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Rudolf
Der erste Fürst von Anhalt-Zerbst

In den ersten Jahrzehnten des Bestehens des Landes Anhalt-Zerbst lagen dessen Geschicke in den Händen des Fürsten Rudolf. Dieses schwere und für ihn neue Amt bewältigte er mit großer Disziplin und Meisterschaft. Heute erinnert fast nichts mehr an den Fürsten, so dass seine Person ausführlicher vorgestellt werden soll.
Rudolf war der Sohn des Fürsten Joachim Ernst, der am 20. Oktober 1536 in Dessau geboren wurde und im Jahre 1582 das Gymnasium illustre in Zerbst begründete. Die erste Ehe schloss Joachim Ernst mit der 1540 geborenen Gräfin Agnes von Barby. Er hatte mit ihr sechs Kinder.[1] Sie verstarb schon mit 29 Jahren.
Als sein älterer Bruder Karl (geboren 1534) am 4. Mai 1561 starb und seine letzte Ruhe im Chor der Zerbster St. Bartholomäikirche gefunden hatte, erhielt Joachim Ernst den Status eines Erbprinzen. Im gleichen Jahr verschied am 6. Oktober sein Onkel und Vormund Joachim (geboren 1509). Nun übernahm Joachim Ernst gemeinsam mit seinem Bruder Bernhard die Regierung des Fürstentums Anhalt. Joachim Ernst residierte in Dessau, Bernhard in Zerbst.
Nachdem der Cousin seines Vaters, Fürst Wolfgang (1482-1566), seinen Anteil am Fürstentum Anhalt 1562 abgetreten hatte, war das Land unter den Brüdern Joachim Ernst und Bernhard geeint. Durch Bernhards frühen Tod am 1. März 1570 wurde Joachim Ernst alleiniger Regent im Land Anhalt. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts gab es durch ständige Teilungen auf Grund der Erbfolge keine Landeseinheit. Erst Joachim Ernst regierte wieder allein über das gesamte Gebiet. Das brachte nicht nur dem Fürsten merkliche Vorteile, sondern auch der Bevölkerung. Im Jahre 1578 erhielt der Fürst sogar das kaiserliche Privileg, die Herrschaft auch in weiblicher Linie zu vererben, falls keine männlichen Nachkommen die Erbfolge sicherten. Die Einheit Anhalts unter Joachim Ernst währte jedoch nur 16 Jahre und fand mit dem Tode des Fürsten im Jahre 1586 ein vorläufiges Ende. Das Land wurde unter den Söhnen aufgeteilt.

  Fürst Rudolf Fürst Rudolf von Anhalt-Zerbst
Rudolf kam am 28. Oktober 1576 um 20 Uhr auf die Welt. Er entstammte der zweiten Ehe Joachim Ernsts mit Eleonora von Württemberg (1552-1618), mit der er zehn Kinder hatte.[2] Die traditionelle Münzstätte Harzgerode war sein Geburtsort. Das dort heute noch existierende Renaissanceschloss diente der fürstlichen Familie als Wohnsitz im Harz. Fürst Georg III. ließ dieses Gebäude in den Jahren 1549 bis 1552 erbauen.
Wo Fürst Rudolf seine Jugendjahre verbrachte, ist nicht belegt. Wahrscheinlich lebte er die meiste Zeit in der väterlichen Hauptresidenz in Dessau. Er könnte in dem heute noch vorhandenen Johannbau gewohnt haben, den Ludwig Binder in den Jahren 1530 bis 1549 schuf und der Teil einer Vierflügelanlage war.
Rudolf wurde gemeinsam mit seinen Brüdern Augustus (1575-1653), Johann Ernst (1578-1601) und Ludwig (1579-1650) erzogen. Damals war es üblich, dass Hofangestellten diese Aufgabe übertragen wurde. Die Eltern kümmerten sich kaum um ihre Kinder. Der fürstlich-anhaltische Hofmeister und spätere Geheime Rat in Dessau Ernst von Kötschau sowie Johann Starcke wurden mit der Erziehung und der Ausbildung der Prinzen betraut. Sie wurden in den damals bekannten Wissenschaften unterrichtet. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten aber Exerzitien - geistliche Übungen, die ihn ihrer bekanntesten Form au den heiligen Ignatius von Loyola, den Gründer des Jesuitenordens zurückgehen. Die Prinzen hatten sich intensiv mit dem Text der Heiligen Schrift auseinander zu setzen. So vertieften sie ihren Glauben, der in früherer Zeit eine sehr wichtige Rolle spielte.
Im Alter von zehn Jahren verlor Rudolf 1586 seinen Vater. Die Trauerfeier fand am 5. Januar 1587 in Dessau statt. Seine Mutter Fürstinwitwe Eleonora, ehelichte am 24. Mai 1589 den Landgrafen Georg I. von Hessen-Darmstadt (1547-1596). Zur Hochzeit in Darmstadt war auch Rudolf zugegen. Dort kämpfte er längere Zeit mit einer schweren Krankheit, erholte sich aber wieder. Mehrfach war er in seiner Kinder- und Jugendzeit kränklich.
Rudolf begab sich 1596 im Alter von 20 Jahren nach Holstein zu seiner Schwester Agnes Hedwig (1573-1616). Sie hatte im Jahre 1588 in zweiter Ehe Herzog Johann III. von Holstein-Sonderburg (1559-1622) geheiratet. Gemeinsam reisten sie von dort nach Kopenhagen, um der Krönung des dänischen Königs Christian IV. (1577-1648) beizuwohnen. Aus dem Zusammentreffen mit dem fast gleichaltrigen König entstand eine freundschaftliche Beziehung. Anschließend kehrte Rudolf wieder nach Holstein zurück und besuchte dort mehrere Nord- und Ostseestädte. Ein Jahr später, 1597, kam er wieder nach Dessau.
Auch auf politischer Ebene bildete sich der Prinz weiter. Er nahm gemeinsam mit seinen sechs Brüdern an einem 1598 stattfindenden Landtag in Dessau teil. Im Jahre 1600 wurde Prinz Friedrich Moritz getauft (gest. 1610). Er war der Sohn Johann Georgs, eines Halbbruders des Prinzen Rudolf. Zur Taufe war neben Rudolf und anderen Mitgliedern des fürstlichen Hauses auch Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz (1574-1610) zugegen. Der Kurfürst war nur zwei Jahre älter als Rudolf und nahm ihn auf der Rückfahrt in sein Land mit. Von dort aus reiste Rudolf bis nach Italien, besichtigte Neapel, Rom und andere bedeutende Städte und wurde von Papst Clemenz VIII (1536-1605) empfangen. In Florenz hielt sich Rudolf sogar ein ganzes Jahr auf, erlernte die italienische Sprache und betrieb intensiv geistige Übungen. Er stand sehr hoch in der Gunst des regierenden Großherzogs Ferdinand I. von Toskana (1549-1609). Nach einer angenehmen Zeit, die sicher auch seiner schwachen Gesundheit zugute kam, kehrte Rudolf über Mailand und die Schweiz wieder in seine Heimat zurück.
Ein herausragendes Ereignis im Leben Rudolfs war sein Regierungsantritt in Anhalt-Zerbst. Nach dem Tod des Fürsten Joachim Ernst am 6. Dezember 1586 übernahm sein ältester, ebenfalls in Harzgerode geborener Sohn Johann Georg (1567-1618) vormundschaftlich die Regierung für seine jüngeren Geschwister. Erst im Jahre 1603 wurde auf einem in Dessau stattfindenden Landtag die Teilung Anhalts in vier selbständige Fürstentümer beschlossen. Nach längeren Verhandlungen hatten sich die fünf Brüder am 30. Juni geeinigt. Die Zersplitterung der Länder unter den Erben war eine staatsgefährdende, jedoch übliche Verfahrensweise der damaligen Zeit. Die meisten Angehörigen fürstlicher Häuser wollten ein Stück der Macht besitzen und ein eigenes, wenn auch noch so kleines Land regieren. Doch diese Bestrebungen trieben viele Fürsten in den Ruin, schwächten ihre Position und brachten erhebliche Nachteile mit sich. Erst viel später wurde die Primogenitur eingeführt, die dem Erstgeborenen das alleinige Recht auf Gebiet und Vermögen zusicherte.[3] Nur so konnte einer weiteren Zerstückelung des Besitzes vorgebeugt werden.
Laut Vertrag übernahmen Johann Georg die Herrschaft über das Dessauer und Christian über das Bernburger Land. Beide Halbbrüder Rudolfs aus erster Ehe wählten ihren jeweiligen Geburtsort zur Residenz. Stifter der Zerbster Linie wurde Rudolf, der aus der zweiten Verbindung seines Vaters hervorgegangen war. Sein leiblicher Bruder Ludwig (1579-1650), der Jüngste wurde Herr über Köthen. Prinz Augustus (1575-1653) akzeptierte eine Abfindung, um das Land vor der totalen Zerstückelung zu bewahren. Erst im Jahre 1611 erhielt er auf mehrfaches Bitten eine eigene Herrschaft über Amt und Schloss Plötzkau. Fürst Christian überließ ihm das zum Bernburger Land gehörene Gebiet gegen Erstattung seines Wertes. Die sehr kleinen, doch selbstständigen Länder Anhalt-Bernburg, Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen und Anhalt-Zerbst waren entstanden. Allerdings hatte nur der Senior des Hauses Anhalt, der jeweils älteste regierende Fürst, das Recht, das gesamte Land berührende Entscheidungen zu treffen und Anhalt nach außen, beispielsweise vor Kaiser und Reich, zu vertreten. Angelegenheiten der Teilfürstentümer konnten die jeweiligen Regenten souverän entscheiden.
Nach dem Tod Bernhards, des Onkels von Rudolf, 1570 war Zerbst 36 Jahre lang keine fürstliche Residenz mehr. Erst Fürst Rudolf richtete hier wieder seinen Wohn- und Regierungssitz ein. Ihm wurde am 3. September 1606 die Erbhuldigung geleistet.
Im August 1602, als die Gründung eines eigenständigen Fürstentums noch nicht geregelt war, erhielt der vormundschaftlich regierende Fürst Johann Georg die Nachricht aus Zerbst, dass die Gebäude der Burg stark beschädigt sind. Das Abrutschen der Mauern und die dadurch entstandenen starken Risse rührten von dem die Anlage umgebenden Graben her. Dieser führte zwar kein Wasser mehr, doch das Gelände blieb sumpfig. Außerdem wurden bei Neubauten die alten Fundamente beibehalten, die die größeren und damit schwereren Gebäude nicht lange tragen konnten.
Anlässlich der beschlossenen Teilung Anhalts wurde am 15. Juli 1603 eine umfassende Beschreibung der Burganlage erstellt, aus der Umfang, Zustand und Inventar hervorgingen. Der Zugang zum Inneren der Burg erfolgte über zwei Zugbrücken. Die sechs, durch Gänge miteinander verbundenen Häuser der Anlage, die aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammten, gruppierten sich im Rund um einen Hof mit Turm und Brunnen in der Mitte. Noch im Teilungsjahr wurden dringende Reparaturen durchgeführt. Für die Wiederherstellung der baufälligen und stark gefährdeten Gebäude musste jedoch ein Baumeister herangezogen werden. Diese Aufgabe übernahm Peter Niuron, später sein Bruder Franz, der jährlich eine feste Besoldung aus dem Landeshaushalt erhielt.
Das "Haus des Fürsten Johann", das ursprünglich an der Stelle der heutigen Schlossruine stand, diente dem neuen Regenten Rudolf und später auch seiner Gemahlin als Wohnung. Insgesamt standen zwölf Räume für das Fürstenpaar und das Personal zur Verfügung. Die einfach eingerichteten fürstlichen Gemächer und ein Saal befanden sich in der zweiten Etage, darüber wohnten die Hofdamen und weiteres Gefolge. Die Wirtschaftsräume lagen im Erdgeschoss.
Die Heirat mit der 18-jährigen Dorothea Hedwig von Braunschweig-Lüneburg am 29. Dezember 1605 in Wolfenbüttel war ein weiterer Höhepunkt in Rudolfs Biographie. Neben vielen fürstlichen Personen war auch König Christian IV. von Dänemark zugegen. Am 1. Mai 1606 begab sich das Paar auf die Heimfahrt nach Zerbst.
Dorothea Hedwig war die Tochter der Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg. Der 1564 geborene Herzog regierte von 1589 bis 1613 in Wolfenbüttel. Dort erblickte sie als 6. Kind am 3. Februar 1587 das Licht der Welt. Bereits zehn Tage nach ihrer Geburt verlor sie ihre Mutter Dorothea (geb. 1563), eine gebürtige Prinzessin von Sachsen. Das prächtige Schloss in Wolfenbüttel, das heute noch zu bewundern ist, existierte damals in diesen Formen noch nicht. Der hohe Renaissanceturm entstand erst 1614, die barocke Fassade wurde dem alten Gebäude um 1715 vorgeblendet. Herzog Heinrich Julius ließ durch eine englische Schauspielertruppe in Wolfenbüttel ein regelmäßig spielendes Theater einrichten. Die Stadt gilt somit als Geburtsstätte des deutschen Theaters. Aus diesem Umkreis mit hohem kulturellen Niveau kam die Prinzessin nach Zerbst.
Am 1. September 1606 erlitt Dorothea Hedwig eine Totgeburt. Am 12. des Monats wurde die Tochter neben Fürst Wolfgang (1492-1566) im Chor der St. Bartholomäikirche beigesetzt. Ein Jahr später, am 25. September 1607 kam Dorothea (gest. 1634) zur Welt, die später Herzog August von Braunschweig-Wolfenbüttel (1579-1666) heiratete. Am 10. November 1608 schenkte Fürstin Dorothea Hedwig einer weiteren Tochter das Leben, die den Namen Eleonora erhielt. Sie vermählte sich später mit Friedrich von Holstein-Sonderburg-Norburg (1581-1658) und verstarb 1680 im Alter von 71 Jahren. Die Geburt der vierten Tochter, die bereits im Mutterleib verstorben war, überlebte Fürstin Dorothea Hedwig nicht. Im Alter von 22 Jahren entschlief sie unter heftigen Geburtsschmerzen am 16. Oktober 1609. Erst in der dritten Nacht nach ihrem Tod löste sich der Fötus aus ihrem Leib. Am 31. Oktober wurde sie gemeinsam mit ihrem Kind, das sie in den Armen hielt, in der Gruft der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi beigesetzt.

Fürst Rudolfs gute Bildung und seine politischen Kenntnisse waren weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. So wurde ihm von mehreren Kurfürsten und anderen Fürsten des Reiches angetragen, als Gesandter in der Streitfrage um Jülich [4] bei Christian IV. von Dänemark aufzutreten. Bereitwillig nahm er diese schwierige Aufgabe an und reiste nach Dänemark. Auch sein Halbbruder Christian I. von Anhalt-Bernburg wurde in die Verhandlungen mit anderen Regenten einbezogen. Rudolfs großes Engagement und sein politisches Geschick brachten die Mission bald zu einem positiven Ergebnis. Auch im Nachhinein wurde er von verschiedenen hohen Fürsten des Reiches mit politischen Missionen betraut.
Die Inschrift auf Rudolfs Sarg berücksichtigte seine Taten. In Latein war unter anderem zu lesen: "Als Jüngling bereiste er Italien und Deutschland, gab viele Proben seiner vortrefflichen Anlagen auch bei fremden Königen und Fürsten; diese gewann er durch seine Tugenden zu Freunden und vergrößerte seinen Ruf überall durch seine Anwesenheit. Bei den weltlichen und geistlichen Kurfürsten stand er in hoher Gunst; er wurde von ihnen zum Schiedsrichter in wichtigen Angelegenheiten bestimmt, von seinen fürstlichen Brüdern wurde er mit mehr als nur brüderlicher Liebe geliebt und verehrt."
Im Jahre 1614 gab der Fürst die Errichtung eines Wendelsteins in seiner Zerbster Residenz in Auftrag. Die Pläne dazu lieferte der Baumeister Franz Niuron. Der Treppenaufgang wurde mit Sandsteinschmuck versehen und war nach zwei Jahren vollendet. Der alte hohe Turm in der Hofmitte wurde 1618 abgerissen. Zu Beginn des Jahres 1621 ließ Rudolf ein neues Gebäude innerhalb der Burg beginnen, das zum fürstlichen Wohnsitz auserkoren war und im Innern prächtige Stuckaturen erhielt. Es wurde jedoch erst 1623, nach dem Tode des Fürsten, fertig gestellt.
Neben den Veränderungen der Burggebäude entstanden unter seiner Regentschaft auch neue Gärten. Schon kurz nach seinem Regierungsantritt erhielt ein Gärtner eine feste Anstellung, dem mehrere Gehilfen zur Seite standen. Zuerst wurden ein Küchengarten und ein Garten mit unterschiedlichsten Obstbäumen, darunter Äpfel, Birnen, Quitten und Pfirsiche, angelegt. Im Jahre 1613 kam dann ein Lustgarten mit geschnittenen Lindenbäumen hinzu. Darin wurde ein Jahr später auch ein Lusthaus aus Eichenholz errichtet. Als Besonderheit ließ der Fürst seinen Wahlspruch "Rudolphe Princeps Anhaltine, Memento mori" (Rudolf, Fürst zu Anhalt, gedenke, dass Du sterben musst) und das fürstliche-anhaltische Wappen in Buchsbaum nachbilden.

Einige Jahre nach dem Verlust seiner ersten Gemahlin vermählte sich Rudolf erneut. Besonders das Fehlen des männlichen Nachkommens, der das Fortbestehen der gerade erst gegründeten Linie Anhalt-Zerbst sichern würde, gab den Ausschlag. Die Auserwählte war Magdalene von Oldenburg, Tochter des Grafen Johann XVI. von Oldenburg (1540-1603). Sie wurde am 6. Oktober 1585 geboren. Die Heirat fand am 31. August 1612 in Oldenburg statt. Im Oktober ging die Reise schließlich nach Zerbst.
Die Braut brachte eine große Mitgift in die Ehe ein - 20 000 Taler in bar und weitere 5 000 Taler als Schmuck und Silbergeschirr. Auch im väterlichen Testament wurde sie berücksichtigt - bei den Töchtern eines fürstlichen Hauses unüblich. In der Regel waren mit der Mitgift alle Ansprüche abgegolten. Und der Erbfall trat tatsächlich ein. Über ihren kinderlos verstorbenen Bruder Graf Anton Günther von Oldenburg (1583-1667), der Fürst Johann von Anhalt-Zerbst in seinem Testament bedachte, gelangte schließlich die Herrschaft Jever an Zerbst.
Auch Glaubensfragen waren in dem Ehevertrag berücksichtigt. Fürst Rudolf gehörte der reformierten Religion an, seine Frau dagegen der lutherischen. Er verpflichtete sich, Magdalene "in Gewissens- und Glaubens-Sachen nicht zwingen" zu wollen, wie der Chronist Beckmann schreibt. Auch ein eigener lutherischer Prediger wurde ihr gestattet.

Der Nachwuchs ließ lange auf sich warten. Erst am 1. Dezember 1617 kam Elisabeth zur Welt. Die Eltern waren sicher glücklich über die Geburt, doch wohl auch etwas enttäuscht. Wieder blieb ein männlicher Erbe aus. Elisabeth wurde nur 21 Jahre alt und verstarb am 3. Juni 1639 in Oldenburg. Am 24. März 1621 gebar Magdalene den lang ersehnten Erbprinzen, der auf den Namen Johann getauft wurde. (Die Biografie Johanns ist im Heimatkalender 2001 nachzulesen.)
Rudolf konnte sich jedoch kaum an seinem Stammhalter erfreuen. Noch im Jahr von Johanns Geburt, nach nur neun Ehejahren mit Magdalene, verstarb der Fürst. Schon lange zuvor hatte er sich vielfach mit dem Gedanken seines Todes und der menschlichen Vergänglichkeit vertraut gemacht und das verschiedenen Personen mitgeteilt.
In der Chronik des Fürstentums Anhalt ist vermerkt, dass Rudolf Anfang August 1621 "starken Durchbruch" (schwerer Durchfall) litt. Seit dem 6. August kämpfte er drei Tage lang mit hohem Fieber. Geschwächt durch die Krankheit konnte er einer fürstlichen Zusammenkunft in Dessau nicht beiwohnen, ließ sich entschuldigen und sandte einen seiner Räte in die Nachbarstadt. Nachdem das Fieber nachgelassen hatte, erhielt er am 12. des Monats Besuch von seinem ein Jahr älteren Bruder Augustus aus Plötzkau. Er brachte ihm starke Medikamente mit. Doch auch diese konnten nicht mehr helfen. Die Kräfte Rudolfs schwanden von Tag zu Tag. Am 19. August, das Ende bereits vor Augen, diktierte er seinen letzten Willen und bestätigte diesen durch seine eigenhändige Unterschrift. Damit bestimmte er Augustus zum Vormund seiner Kinder. Am Abend gleichen Tages trafen auch sein jüngerer Bruder Fürst Ludwig aus Köthen und Fürst Johann Casimir (1596-1660), Sohn seines bereits verstorbenen Halbbruders Johann Georg, aus Dessau ein. Sie beteten gemeinsam und sangen Psalme. Anschließend nahm er von seiner Frau, seinen Kindern, Räten und anderen Bediensteten Abschied. Am Morgen des 20. August, zwischen 9 und 10 Uhr, machte Rudolf in Anwesenheit von Ludwig und Johann Casimir sowie den fürstlichen Räten und Teilen der Dienerschaft seine letzten Atemzüge. Er wurde 44 Jahre alt. Am 25. September fand sein Leichnam in der Gruft der St. Bartholomäikirche die vorerst letzte Ruhe. Zu diesem Akt waren neben der engsten Familie auch zahlreiche weitere Angehörige erschienen.[5]
Am folgenden Tag hielt der berühmte Theologe und Rektor des Zerbster Gymnasium illustre Marcus Friedrich Wendelin (1584-1652) eine Lob- und Trauerrede auf den Fürsten. Wendelin war auch der Verfasser der Grabinschrift.
Im Jahre 1899 wurde Rudolfs Sarg aus der St. Bartholomäikirche in die Schlossgruft umgebettet. Der Sarg war bis 1945 vollständig erhalten und wies lediglich kleinere Schäden an der äußeren Hülle auf. Mit der Zerstörung des Schlosses wurde er durch herabstürzende Mauerteile völlig verschüttet und vernichtet.

Rudolf führte, obwohl er Regent war, ein sehr bescheidenes Leben, kleidete sich schlicht, aber würdevoll und mäßigte sich auch stark im Essen und Trinken. Dagegen brachten es andere fürstliche Zeitgenossen zu erheblicher Leibesfülle. So manche Ahnengalerie legt davon beredtes Zeugnis ab. Rudolfs Hofstaat beschränkte sich auf die notwendige Anzahl Bediensteter. Er war sehr auf die Verbreitung der heiligen Schrift in Kirchen und Schulen bedacht und nahm sich der armen Leute seines Landes an. Das geschah natürlich nur im Rahmen seiner Möglichkeiten, denn großen finanziellen Spielraum hatte der Regent des kleinen Landes Anhalt-Zerbst nicht. Auf juristischem Gebiet vertrat er die Meinung, dass gleiches Recht für Arm und Reich zur Anwendung kommen muss. Basierend auf diesem ehernen Grundsatz soll er vielen Mittellosen zu ihrem Recht verholfen haben. Mit seinen Brüdern und Halbbrüdern stand er in regem, vertraulichem Kontakt. Sein hoher Verstand und seine gute Bildung versetzten ihn in die Lage, eine herausragende Position unter seinen Geschwistern einzunehmen.
Die lateinische Inschrift auf seinem Sarg sagte auch etwas zu Rudolfs Wesensart aus: "Er war ein Fürst, ausgezeichnet durch Tugenden, welche seiner hohen Geburt würdig waren, dass man nichts Unwahres und nichts Unverdientes sagt, wenn man ihm den Beinamen des Frommen oder des Menschenfreundlichen oder des Gerechten oder des Mildes oder des Klugen beilegt; denn alle diese Tugenden stritten im Herzen des Fürsten miteinander um den Vorrang."

Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges war für seine zweite Gemahlin Magdalene mit vielen Entbehrungen verbunden. Wegen feindlicher Bedrohung musste die Witwe mit ihren Kindern Zerbst verlassen und hielt sich in Wittenberg und Oldenburg auf. Erst Jahre später konnte sie zurückkehren. Magdalene überlebte ihren Gemahl um Jahrzehnte. Im Jahre 1648 erkrankte sie an der Wassersucht, erholte sich davon aber wieder. Ostern 1657 - Ostersonntag war der 1. April - erlitt sie mehrere Ohnmachten und wurde sehr schwach. Wenig später, am 14. April 1657, verstarb sie auf ihrem Witwensitz in Coswig. Ihr Sohn Johann mit seiner Gemahlin Sophie Auguste und drei prinzliche Enkel begleiteten sie in ihren letzten Stunden. Sie erreichte ein Alter von 71 Jahren.
Am 27. Mai hielt der Pastor zu Coswig eine Predigt in der Kirche, der Zerbster Hofprediger eine Abschiedsrede auf dem Schlosshof. Anschließend wurden die sterblichen Überreste nach Zerbst überführt. Am Zerbster Frauentorfriedhof wurde die Prozession von den fürstlichen Räten, den Geistlichen und der Bürgerschaft empfangen und zur Burg begleitet. Am folgenden Tag, dem 28. Mai, hielt der Hofprediger und Superintendent Dr. Johann Dürr die Trauerpredigt. Eine weitere Ansprache erfolgte im Gemach des Fürsten durch Johann Job Marschall, fürstlicher Kammerjunker und Rat sowie Domherr zu Magdeburg. Zu diesem Anlass waren auch Fürst Johann Casimir von Anhalt-Dessau (1596-1660) mit seiner Schwester Prinzessin Eva Catharina (1613-1679), Fürst Lebrecht von Anhalt-Köthen-Plötzkau (1622-1669) mit Gemahlin Eleonore (1628-1675) und Schwester Prinzessin Sophia (1627-1679) sowie Magdalenes Tochter Prinzessin Elisabeth (1617-1659) zugegen. Schließlich wurde Magdalene in der St. Bartholomäikirche an der Seite ihres Gatten zur letzten Ruhe gebettet. Auch ihr Sarg gelangte 1899 in das fürstliche Erbbegräbnis ins Schloss und wurde dort 1945 vernichtet.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2003, Seite 90—100


[1] Kinder aus der ersten Ehe Joachim Ernsts mit Agnes von Barby: Anna Maria (1561-1605), Agnes (1562-1564), Elisabeth (1563-1607), Sibylla (1564-1614), Johann Georg (1567-1618) und Christian (1568-1630). Anna Maria war mit Herzog Joachim Friedrich von Liegnitz (1550-1602) verheiratet, Elisabeth mit Markgraf Johann Georg von Brandenburg(1525-1598) und Sibylla mit Friedrich I. von Württemberg (1557-1608). Johann Georg begründete die Dessauer Linie, Christian die Bernburger.
[2] Kinder aus der zweiten Ehe Joachim Ernsts mit Eleonora von Württemberg: Bernhard (1571-1596), Agnes Hedwig (1573-1616),Dorothea Maria (1574-1617), Augustus (1575-1653), Rudolf (1576-1621), Johann Ernst (1578-1601), Ludwig (1579-1650), Sabine(1580-1599), Joachim Christoph (1582-1583) und Anna Sophie (1584-1652). Agnes Hedwig war in erster Ehe mit Kurfürst August von Sachsen (1526-1586) vermählt, in zweiter mit Herzog Johann von Holstein-Sonderburg (1545-1622). Dorothea Maria heiratete Herzog Johann von Sachsen-Weimar (1570-1605). Augustus gründete die Plötzkauer Linie, Rudolf die Zerbster und Ludwig die Köthener. Anna Sophie wurde die Gemahlin von Graf Karl Günther von Schwarzburg-Rudolstadt (1576-1630).
[3] In Anhalt-Zerbst kam so ein Erbvergleich unter Rudolfs Enkel Carl Wilhelm (1652-1718) im Jahre 1676 zustande.
[4] Jülich war 1511 an die Mark gefallen. Mit dem Tode Johann Wilhelms von Kleve im Jahre 1609 entbrannte der Jülich-Klevesche Erbfolgekrieg. Da er keine männlichen Nachkommen hinterließ, war die Erbschaft strittig. Aus verwandtschaftlichen Beziehungen machten Brandenburg, Pfalz-Neuburg und Sachsen Ansprüche geltend. Der Vertrag von Xanten bereitete dem Krieg 1614 ein Ende. Jülich und Berg fielen an Pfalz-Neuburg, Kleve, Mark, Ravensberg und Ravenstein an Brandenburg.
[5] Weitere Teilnehmer an der Beisetzung Fürst Rudolf: Fürst Augustus von Anhalt-Köthen-Plötzkau, Fürst Johann Casimir von Anhalt-Dessau, Prinz Georg Aribert von Anhalt-Dessau (1606-1643), Prinz Ludwig d. J. von Anhalt-Köthen (1607-1624), Abgesandte des Fürsten Christian I. von Anhalt-Bernburg, Herzog Johann Friedrich (1600-1628) und Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar (1604-1639), Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1591-1634), Graf Anton Günther von Oldenburg (1583-1667), Graf Albrecht Friedrich von Barby-Mühlingen (1597-1641) und Graf Jobst (Justus) Günther von Barby (1598-1651).

Literatur:
Beckmann, Johann Christoff: Historie des Fürstenthums Anhalt, Zerbst 1710/16.
Herrmann, Dirk: Schloß Zerbst in Anhalt, Halle 1998.
Lentz, Samuel: Becmannus enucleatus ..., Cöthen und Dessau 1757.
Wäschke, Hermann: Anhaltische Geschichte, Cöthen 1913.
Wiemann/Knorr: Die Inschriften auf den Särgen in der Gruft des Herzoglichen Schlosses zu Zerbst. In: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Geschichte und Altertumskunde, Band IX, Dessau 1904.


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