sophia von Sachsen-Weißenfels (1654-1724) geheiratet. Im Folgejahr kam der Erbprinz Johann August auf die Welt, der später die Regentschaft von seinem Vater übernahm. Der zweite Sohn aus dieser Ehe, Carl Friedrich (1678-1693) verstarb bereits im Alter von nur 15 Jahren. Das dritte Kind, Magdalena Augusta (1679-1740), heiratete nach Sachsen-Gotha.
Als Besonderheit ist anzumerken, dass Carl Wilhelm und Sophia entgegen den an fast allen Fürstenhöfen Europas üblichen Gepflogenheiten im neuen Barockschloss ein gemeinsames Schlafzimmer besaßen. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass es sich um eine harmonische, von Liebe geprägte Ehe handelte.
Unter Carl Wilhelm erreichte der Absolutismus in Anhalt-Zerbst einen seiner Höhepunkte. Nachdem 1698 der letzte gesamtanhaltische Landtag zusammentrat, konnte der Regent nach Belieben Gesetze erlassen und Steuern erheben, ohne dass dafür eine Zustimmung notwendig war.
Im Jahr 1708 wurde ihm eine besondere Ehre zuteil. Kaiser Joseph I. (1678-1711) verlieh dem Fürsten von Anhalt-Zerbst in Anerkennung seiner reichstreuen Politik den Titel "Durchlaucht". Diese Anrede stand bis dahin nur dem jeweiligen Senior des Hauses Anhalt zu, der Zerbster Regent und seine Erben konnten diese nun auch für sich in Anspruch nehmen.
Fürst Carl Wilhelm war nicht nur in Anhalt-Zerbst aktiv, sondern kümmerte sich ebenso intensiv um die Herrschaft Jever im fernen Ostfriesland, zu der auch die Insel Wangerooge gehörte. Zum Schutz des seit 1667 in Zerbster Besitz befindlichen Gebietes vor den Wassermassen der Nordsee sowie zur Landgewinnung und damit zur Ausdehnung der Landwirtschaft ließ er mehrere Deiche errichten und große Flächen meliorieren. Der weitsichtige Regent investierte mehr als 22.000 Taler in die Region Jever, um später vom Ertrag landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu profitieren. Auch die Stadt Jever nahm Aufschwung: neue Bürgerhäuser entstanden, Wirtschaft und Handel begannen zu florieren.
Von 1683 bis 1689 hatte der dänische König Christian V. (1646-1699) dem Zerbster Fürsten die Herrschaft streitig gemacht und hielt das Jeverland besetzt. Durch Vermittlung von Kaiser Leopold I. (1640-1705) sowie der Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen (1647-1691) und Friedrich III. von Brandenburg (1657-1713) konnte Carl Wilhelm wieder uneingeschränkt über Jever verfügen.
Der gebildete Carl Wilhelm war auch einer der Mitinitiatoren einer Chronik des Fürstentums Anhalt. Den Auftrag für dieses voluminöse Werk erhielt der 1641 in Zerbst geborene und aufgewachsene, nach seinem Studium in Frankfurt/Oder als Professor tätige Johann Christoff Beckmann. Nach jahrelangen Recherchen erschien im Zeitraum von 1709 bis 1716 seine dreibändige Chronik des Fürstentums Anhalt, die noch heute eine wesentliche, unverzichtbare Quelle für regionale Geschichtsforschungen darstellt. Das Werk wurde in Zerbst gedruckt und bei Gottfried Zimmermann verlegt. Der renommierte Verleger und Buchhändler betrieb in Zerbst eine Filiale seiner in Wittenberg ansässigen Buchhandlung. Sie befand sich von 1701 bis 1812 im unteren Gewölbe des separat stehenden Glockenturmes der St. Bartholomäikirche. Natürlich war dort auch die dreibändige Chronik mit breiten Ausführungen zur Zerbster Stadtgeschichte erhältlich. Parallel existierte eine zweite Buchhandlung in der Stadt.
Nur wenige Jahre nachdem Carl Wilhelm und seine Gemahlin Sophia den vollendeten barocken Haupttrakt des Schlosses bezogen hatten, wurde der Bau der Dreiflügelanlage fortgesetzt. Am 16. April 1703 legten sie den Grundstein zum westlichen Trakt. Auf den Tag genau 242 Jahre später sollte das Schloss in Schutt und Asche versinken. Die Anfertigung der Entwürfe und die Bauleitung lagen in den Händen von Giovanni Simonetti. Während die Zimmer dieses Schlossflügels um 1715 weitgehend vollendet waren, verzögerte sich der Ausbau der Schlosskapelle wesentlich. Die Ausgestaltung dieses sich über zwei Etagen erstreckenden Hauptraumes des westlichen Traktes währte bis 1719. Erst dann erfolgte die feierliche Einweihung anlässlich des Geburtstages der Fürstin Hedwig Friederike (1691-1752).
Parallel entstanden im Umfeld des Schlosses mehrere Gebäude. Bis 1702 errichtete Simonetti eine Lustgrotte, die am Ende des nördlichen Lustgartens lag und später durch die Hauptorangerie ersetzt wurde. Nur zwei Jahre danach begann der Bau der ersten Orangerie im Zerbster Schlossgarten, die im 19. Jahrhundert den Namen "Kämmereigebäude" erhielt. Das fertige Gewächshaus mit einem stuckierten Mittelsaal wurde 1709 mit exotischen Pflanzen bestückt. Der versierte Künstler Simonetti zeichnete auch für die Pläne zum Marstall westlich des Schlosses verantwortlich, dessen Bau 1707 begann. Dieser Gebäudekomplex wurde jedoch erst 1713, nachdem er nicht mehr am Zerbster Hof weilte, vollendet. Simonetti lieferte aber auch die Entwürfe zu reinen Zweckgebäuden und zur Neugestaltung des nördlichen Lustgartens.

Fürst Johann August und die Hochkultur am Zerbst Hof
Fürst Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst verstarb 1718 im Alter von 66 Jahren in seinem Gemach, das sich in dem von ihm in Auftrag gegebenen Haupttrakt des Schlosses befand. Für 44 Jahre lagen die Geschicke des Landes in seinen Händen. Mit politischem Geschick und großem Engagement führte er Zerbst und die Gebiete ringsherum einer besseren Zukunft entgegen. Der Sohn setzte das Werk des Vaters fort.
Erbprinz Johann August wurde 1677 in Zerbst geboren. Seit der Kindheit legten seine Eltern besonderen Wert auf eine solide Ausbildung und überwachten diese auch. Im jungen Mannesalter trat er, wie in fürstlichen Kreisen üblich, Kavalierstouren an. Er besuchte die Vereinigten Niederlande und verschiedene Fürstentümer des deutschen Reiches. Carl Wilhelm bezog den politisch ambitionierten Sohn schon früh in die Regierungsgeschäfte ein. Schnell waren seine Meinung und sein Urteil gefragt.
Eine zweite Reise führte ihn nach Dänemark und Schweden. Im Jahr 1701 erhielt er aus den Händen des dänischen Königs Friedrich IV. (1671-1730) den Ritterorden des Elefanten. An diese hohe Auszeichnung erinnert noch heute die in Stuck ausgeführte Ordenskette oberhalb der Fürstenloge des ehemaligen Reithauses (heute Stadthalle). Nach seiner Rückkehr nach Zerbst - er war gerade 24 Jahre alt - erhielt er vom Vater eine eigene Hofhaltung. Damit ging er ein weiteres Stück in Richtung Selbständigkeit.
Johann August heiratete 1702 Prinzessin Friederike von Sachsen-Gotha (1675-1709). Sie hatten sich bereits bei der Einweihung der Zerbster St. Trinitatiskirche kennen gelernt. Das nach ihr benannte, ab 1704 entstandene Lustschloss Friederikenberg unweit von Zerbst war der Lieblingsaufenthalt des Erbprinzen und seiner Gemahlin. Dort konnten sie dem Hofalltag mit seinem strengen Zeremoniell wenigstens partiell entfliehen und ihr Eheglück genießen. An der Entstehung dieser herrlichen Anlage, eine Maison de plaisance, waren zahlreiche in Zerbst ansässige Meister, Gesellen und Handlanger über Jahrzehnte beschäftigt. Doch nach nur sieben Ehejahren verstarb die gebildete Friederike und hinterließ keine Kinder.
Nach langem Zögern und Jahren voller Kummer vermählte sich der Erbprinz 1715 erneut. Seine Auserwählte war Prinzessin Hedwig Friederike von Württemberg-Weiltingen (1691-1752), die eine nicht unerhebliche Mitgift in die Ehe einbrachte. Doch auch aus dieser Verbindung gingen keine Erben hervor.
Fürst Johann August, der den Titel "Durchlaucht" von seinem Vater geerbt hatte, führte die Regierungsgeschäfte mit viel Fleiß und großem Engagement. Er avancierte schließlich zum bedeutendsten Herrscher von Anhalt-Zerbst, das 190 Jahre existierte. Das kam der Entwicklung seines Landes sehr zugute. Besonders erwähnenswert ist, dass ihn seine Gemahlin Hedwig Friederike in vielen Bereichen unterstützte und ihm in verschiedenen Dingen beratend zur Seite stand. Seine Vorliebe für Kunst und Kultur ließ den fürstlichen Hof in Zerbst glänzend erstrahlen und beförderte die Ansiedlung bedeutender Künstler, Handwerker, Schauspieler und anderer Personen mit vielfältigen Erfahrungen in Zerbst.
Zum 200. Jahrestag der Augsburger Konfession (Schrift protestantischer Reichsstände anlässlich des Reichstages von 1530 als Bekenntnis ihres Glaubens ) ließ der streng gläubige Fürst Johann August in der Stadt Zerbst und dem Umland Kirchenfeiern durchführen. Zu diesem Anlass erhielten alle Prediger in Anhalt-Zerbst vom Regenten eine Ausgabe der Geschichte des Augsburger Bekenntnisses.

Nach der Vollendung des westlichen Schlosstraktes, der mit seinem Turm über dem Mittelrisalit (1744 abgebrochen) und der figurengeschmückten Balustrade die Blicke besonders auf sich zog, war eine Zweiflügelanlage entstanden. Zur Wiederherstellung der gewünschten Dominanz des Corps de logis wurde sein schlichter Mittelrisalit zu einem prächtigen Turm erweitert. Auftraggeber Fürst Johann August betraute Johann Christoph Schütze mit der Planung und Ausführung. Mit dem Baumeister gelangten sächsische Einflüsse nach Anhalt-Zerbst.
Das kontinuierliche Wirtschaftswachstum in Zerbst und der Umgebung bildete die finanzielle Grundlage für den Bau des Schlossturmes, der von 1721 bis 1725 währte. Es entstand ein prächtig verzierter, hochbarocker Turm, der die Schlossanlage bis zu ihrer Zerstörung 1945 beherrschte.
Unter der Regierung des Fürsten Johann August entstanden im Schlossgarten zahlreiche neue Gebäude. Im Jahr 1722 wurde der Grundstein zu einem neuen Lusthaus im Garten der Herzogin gelegt. Die Entwürfe dazu lieferte der überaus versierte Hofbaumeister Johann Christoph Schütze. Es entstand ein elegantes, im Innern kostbar ausgestattetes Barockgebäude. Eine wesentlich größere Bauaufgabe bestand in der Errichtung eines neuen Reithauses. Von 1723 bis 1732 entstand ein Bau, der für kleinstaatliche Verhältnisse schon recht luxuriös ausfiel. Das Reithaus mit seinen prächtigen Stuckdekorationen dient der Stadt Zerbst heute als kulturelles Zentrum. Von 1727 bis 1732 errichtete Schütze für Fürstin Hedwig Friederike ein Gartenhaus, das sich in der Nähe des Reithauses befand. Die in den Jahren 1735 bis 1741 erbaute Hauptorangerie am Ende des nördlichen Lustgartens wurde zu einem besonderen Kleinod. Auch die Gärten rings um das Schloss erfuhren wesentliche Erneuerungen in barocken Formen.
Wie schon Simonetti oblag es auch Schütze in seiner Eigenschaft als Hofbaumeister, mehrere kleine Zweckgebäude zu planen und zu errichten. Dazu gehörten z. B. zwei Gewächshäuser, ein "Aloe-Turm" - ein spezielles Glashaus zur Unterbringung von Agaven -, ein Fischerhaus, das der Hoffischer bewohnte, und eine Vogtei (Wirtschaftshof). Ebenso kümmerte er sich 1732 um die Anlage einer neuen Trinkwasserleitung zum Schloss. Auch den Friederikenberg, das Lust- und Jagdschloss Johann Augusts, wurde von Schütze großzügig erweitert. Für Christian August von Anhalt-Zerbst-Dornburg und seine Familie baute er von 1726 bis um 1738 ein neues, imposantes Barockschloss in Dornburg/Elbe, ein Vorgängerbau des heutigen Rokokogebäudes.
Darüber hinaus nahm Schütze Projekte anderer Auftraggeber an. So war er auch im Zerbster Umland aktiv und plante mehrere Neu- bzw. Umbauten von Kirchen in verschiedenen Dörfern, so z. B. in Hundeluft und Hohenlepte.

Zur Ausstattung des Residenzschlosses und der fürstlichen Lusthäuser bestand ein hoher Bedarf an Porzellan. Die sehr teure Ware aus China und Japan konnten die Zerbster Fürsten nur in bescheidenem Umfang anschaffen. Eine Alternative bestand in der Herstellung von Fayenceerzeugnissen im eigenen Land. Der Fayencemaler Johann Caspar Ripp aus Hanau und der Niederländer Daniel van Kayck, ein Experte in der Herstellung von Fayencen, gründeten 1721 mit fürstlicher Unterstützung eine Manufaktur in Zerbst. Die Produktionsstätte auf der Heide lieferte Fayencen von hoher künstlerischer Qualität. Die breite Produktpalette umfasste u. a. Service, Tafelaufsätze, Krüge, Vasen, Kacheln und Ofenaufsätze. Viele Zerbster Produkte wurden speziell für den Hof angefertigt und schmückten dann die fürstlichen Zimmer. Meist schlichtere Fayencen fanden auch in den Häusern wohlhabender Bürger der Stadt Verbreitung, der Export lief dagegen vielfach schleppend. Fayencen wurden in Zerbst bis zum Jahr 1806 hergestellt.

Die Musik stellte insbesondere unter der Regentschaft von Johann August einen untrennbaren Bestandteil der barocken Hofhaltung dar. Der kunstsinnige Fürst berief Johann Friedrich Fasch (geb. 1688) im Jahr 1722 nach Zerbst. Hatte die Hofkapelle anfangs neun Mitglieder, so stieg deren Zahl unter Fasch bis auf etwa zwanzig. Daran wird deutlich, welchen hohen Stellenwert das Ensemble einnahm und dass sich die Zerbster Regenten diesen Luxus etwas kosten ließen. Fasch war bis zu seinem Tod 1758 als Hofkapellmeister und überaus schaffensreicher Komponist tätig. Die zahlreichen Musikstücke aus seiner Feder kamen zu verschiedensten Anlässen wie Gottesdiensten, kirchlichen Feiertagen, Geburtstagen, Hochzeiten und anderen Festen, Trauerfeiern usw. zur Aufführung. Die prächtig ausgestatteten Säle und Zimmer des fürstlichen Residenz sowie die Schlosskapelle, aber auch das große Reithaus, das "Kämmereigebäude" mit seinem stuckierten Mittelsaal und die malerische Orangerie bildeten herausragende Kulissen für Faschs Schöpfungen. Seine Werke, die sich mit denen von Bach, Händel und Telemann messen ließen, waren lange vergessen und erleben heute eine Renaissance. Sein Sohn Carl Friedrich Christian Fasch (1736-1800) ging als Begründer der Berliner Singakademie in die Musikgeschichte ein.

Zerbst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Im Gegensatz zur Musik konnte sich das Theater bzw. das Schauspiel in Zerbst nie richtig etablieren. Am Zerbster Hof und auf den Jahrmärkten gab es Vorführungen verschiedenster Art, doch ein Ensemble wurde nicht sesshaft. Bei Darbietungen im Neuen Haus am Markt war neben der Stadtbevölkerung manchmal auch der Fürst mit seinem Hofstaat zugegen. Selbst die engagierten Versuche der renommierten Schauspielerin Caroline Neuber, das Theater in Zerbst zu etablieren, scheiterten. Auch sie spielte mehrfach im Neuen Haus vor interessiertem Publikum. Im Jahr 1750 führte sie mit ihrer Truppe mehrere Komödien im Kirchsaal der Residenz in Anwesenheit von Mitgliedern der fürstlichen Familie auf. Schon ein Jahr zuvor hatten andere sächsische Komödianten den Hof mit einer Darbietung im Großen Saal unterhalten. Doch 1751, nach nur zwei Jahren Anwesenheit in Zerbst, musste die Neuberin aufgeben und verließ mit ihrer Truppe hoch verschuldet die Stadt. Die Aufführung mehrerer Komödien im fürstlichen Reithaus anlässlich der Eheschließung des Fürsten Friedrich August von Anhalt-Zerbst mit Prinzessin Caroline Wilhelmine Sophie von Hessen-Kassel ist für das Jahr 1753 belegt. Sicher fanden weitere, jedoch schriftlich nicht überlieferte Aufführungen und Gastspiele statt.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestand im Bereich des Bauwesens die Hauptaufgabe darin, die im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Häuser der Stadt wieder aufzubauen und damit die Straßenzüge zu schließen. Da nicht viel Geld zur Verfügung stand, handelte es sich meist um schlichte Wohnhäuser. Oft wurden noch vorhandene Teile einfach im alten Stil ergänzt. Nur vereinzelt konnten Bürger völlig neue Gebäude errichten, die dann aber Züge des Barock aufwiesen. Im Jahr 1696 hatte Fürst Carl Wilhelm den Befehl zu vielfältiger Unterstützung gegeben: Zuschüsse zum Erwerb von Baumaterial, Senkung von Preisen und zeitlich begrenzter Aufschub von Steuerzahlungen. Damit forcierte er den Hausbau in Zerbst - eine Grundlage für weitere Steuereinnahmen.
Nach 1700 entstanden mehrere repräsentative Neubauten im Stil des Barock. Zu den herausragenden Objekten zählen die beiden Kavalierhäuser auf der Schloßfreiheit, die Superintendentur der St. Bartholomäikirche und das ehemalige Hotel Anhalt auf dem Markt. Während sie noch heute existieren, gingen andere barocke Bürgerhäuser 1945 gänzlich verloren. Sie waren vorwiegend auf der Breite, der Heide, dem Hoheholzmarkt und der Breiten Straße zu finden, wo auch viele Hofhandwerker ansässig waren.
Die Schloßfreiheit, damals Fürstliche Freiheit, nahm ursprünglich eine besondere Stellung ein. Dort hatten die höchsten Hofbeamten, die fast ausschließlich dem Adel entstammten, ihren Wohnsitz. Das kam auch in der Gestaltung ihrer Wohnhäuser zum Ausdruck. Die beiden Kavalierhäuser Schloßfreiheit Nr. 10 und 12 mit ihren prächtigen Stuckaturen im Innern standen in ihrer Kunst dem Residenzschloss in Nichts nach. Sie wurden von den Brüdern August Friedrich und Hans Friedrich Brandt von Lindau in Auftrag gegeben und waren die prächtigsten Gebäude am Platze.
Auf Initiative des Fürsten Johann August entstand 1728 ein Zucht-, Waisen- und Armenhaus auf dem Gelände des ehemaligen Frauenklosters auf der Breite. Die einstige Klosterkirche wurde ausgebaut und zu einem Zuchthaus umgewandelt. Ein großer barocker Anbau nahm das Waisen- und Armenhaus auf. Damit konnten einige soziale Probleme wenigstens etwas gelindert werden, die Ursachen für die Not einiger Menschen blieben aber bestehen.
Im Jahr 1736 ließ der Fürst in Zerbst eine Straßenbeleuchtung anlegen, für deren Betreibung es eine spezielle "Laternenkasse" gab. Wahrscheinlich erhielten aber nur einige bedeutende Straßen der Stadt Licht. Eine öffentliche Beleuchtung ist für Zerbst schon für das Jahr 1695 am Markt belegt.
Die Stadtmauer mit einer Länge von etwa 4,2 Kilometern, die im wesentlichen aus dem 15. Jahrhundert stammt und die Stadt noch heute umschließt, wurde auch im 18. Jahrhundert immer wieder erneuert, obwohl ihre militärische Bedeutung mehr als fragwürdig war. Die fünf Haupttore der Stadt erhielten zum Teil Nebentore, um den Durchgangsverkehr flüssig zu gestalten, die vorgelagerten Vortore verschwanden zum größten Teil. In spätbarocker Zeit, um 1780, veränderte sich das Aussehen von drei Stadttoren: das Akensche Tor, das Frauentor und das Breite-Straßen-Tor. Der für den Zerbster Hof tätige, aus Bernburg stammende Hofbau- und Zeichenmeister Schütze lieferte die Entwürfe. Die Umbauabsichten der beiden anderen Stadttore - Heidetor und Ankuhnsches Tor - kamen dagegen über die Planungen nicht hinaus.
Neben dem Schlossgarten existierten zwei weitere große Parkanlagen in Zerbst. Der Rephuns Garten an der heutigen Jeverschen Straße entstand bereits im 17. Jahrhundert. Mehrere Besitzerwechsel brachten meist auch Umgestaltungen im Zeitgeschmack mit sich. Seinen gestalterischen Höhepunkt hatte der Garten um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Heute ist fast nichts mehr vom einstigen Barockgarten erkennbar. Das im fürstlichen Besitz befindliche "Hainholz" im Süden der Stadt wurde 1749 auf Betreiben der Regentin Johanna Elisabeth (1712-1760) nach ihrem Sohn Friedrich August (1734-1793) in "Friedrichsholz" umbenannt. Parallel erfolgte die Umgestaltung des Waldareals in eine Parkanlage. Schnurgerade Wege, die sich an einigen Stellen zu Plätzen, die mit Statuen verziert waren, erweiterten, und neue Gebäude entstanden. Die fürstliche Familie nutzte das Ambiente für Feste und Theateraufführungen. Die im 19. Jahrhundert von der Stadt erworbene, heute als "Waldfrieden" bezeichnete Anlage büßte immer mehr von ihrem Charme ein. Jetzt erinnert nur noch wenig an die Blütezeit im 18. Jahrhundert.

Das fürstliche Bauen geht weiter
Fürst Johann August bemühte sich ebenso wie sein Vater um die zu Anhalt-Zerbst gehörige Herrschaft Jever. Er hatte seinen Cousin Johann Ludwig (II.) von Anhalt-Zerbst-Dornburg (1688-1746) dort 1720 als Oberlanddrost eingesetzt. Gelegentlich reiste er selbst nach Jever und überzeugte sich von den Fortschritten. Auch der Zerbster Hofbaumeister Johann Christoph Schütze war im fürstlichem Auftrag für Jever tätig. Von 1731 bis 1736 versah Jobst Christoph von Rössing (1680-1750) den mächtigen Bergfried des dortigen Schlosses mit einer hohen barocken Laterne mit Zwiebeldach und Fahne nach Schützes Plänen.
Auch in Zerbst tat sich Einiges. Nach Abschluss der Arbeiten am Schlossturm widmete sich Fürst Johann August vorrangig der Erweiterung seines Lustschlosses Friederikenberg und dem Neubau verschiedener Gebäude im Zerbster Schlossgarten. Nachdem der Schlossbau für mehr als ein Jahrzehnt geruht hatte, erfolgten wieder Planungen zur weiteren Vergrößerung. In diesem Zusammenhang lieferte der vielseitig begabte Hofbaumeister Schütze im Auftrag des Fürsten zahlreiche Zeichnungen, die den großzügigen Ausbau der Zerbster Residenz vorsahen. Die faszinierenden, aber überdimensionierten Entwürfe überstiegen die finanziellen Möglichkeiten des kleinen Fürstentums Anhalt-Zerbst. So kamen nur Details davon - der Pavillon am Westflügel und die Sandsteinmauer am Schlosskanal nördlich des Corps de logis und westlich des Westtraktes - zur Ausführung.
Die Errichtung des Pavillons am Westflügel, der unmittelbar an die Schlosskapelle anschloss, begann im Jahr 1736. Wieder beteiligten sich viele Zerbster Handwerker an den Arbeiten. Nachdem der Rohbau 1738 stand, zogen sich der innere Ausbau und die Ausgestaltung mit kostbarem Mobiliar sowie anderen Ausstattungsstücken bis 1744 hin. Damit erlebte der fürstliche Auftraggeber die Fertigstellung des Gebäudes nicht mehr. Johann August verstarb im Alter von 65 Jahren in seinem Appartement im Schloss.
Der während der gesamten, sich über 24 Jahre erstreckenden Regentschaft des Fürsten herrschende Frieden wirkte sich positiv auf die Entwicklung des Landes und der Stadt Zerbst aus. Handel und Gewerbe nahmen stetig Aufschwung, das geistig-kulturelle Leben am Zerbster Hof entwickelte sich auf ein sehr hohes Niveau. Johann August prägte wie keiner seiner Vorgänger das Aussehen seiner Residenz.
Parallel zum Bau des Pavillons wurde ab 1739 eine Zimmerflucht im obersten Geschoss des Corps de logis zum Appartement für Hedwig Friederike ausgebaut. Darin befand sich auch ein überaus wertvolles, ebenfalls von Schütze entworfenes Spiegelkabinett. Die Fürstin bezog ihre sehr kostbar eingerichteten Gemächer 1743 und bewohnte sie bis zu ihrem Tod 1752.

Johann Ludwig und Christian August - Auftraggeber für den letzten Schlosstrakt
Da die beiden Ehen Johann Augusts kinderlos geblieben waren, erlosch mit ihm die Hauptlinie Anhalt-Zerbst. Die Herrschaft ging an die von Johann Ludwig I. (1656-1704), ein Bruder des Regenten Carl Wilhelm (1652-1718), im Jahr 1698 gegründete Nebenlinie Anhalt-Zerbst-Dornburg über. Kaiser Leopold I. (1640-1705) hatte die Kinder Johann Ludwigs in den Reichsfürstenstand erhoben und der Nebenlinie einen offiziellen Status mit allen dazugehörigen Rechten verliehen. Damit waren sie berechtigt, die fürstliche Erbfolge der Hauptlinie anzutreten.
Johann Ludwig, 1688 im mehrfach veränderten Stammschloss der Nebenlinie in Dornburg/Elbe geboren, begann schon im jugendlichen Alter mit seinen Studien und erwarb so ein umfangreiches Wissen. Er studierte an der Utrechter Universität in den Vereinigten Niederlanden und anschließend an der Ritterakademie in Berlin. Weitere Reisen führten ihn nach England und Frankreich. Fürst Johann August von Anhalt-Zerbst ernannte ihn 1720 zum Oberlanddrost von Jever. Johann Ludwig bezog das dortige Schloss und führte für 22 Jahre akribisch die Amtsgeschäfte. Handel und Wirtschaft nahmen unter ihm weiter Aufschwung.
Der nur zwei Jahre jüngere Christian August erblickte ebenfalls in Dornburg das Licht der Welt. Durch den frühen Tod seiner Eltern übernahm der in Zerbst regierende Carl Wilhelm die Vormundschaft. Er schlug eine militärische Laufbahn ein und machte in der preußischen Armee unter drei Königen Karriere.
Die fürstlichen Brüder Johann Ludwig (1688-1746) und Christian August (1690-1747) aus der Nebenlinie Anhalt-Zerbst-Dornburg traten 1742 gemeinsam die Regierung in Anhalt-Zerbst an. Ihnen blieb jedoch nur wenig Zeit, Einfluss auf die Entwicklung des Landes zu nehmen. Doch sie erließen einige Gesetze, so z. B. das 1745 verabschiedete, noch heute zu begrüßende Mandat, das das Tabakrauchen auf den Straßen der Stadt und den Dörfern untersagte. Johann Ludwig, der im Rahmen seiner über 20jährigen Statthalterschaft in Jever viele wirtschaftliche Erfahrungen gesammelt hatte, setzte 1744 in Zerbst eine Innungsreform um. Die Neuregelung zur Förderung des freien Handwerkerstandes erfolgte nach preußischem Vorbild. Unter der Regentschaft der beiden Fürsten wurde mit der fünften Bauphase die letzte Erweiterung der Zerbster Residenz in Auftrag gegeben.
Mit der Errichtung des Ostflügels ging die ursprünglich geplante, in erweiterter Form ausgeführte Dreiflügelanlage ihrer Vollendung entgegen. Drei Fürstengenerationen waren die Auftraggeber des Residenzschlosses. Über Jahrzehnte hatten die Zerbster Regenten auf einer Großbaustelle gelebt. Die Anfertigung der Entwürfe für den östlichen Trakt und die Bauleitung lagen in den Händen des preußischen Bauinspektors Johann Friedrich Friedel - ein Mitarbeiter im Baubüro des Baumeisters Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753). Mit ihm kam das friderizianische Rokoko nach Zerbst, das sich jedoch nur im Innern des Schlosses entfaltete. Das Äußere des Ostflügels orientierte sich an den Formen des westlichen Traktes und war noch ganz dem Hochbarock verpflichtet. Johann Ludwig (II.) und Christian August hatten 1744 gemeinsam den Grundstein gelegt, die Fertigstellung erlebten jedoch beide nicht mehr.
Der Neubau erforderte wieder viele Arbeitskräfte der verschiedensten Fachbereiche, die vorrangig aus Zerbst stammten. Viele Menschen hatten über Jahre ein sicheres Einkommen. Nachdem der Rohbau trotz seiner großen Dimensionen überaus schnell errichtet war, ging der innere Ausbau nach einiger Zeit nur zögerlich voran. Auch für die Entwürfe zu Zimmern und Kabinetten zeichnete Friedel verantwortlich. Die schwungvollen Rokokostuckaturen waren schon 1747 weitgehend vollendet, zeitgleich auch die beiden Deckengemälde im Audienzgemach und im Schlafzimmer, den bedeutendsten Räumen im Ostflügel.
Für die Ausstattung von sieben Räumen - drei davon lagen im teilweise neu gestalteten Corps de logis - konnte der königlich-preußische Hofbildhauer Johann Michael Hoppenhaupt d. Ä. (1709-1769) gewonnen werden. Er schuf Wandverkleidungen inklusive Schnitzereien und Spiegeln, verzierte Türen und Einfassungen für Tapisserien und Tapeten, geschnitzte Supraporten sowie das zu den Paneelen passende Mobiliar. Darüber hinaus lieferte er auch Kaminumrahmungen, Wandleuchter und Gemälde. Unter Hoppenhaupt entstanden Interieurs von höchster Qualität, was sich natürlich auch in hohen Kosten niederschlug. Für die Ausstattung der anderen Zimmer des Ostflügels zeichneten Zerbster Hofhandwerker verantwortlich. Auch sie schufen qualitätvolle Raumeinrichtungen und interessante Möbel.
Nachdem die Arbeiten im Inneren des Schlosses seit Mitte 1749 aus unbekannten Gründen fast gänzlich ruhten, forcierte Johanna Elisabeth zum Jahresbeginn 1752 in Hinblick auf die unmittelbar bevorstehende Mündigkeit ihres Sohnes die Arbeiten massiv. Die fürstliche Etage war Mitte 1753 fertig gestellt. Johanna Elisabeth bezog das südliche Appartement, ihr Sohn Friedrich August das nördliche. Da kein weiterer Bedarf mehr bestand, blieb das zweite Obergeschoss unausgebaut.
Nach Abschluss der Arbeiten am östlichen Flügel der Residenz erfolgten bis auf wenige Ausnahmen nur noch Reparaturen. Auch als es in Zerbst keine Hofhaltung mehr gab, wurden das Schloss sowie die Gartengebäude erhalten und gepflegt. Auch die großen, pflege- und kostenintensiven Bestände in den Orangerien wurden kaum vernachlässigt.
Im Gegensatz zu vorangegangenen Jahrzehnten veränderte sich das Umfeld des Schlosses in Bezug auf neue Gebäude kaum noch. Neben dem Hauptwach- und Spritzenhaus direkt am Zugang zum Schlossareal von der heutigen Schloßfreiheit aus entstanden nur kleine schlichte Wirtschafts- und Nebengebäude. Die 1771/72 errichtete Münze war der letzte Neubau im Zerbster Schlossgarten.
Allerdings wurde die Neugestaltung der Gärten kontinuierlich vorangetrieben. Die Lustgärten südlich und nördlich des Schlosses erhielten ein völlig neues Aussehen. In diesem Zusammenhang entstanden auch zwei neue breite Alleen: eine in Nord-Süd-Richtung, die direkt auf den Schlossturm zulief, und eine an der Südseite der Residenz, die heute noch existiert. Viele Hilfsarbeiter aus Zerbst waren an diesen Maßnahmen beteiligt.

Johanna Elisabeth - ein prunkvolles, aber dunkles Kapitel Zerbster Geschichte
Johann Ludwig (II.) hatte nur für kurze Zeit regiert und verstarb bereits 1746 im Alter von 58 Jahren. 1747, nur vier Monate später, folgte ihm sein jüngerer Bruder und Mitregent Christian August. Seine Gemahlin, die nunmehrige Witwe Johanna Elisabeth (1712-1760) trat die vormundschaftliche Regierung für ihren noch unmündigen Sohn Friedrich August (1734-1793) an. Doch schon vorher nahm sie massiven Einfluss auf die Geschehnisse am Hof und die Landespolitik. Obwohl ihr Gemahl vielfach anderer Meinung und ein gestandener Militär war, beugte er sich meist ihrem Wunsch und Willen. Durch die vom Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) initiierte Heirat ihrer gemeinsamen Tochter Sophie Auguste Friederike (1729-1796) mit dem russischen Großfürsten und Thronfolger Peter (1728-1762) sah sich Johanna Elisabeth in ihrem Stande noch wesentlich erhöht und fühlte sich verpflichtet, die Repräsentation ihrer Person, ihrer Familie und ihres Landes zu verstärken.
Sie war eine intelligente, ehrgeizige und willensstarke Frau. Diesen positiven Eigenschaften standen aber Rücksichtslosigkeit bei der Verfolgung ihrer persönlichen Ziele und Prunksucht zur Machtdemonstration gegenüber, die ihren Lebensweg negativ beeinflussten. Die finanziellen Möglichkeiten des kleines Landes Anhalt-Zerbst waren beschränkt und ließen übermäßigen Luxus, der dem eines Königs gleichkam, nicht zu. Die Folge unbedachter, verschwenderischer Ausgaben und ihrer Eitelkeit waren Schulden und Unzufriedenheit.
Ein noch heute deutlich sichtbarer Ausdruck ihres Überschwangs ist das Schloss Dornburg an der Elbe, das ihr Witwensitz werden sollte. Das vom Zerbster Hofbaumeister Johann Christoph Schütze geplante und in den Jahren 1726 bis um 1738 ausgeführte Barockschloss fiel 1750 einem Großbrand fast völlig zum Opfer. Im Auftrag der Fürstin lieferte der nassau-saarbrückische Generalbaudirektor Friedrich Joachim Michael Stengel (1694-1787), ein gebürtiger Zerbster, 1751 Pläne für eine neue riesige Anlage im Stil des Rokoko. Doch nur ein Teil davon, der Hauptbau, wurde tatsächlich realisiert.

Friedrich August und das Ende des Fürstentums Anhalt-Zerbst
Der 1734 in Stettin geborene Friedrich August hatte keine tief greifende Bildung erfahren, was sich sehr negativ auf seinen weiteren Lebensweg als Erbprinz und späterer Regent auswirkte. Er erhielt "pro Forma" Orden und Ehrenzeichen, ohne sie sich jedoch wirklich verdient zu haben. Ähnlich verhielt es sich mit seinem militärischen Rang, obwohl er militärische Neigungen zeigte. Nachdem er die Volljährigkeit erreicht hatte, übernahm er 1752 die Regierung in Anhalt-Zerbst. Doch sie brachte ihm weder Ruhm noch Ehre ein. Auch der unvermindert starke Einfluss seiner Mutter Johanna Elisabeth auf politische Entscheidungen machte sich negativ bemerkbar.
Im Jahr seiner Regierungsübernahme starb Fürstin Hedwig Friederike von Anhalt-Zerbst, die zweite Gemahlin von Johann August. Ihr Tod läutete das Ende der Barockzeit in Zerbst ein.
Infolge einer Spionageaffäre, in die Johanna Elisabeth unmittelbar verwickelt war, und des Siebenjährigen Krieges ging die Fürstin 1758 aus Zerbst fort und ließ sich inkognito in Paris nieder. Dort verstarb sie hoch verschuldet im Jahr 1760. Ihr Handeln ist Ausdruck davon, dass ihr das Schicksal ihrer Untertanen relativ egal war, Hauptsache, die Staatseinnahmen flossen reichlich in die fürstliche Kasse.
Auch Friedrich August kehrte seinem Land den Rücken zu und ließ sogar seine erste Gemahlin Caroline Wilhelmine Sophie von Hessen-Kassel (1732-1759), die er 1753 geheiratet hatte, unwissend im Schloss zurück. Einige Zeit später weilte er wieder in seiner Residenz. Die Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges, der von 1756 bis 1763 wütete, waren auch in Zerbst deutlich spürbar. Die Stadt musste massenweise Einquartierungen von Truppen hinnehmen, enorme Geldzahlungen leisten, Nahrungs- und Futtermittel abliefern sowie Rekruten stellen - ein Racheakt des preußischen Königs wegen der Spionageaktion. Damit war der erneute Niedergang der Stadt unaufhaltbar.
Nach dem frühen Tod seiner ersten Gemahlin ging Friedrich August 1764 eine neue Verbindung mit Friederike Auguste Sophie von Anhalt-Bernburg (1744-1827) ein. Bald nach der Eheschließung verließ er Anhalt-Zerbst endgültig und überließ korrupten Hofbeamten die Staatsgeschäfte. Der Fürst verfasste zwar seine Befehle selbst und sandte sie nach Zerbst, doch das beauftragte Geheimratskollegium war oft mit den fragwürdigen Anordnungen überfordert und durch fehlende Rückkopplung handlungsunfähig. Daraus ergaben sich konfuse Zustände in der Landesverwaltung. Zu dieser Misswirtschaft kam erschwerend hinzu, dass mit dem Wegfall der prächtigen Hofhaltung auch viele Arbeitsplätze verloren gingen. Das machte sich vor allem in der Stadt Zerbst dramatisch bemerkbar. Die Folge war, dass viele Menschen die Stadt verließen und trotz fürstlichem Verbots z. B. nach Russland emigrierten. Auch im Schlossgarten fanden nun keine Erneuerungen mehr statt, Gärtnerstellen entfielen. Die verschiedenen Gärten rings um das Schloss verwilderten, der Schlossteich wurde verfüllt. Damit verlor das Areal seinen barocken Charakter.
Der Regent Friedrich August hatte fast keine Skrupel und verkaufte nach einem 1777 geschlossenen Vertrag sogar Untertanen als Soldaten an England, die zur Zeit der amerikanischen Befreiungskriege in Kanada kämpften. Auch in den Folgejahren wurden Soldaten angeworben.
Mit dem Tod des kinderlos gebliebenen Friedrich August erlosch die Fürstenlinie Anhalt-Zerbst. Er hatte viele Jahre im Ausland verbracht und hinterließ hohe Schulden. Die schweren Folgen waren auch in Zerbst deutlich spürbar. Der Anschluss der Stadt Zerbst und der Umgebung per Losentscheid an Anhalt-Dessau brachte nur bedingt positive Neuerungen. Im Gegensatz zu den anderen Regionen Anhalts und der angrenzenden Länder war in Zerbst nur ein sehr mäßiger Fortschritt zu verzeichnen.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2007, Seite 88—119


Literatur:
Beckmann, Johann Christoff: Historie des Fürstenthums Anhalt (Zerbst 1710/16)
Herrmann, Dirk: Schloss Zerbst in Anhalt (Regensburg 2005)
Lentz, Samuel: Becmannus enucleatus ... (Cöthen und Dessau 1757)
Specht, Reinhold: Geschichte der Stadt Zerbst (Zerbst 1955/98)
Wäschke, Hermann: Anhaltische Geschichte (Cöthen 1913)


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