Engel


Schlossgeschichte Hofbaumeister
Fürstenhaus
Schlossgarten
Schlossbuch
Publikationen
Ausstellungen
Modelle
Förderverein
E-Mail
Impressum
Kopf

Schloss Zerbst in Anhalt und die Arbeit des Fördervereins

Schloss Zerbst in Anhalt zählte bis zu seiner Zerstörung 1945 zu den bedeutendsten Barockbauten in Mitteldeutschland. Die Beteiligung vieler europäischer Künstler am Schlossbau und die Tatsache, dass Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst für einige Zeit bis zu ihrer Abreise nach Russland im Januar 1744 darin wohnte, um Jahre später als Katharina II. russische Zarin und damit zu einer der mächtigsten und schillerndsten Herrscherpersönlichkeit des 18. Jahrhunderts zu werden, verleihen der ehemaligen Residenz der Fürsten von Anhalt-Zerbst noch immer einen hohen Status.

Abriss zur Bau- und Nutzungsgeschichte
Fürst Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst ließ 1681 den Bau einer neuen, großzügigen Residenz anstelle einer Burganlage beginnen. Die Pläne zum Barockschloss lieferte der niederländische Baumeister und Ingenieur Cornelis Ryckwaert, der in den Diensten des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm stand. Ihm oblag auch die Bauleitung. Für den inneren Ausbau zeichnete der Schweizer Baumeister und Stuckateur Giovanni Simonetti verantwortlich, der ebenfalls in kurbrandenburgischen Diensten stand. Er schuf Räume und Säle mit prächtigen Stuckdecken und imposanten Kaminen. Nach Ryckwaerts Tod 1693 übernahm er auch die Bauleitung. Der Haupttrakt des Schlosses war 1696 fertiggestellt.

  Ostflügel 1991 Ruine des Ostflügels, Hofseite, Fotografie 1991
Ab 1703 führte Hofbaumeister Simonetti den Westflügel in Anlehnung an den Ryckwaertschen Plan aus. Die Innengestaltung erfolgte erst nach seinem Weggang bis um 1715. Die Schlosskapelle, deren Disposition er noch erdacht und angelegt hatte, wurde erst 1719 vollendet. Die einst darin befindlichen Stuckaturen schuf der Italiener Francesco Minetti.
Mit der dritten Bauphase ab 1721 wurde der südliche Mittelrisalit des Haupttraktes zu einem Turm erweitert. Der aus Sachsen-Weißenfels stammende Johann Christoph Schütze wurde 1722 zum Hofbaumeister ernannt und führte den Turmbau bis 1725 weiter.
Von 1736 bis 1744 verlängerte Schütze den Westflügel um einen Pavillonanbau nach Süden.
Die Zerbster Fürsten Johann Ludwig und Christian August gaben die Vollendung der barocken Dreiflügelanlage in Auftrag. Die Grundsteinlegung zum heute noch existierenden Ostflügel fand am 13. Juni 1744 statt. Für die Entwürfe und die Bauleitung der fünften Bauphase zeichnete der preußische Baukondukteur Johann Friedrich Friedel verantwortlich. Der innere Ausbau währte bis 1753 und wurde von der Fürstin-Witwe Johanna Elisabeth, der Mutter von Katharina II., befehligt. Der königlich-preußische Bildhauer Johann Michael Hoppenhaupt d. Ä., der auch die Schlösser Friedrichs des Großen ausstattete, schuf wertvolle Innendekorationen.
Das Schloss bildete bis zum Weggang des letzten Zerbster Fürsten Friedrich August im Jahr 1764 den Wohn- und Regierungssitz. Mit ihm erlosch 1793 das Zerbster Fürstenhaus, der Residenzstatus ging verloren. Schloss und Stadt fielen durch Losentscheid der Linie Anhalt-Dessau zu. Nach der Abdankung des Herzogs von Anhalt 1918 wurde die Joachim-Ernst-Stiftung gegründet, in deren Besitz das Zerbster Schloss ohne Inventar überging. Im Jahr 1921 öffnete das Schlossmuseum mit den Abteilungen Kunst- und Kulturgeschichte Anhalts sowie den naturwissenschaftlichen und vorgeschichtlichen Sammlungen. Neben dem Museum mit etwa 80 Ausstellungsräumen befanden sich das Finanzamt, das Anhaltische Staatsarchiv, das Zerbster Stadtarchiv und andere städtische Institutionen im Schloss.

Die Zerstörung der Schlossanlage
Kurz vor Kriegsende, am 16. April 1945, wurde das Schloss durch amerikanische Spreng- und Brandbomben schwer getroffen und brannte aus. Die imposanten Innendekorationen, die eindrucksvollen Ausstellungsobjekte des Museums und bedeutende Archivbestände gingen durch Zerstörung und Plünderungen fast vollständig verloren. Trotz der schweren Schäden imponierte das Schloss aber noch immer durch seine gewaltigen Ausmaße und seine interessante Fassade.
Schon kurz nach der Übereignung des Schlossareals an die Stadt Zerbst im Dezember 1947 forcierte die städtische Verwaltung die endgültige Vernichtung der barocken Dreiflügelanlage. Die Entscheidung zum Abriss war deutlich politisch motiviert, kunsthistorische und geschichtliche Argumente hatten insbesondere für den damaligen Oberbürgermeister keine Bedeutung. Von Mitte 1948 bis Anfang 1952 erfolgten die Sprengung und der Abbruch des Westflügels sowie großer Teile des Haupttraktes inklusive des Turmes. Nur durch das Veto des Landeskonservators Sachsen-Anhalts blieben der östliche Flügel und ein Fünftel des Haupttraktes erhalten.

Der Verfall des Schlosses zu DDR-Zeiten
In den Jahren 1954/55 und 1957/58 erfolgte der Einzug einiger Notdecken im Ostflügel aus Mitteln der Denkmalpflege. Die sporadischen Sicherungen reichten jedoch nicht aus, um die noch vorhandene Originalsubstanz zu bewahren. Das Desinteresse der städtischen Verantwortlichen, die zielgerichtete Verdrängung des historischen Hintergrundes des Gebäudes aus dem Bewusstsein der Bevölkerung im sozialistischen Zeitalter und das für jedermann offene Bauwerk ließen die Ruine weiter verkommen.
Zwei für die Bausubstanz sehr geeignete Projekte, die in den 1970er Jahren entstanden, sahen eine Schule bzw. ein kulturelles Zentrum im Schloss vor. Mit dem Ausbau und der Neunutzung hätte das Gebäude gerettet werden können. Leider wurden die Pläne nicht realisiert, stattdessen wurde mit den schon disponierten Mitteln der sowjetische Militärflughafen bei Zerbst erweitert.

Illusionen nach der politischen Wende
Im Jahr 1990, kurz nach der politischen Wende, verkaufte die Stadt das Gebäude an einen angeblichen Investor. In der Schlossruine sollte ein Hotel entstehen, in der benachbarten Stadthalle (ehemals fürstliches Reithaus) ein Spielkasino. Wie unschwer zu vermuten ist, kam es nie zur Umsetzung des unrealistischen Projektes.
Die Untätigkeit des Investors und sechs Rückführungsansprüche verhinderten jegliche Aktivität. Auch die vielfältigen Fördermöglichkeiten der 1990er Jahre konnten somit nicht genutzt werden. Witterungseinflüsse, der Diebstahl originaler Bauteile und vor allem der sprunghaft angewachsene Vandalismus nahmen dramatische Ausmaße an und führten zu massiven Schäden und Verlusten am Barockgebäude.

Die Gründung des Fördervereins Schloss Zerbst e. V.
Nach langem Rechtsstreit wurde der Stadt Zerbst/Anhalt im Jahr 1999 das Schloss und das umliegende Areal in oberster Instanz zugesprochen, die Stadt kaufte das Gebäude zurück. Doch die begrenzten kommunalen Finanzen und die einsetzende Haushaltskonsolidierung erlaubten keine Sicherungsarbeiten. Eine zukunftsträchtige Chance bestand aber in der Mobilisierung von bürgerschaftlichem Engagement.
Am 7. März 2003 wurde auf Initiative von Dirk Herrmann der Förderverein Schloss Zerbst e. V. gegründet. Die zuvor erfolgte umfassende private Forschungstätigkeit zur Zerbster Residenz, die mehr als zehn Jahre währte, sowie die von ihm verfasste und 2005 in zweiter Auflage erschienene Baumonographie zum Schloss bilden ganz wesentliche Grundlagen der Vereinsarbeit. Außerdem wurde eine Nutzungsvereinbarung mit der Stadt Zerbst/Anhalt abgeschlossen.
Die wesentlichen Hauptziele des Fördervereins bestehen in der Bewahrung der noch vorhandenen historischen Schlosssubstanz und dessen äußere originalgetreue Wiederherstellung. Außerdem sollen die kulturhistorischen Werte der Schlossanlage popularisiert und kulturelle Veranstaltungen durchgeführt werden.
Noch im Gründungsjahr wurde mit der Beräumung des Gebäudes, der Sicherung zum Schutz vor Vandalismus, werbetechnischen Maßnahmen sowie der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen begonnen.

Gebäudezustand und Planung von Sicherungsmaßnahmen
Mit Beginn der Tätigkeiten des Fördervereins wies das Zerbster Schloss einen dramatischen Zustand auf: Dächer existierten nicht, die meisten Decken fehlten ebenfalls seit der Zerstörung 1945. Nur die steingewölbten Decken in den unteren Bereichen sind größtenteils erhalten. Die an einigen Stellen befindlichen Stahlsteindecken aus den 1950er Jahren waren bzw. sind mangels Pflege marode. Regen- und Schmelzwasser drang ungehindert bis ins untere Kellergeschoss ein und schädigte die Bausubstanz. Durch die Detonation von Sprengbomben weist das Mauerwerk an vielen Stellen dramatische Risse auf, ganze Mauerpartien im Bereich des Corps de logis drohen abzustürzen. Im Gebäude befanden sich unzählige Kubikmeter Bauschutt und Müll, Türen und Fenster existierten nicht.
Um diesem trostlosen Zustand zu begegnen und zur zielgerichteten Vorbereitung von Sicherungsmaßnahmen wurde die Arbeitsgruppe "Bau" ins Leben gerufen, der Architekten, Bauingenieure, Kunsthistoriker und andere Sachverständige aus der Mitgliedschaft angehören. Aus den Zusammenkünften wurde ein Grundkonzept für die Sicherung und Sanierung des Zerbster Schlosses erarbeitet. Durch die sich ständig ändernden Förder- und Rahmenbedingungen musste diese Konzeption immer wieder modifiziert und angepasst werden.
Für die Planungen und Baubegleitungen beauftragte der Förderverein schließlich ein Architekturbüro. Auch die Denkmalschutzbehörden wurden in alle Planungs- und Bauphasen einbezogen. Richtungsweisende, fundierte Konzeptionen des Vereins, exakt ausgearbeitete Unterlagen und analoge Auffassungen von Denkmalpflege waren und sind die Grundsätze für eine sehr gute Zusammenarbeit.

Realisierte Sicherungs- und Baumaßnahmen
Nachdem sich die Strukturen des Fördervereins Schloss Zerbst e. V. entwickelt und gefestigt hatten, wurde mit der Vorbereitung von Sicherungsmaßnahmen begonnen. Eine entscheidende Basis dazu bildeten die in der Arbeitsgruppe "Bau" entwickelten Konzeptionen. Eine Hauptaufgabe bestand nun darin, Fördermöglichkeiten zu eruieren und entsprechende Anträge zu stellen. Außerdem waren Baugenehmigungen sowie Denkmalrechtliche und Sanierungsrechtliche Genehmigungen notwendig.
60 Jahre nach der Zerstörung des Zerbster Schlosses und 50 Jahre nach den letzten partiellen Bauarbeiten begann die Bewahrung des Bauwerks. Nach langer Vorbereitungs- und Planungsphase wurde von Oktober 2005 bis Januar 2006 die Sicherungsmaßnahme I durchgeführt. Der erste Abschnitt konzentrierte sich auf das Notdach von 1954/55, dass die Ruine zu einem Drittel überspannt und aus geteerten Stahlsteindecken besteht. Diese sind zwar marode und müssen perspektivisch ausgetauscht werden, doch in der Neuabdeckung bestand eine kostensparende, effektive Variante zum schnellen Schutz vor Feuchtigkeit. Außerdem wurden Rinnen und Wasserspeier installiert. Ein weiterer Arbeitskomplex bestand im Einzug moderner Stahlbetondecken im Bereich des Mittelrisalits oberhalb des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses. Die großen Decken sichern diesen Gebäudeteil statisch und erschließen das Haupttreppenhaus wieder, das in großen Teilen noch erhalten ist. Eine weitere kleine Decke entstand am hofseitigen Eingangsbereich. Den finanziellen Hauptteil der Maßnahme trug das Land Sachsen-Anhalt, die erforderlichen Eigenanteile resultierten aus Spenden. Im Anschluss wurden in Eigenleistung provisorische Türen und Fenster eingebaut.
Nach erfolgreichem Start war die kontinuierliche Forstsetzung der Arbeiten wichtig. Dies gelang mit der Realisierung der Sicherungsmaßnahme II von Januar bis März 2007. Vorausgegangen war wieder der hohe administrative Aufwand um die Fördermittel. Mit der Gewährung von Zuschüssen des Landes Sachsen-Anhalt, der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt und der Stadt Zerbst/Anhalt sowie dem Einwerben von Spenden konnte der Förderverein die Bewahrung des Schlosses für nachfolgende Generationen weiterführen. Basierend auf der ersten Maßnahme war es technologisch nun möglich, Decken in der Rücklage nördlich des Mittelrisalits einzuziehen. Es entstanden zehn Stahlbetondecken oberhalb des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses. Die Arbeiten in diesem Bereich des Ostflügels waren besonders dringlich, da dort kein Notdach existierte. In die Außenmauern integrierte Zuganker verleihen diesem Gebäudeteil die notwendige Stabilität. Nachdem die Etagen wieder zugänglich waren, baute ein handwerklich versiertes Vereinsmitglied auch dort Übergangsfenster ein, um das Eindringen von Regen zu verhindern, die Räume nutzbar zu machen und auch das äußere Erscheinungsbild des Schlosses zu verbessern.
Trotz intensiver Bemühungen gelang es dem Vereinsvorstand nicht, die für das Winterhalbjahr 2007/08 geplante Sicherungsmaßnahme III zu realisieren. Vorgesehen war die Bearbeitung des Südbereichs des Ostflügels. Das erarbeitete Finanzierungskonzept war leider nicht umsetzbar. Trotz des Rückschlags ließ sich der Förderverein nicht beirren und plante bereits die nächste Maßnahme.
Im Juli und August 2008 erfolgte die Sanierung des Sandsteinfußbodens in der Eingangshalle. Der Saal im Erdgeschoss des Mittelrisalits hat eine Grundfläche von 125 Quadratmetern und dient dem Förderverein als Hauptveranstaltungsort. Doch der Boden war durch die schweren Zerstörungen stark beschädigt und erschwerte die Durchführung von Veranstaltungen erheblich. Die nicht mit öffentlichen Mitteln förderfähigen Arbeiten bestritt der Verein aus eigenen Mitteln. Sämtliche bis zu 30 Zentimeter dicken Bodenplatten wurden aufgenommen, seitlich beschnitten, oberflächlich geschliffen und schließlich neu verlegt. Gänzlich zerstörte Platten wurden durch analoges Sandsteinmaterial aus den Schlosskellern ergänzt. Die denkmalgerechten Arbeiten erfolgten behutsam, so dass der historische Charakter des Saales erhalten blieb und die Kriegsbeschädigungen noch ablesbar sind. Parallel erfolgten die Elektrifizierung des Saales und der Einbau von zwei Fenstern nach historischem Vorbild.
Mit den Zuwendungsbescheiden des Landes Sachsen-Anhalt, der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, des Landkreises Anhalt-Bitterfeld und der Stadt Zerbst/Anhalt konnte von November 2008 bis Februar 2009 die Sicherungsmaßnahme IV durchgeführt werden. Die erheblichen Eigenanteile resultierten wiederum aus Spenden. Die Arbeiten basierten auf der Sicherungsmaßnahme II und konzentrierten sich auf die obere Hälfte des nördlichen Teils des Ostflügels. Das durch jahrzehntelange Bewitterung sehr marode Mauerwerk des zweiten Obergeschosses wurde gefestigt und auf das ursprüngliche Niveau gebracht. Anschließend entstanden fünf Stahlbetondecken oberhalb dieser Etage. Außerdem wurden die gewaltigen, seit 1945 fehlenden Hauptgesimse der Hof- und Stadtseite im Rohbau rekonstruiert. Ein flach geneigtes, mit Blech bedecktes Übergangsdach bildet den Abschluss der nördlichen Rücklage. Es bietet für viele Jahre den notwendigen Schutz vor Regen- und Schmelzwasser. In Eigenleistung erfolgte erneut der Einbau von Türen und Fenstern, um auch Tauben von den neuen Räumen fern zu halten.
Eine weitere Maßnahme, die der Förderverein zu hundert Prozent selbst finanzierte, war die Errichtung einer gänzlich neuen Toilettenanlage im Bereich des Erdgeschosses von April bis August 2009. Die Sanitäranlagen befinden sich neben der Eingangshalle, die dem Förderverein als Hauptveranstaltungsort dient. Der Raum, der bis zum Einzug der neuen Decke 62 Jahre lang schutzlos der Witterung ausgesetzt war, erhielt eine Trennwand, so dass zwei Bereiche für Damen und Herren entstanden. Es wurden zwei neue Fenster nach historischem Vorbild und zwei Türen eingebaut. Nach der Ausführung der Elektroinstallation, der Verlegung von Wasser- und Abwasserleitungen sowie der Realisierung des Trockenbaus wurden Wände und Böden mit schlichten Fliesen versehen. Abschließend erfolgte die Sanitärinstallation.
Von Oktober 2009 bis Januar 2010 konnte der Förderverein die Sicherungsmaßnahme V realisieren. Die Beschaffung der dafür benötigten Fördermittel gestaltete sich äußerst schwierig und gelang nur mit Unterstützung von Regionalpolitikern. Projektförderer waren das Land Sachsen-Anhalt, die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, der Landkreis Anhalt-Bitterfeld und die Stadt Zerbst/Anhalt. Aus Spenden bestritt der Förderverein die notwendigen Eigenanteile. Die Arbeiten konzentrierten sich auf den Bereich der südlichen Rücklage des Ostflügels neben dem Mittelrisalit. Oberhalb des ersten Obergeschosses wurden fünf neue Stahlbetondecken inklusive Zuganker eingebaut und verleihen diesem Gebäudeabschnitt die notwendige Stabilität. Anschließend erhielten auch diese Räume provisorische Fenster und Türen, die wiederum in Eigenleistung entstanden.
Im stark zerstörten Schlosshaupttrakt waren zwei übereinander gelegene Gewölbe aus der Zeit um 1690 mit einer Grundfläche von je ca. 80 Quadratmetern erhalten. Baumbewuchs und permanent eindringende Feuchtigkeit schädigten die Gewölbe so stark, dass es im Winter 2009/10 zum Einsturz einer kompletten Gewölbekappe und zu starken Schäden an den Rippen kam. Durch die verringerte Spannung drohte der Gesamtverlust des oberen Gewölbes, durch abgängige Stein- und Schuttmassen wahrscheinlich auch des unteren. Da kurzfristig keine Fördermittel zur Verfügung standen, erfolgte von März bis Juli 2010 die Gewölbesanierung aus Vereinsmitteln und Spenden. Die Gewölbe mussten abgestützt und an den geschädigten Stellen konstruktiv aufwändig eingeschalt werden. Nach der Entfernung des darauf liegenden Schutts und der Freilegung des Mauerwerks wurden die Kappen wieder geschlossen. Abschließend wurde Beton aufgefüllt und eine Abdeckung aufgebracht.
Für das Winterhalbjahr 2010/11 war die "Nachholung" der Sicherungsmaßnahme III vorgesehen. Durch die Nichtförderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und die avisierte Reduzierung der zu erwartenden anderen Zuwendungen musste die Maßnahme in mehrere Bauabschnitte unterteilt werden. Mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt, der Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, des Landkreises Anhalt-Bitterfeld und der Stadt Zerbst/Anhalt konnte von September 2010 bis Januar 2011 der erste Bauabschnitt der Sicherungsmaßnahme III realisiert werden. Nach dem Abbruch der maroden Stahlsteindecken von 1954/55 im Südbereich des Ostflügels wurden drei neue Stahlbetondecken oberhalb des Erdgeschosses installiert. Außerdem entstand zwischen dem oberen Kellergeschoss und dem ersten Obergeschoss eine neue Treppenanlage. Anschließend erfolgte der Einbau von provisorischen Fenstern und Türen in Eigenleistung.
Im September 2011 begannen die Arbeiten zum zweiten Bauabschnitt der Sicherungsmaßnahme III, die wiederum durch das Land Sachsen-Anhalt, die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, den Landkreis Anhalt-Bitterfeld und die Stadt Zerbst/Anhalt mitfinanziert wurden. Der Förderverein hatte Eigenmittel in nicht unwesentlicher Höhe zu erbringen. Erneut mussten zwei marode Stahlsteindecken sowie eine wesensfremde, die historischen Strukturen nicht berücksichtigende Zwischenwand von 1954/55 entfernt werden. Anschließend wurden neue Stahlbetondecken oberhalb des Parterres und des ersten Obergeschosses installiert. Parallel wurde die neue Treppenanlage bis ins zweite Obergeschoss weitergeführt. Das Einsetzen von provisorischen Fenstern und Türen ist für das Frühjahr 2012 vorgesehen. Dann können die Zimmer im Südteil des Ostflügels in den Ausstellungsbereich einbezogen werden.
Für die bauliche Sicherung des Zerbster Schlosses wurden bisher 646.000,00 Euro investiert, davon hat der Förderverein 120.000,00 Euro aus Spenden aufgebracht. Einen nicht unwesentlichen Anteil hat auch der Nobelpreisträger und Ehrenmitglied des Fördervereins Prof. Dr. Günter Blobel.

Ausstellungen im Schloss
Parallel zu den baulichen Sicherungen war und ist der Förderverein bestrebt, die neu entstandenen Räume in die kulturelle Nutzung einzubeziehen. Mit verschiedenen Ausstellungen, die sich mittlerweile über drei Etagen erstrecken, werden die Schlossbesucher über die Geschichte des Gebäudes und die Vereinstätigkeiten informiert.
Schon kurz nach der Vereinsgründung 2003 wurden in den Erdgeschossräumen der hofseitigen Enfilade historische Großfotos präsentiert, die das ursprüngliche Aussehen des Schlosses verdeutlichen. Diese Schau wurde ständig erweitert.
Mit Unterstützung des Landkreises und der Sparkassenstiftung sowie durch Spenden und Sponsoren gelang es, in den Jahren 2006/07 drei Ausstellungsräume im gartenseitigen Erdgeschossbereich zu gestalten. Dort werden die im Rahmen von Arbeitseinsätzen geborgenen und auch erworbene Objekte sowie Leihgaben präsentiert. Im ersten Ausstellungsraum bildet eine überlebensgroße Sandsteinfigur, die "Stärke" symbolisierend, das Hauptobjekt. Sie stand einst auf dem Mittelbalkon des Ostflügels und wurde in den 1990er Jahren zum Vandalismusopfer. Der Förderverein konnte die stark beschädigte Statue 2008 mit finanzieller Unterstützung der Sparkassenstiftung partiell restaurieren lassen. Weitere interessante Objekte sind barocke Türen, die aus dem Haupttrakt des Schlosses stammen. In Vitrinen sind Reste der ehemaligen Schlossausstattung, Stuckornamente, Steinfragmente und schmiedeeiserne Objekte aus der Barockzeit ausgestellt. Im zweiten Ausstellungsraum dominiert das Modell des "Aloe-Turmes", eines Zerbster Spezialgewächshauses für Agaven von 1732. Ein chinesischer Porzellanteller mit Allianzwappen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts bildet das Prunkstück der Ausstellung. Der Teller gehörte zu einem etwa 300 Teile umfassenden Tafelservice, das sich im Besitz der Fürstin Johanna Elisabeth, der Mutter von Zarin Katharina II. von Russland, befand. Originale Fragmente der fürstlichen Korrespondenz des 17. und 18. Jahrhunderts verweisen auf die ehemaligen Schlossbewohner. Der dritte Ausstellungsraum wurde 2011 zum Kupferstichkabinett umgestaltet. Dort sind zahlreiche originale Kupferstiche aus der Barock- und Rokokozeit zum Themenkomplex Zerbster Residenz zu sehen. Die 1945 zerstörte fürstliche Gruft im Schloss bildet darin einen weiteren thematischen Schwerpunkt. In einer Vitrine sind spannende Fragmente der in den Kriegswirren und der Folgezeit stark beschädigten Sarkophage zu sehen.
Nach dem Einbau von Stahlbetondecken im Rahmen der Sicherungsmaßnahme V entstand die Kubatur von fünf Räumen im ersten Obergeschoss wieder, die einst zum Appartement der Fürstin Johanna Elisabeth gehörten. Porträts der fürstlichen Familie und alte Raumansichten vermitteln einen Eindruck vom Leben in der Residenz in der Zeit des Rokokos. Den Höhepunkt bildet das Zweite Fürstliche Vorzimmer, das anhand historischer Aufnahmen und von Aktenbelegen im Jahr 2010 als Illusion in Originalgröße wiedererstand. Der 1753 vollendete und bis zur Zerstörung erhaltene Raum war mit einer Brüsseler Tapisserie-Serie geschmückt. Beim Brand des Schlosses 1945 ging das Interieur bis auf die ausgelagerten Teppiche verloren. Jetzt können die Besucher das ursprüngliche Aussehen des Vorzimmers sehr gut nachvollziehen. Die Umsetzung des Projektes gelang nur mit der Unterstützung der Sparkassenstiftung, des Landkreises und regionaler Firmen.
Im Jahr 2011 konnte auch das unmittelbar angrenzende Erste Fürstliche Vorzimmer neu gestaltet werden. Der Raum erhielt eine vorläufige Samtbespannung, auf der Porträts von Mitgliedern der fürstlichen Familie befestigt wurden. Ein Kamingemälde, eine Supraporte, ein Neobarockspiegel und zwei Wandblaker ergänzen die Raumgestaltung. Im gleichen Jahr wurde in der ehemaligen fürstlichen Etage eine Porträtgalerie eröffnet, in der originale Kupferstiche von Angehörigen des Zerbster Fürstenhauses zu sehen sind.
Auf der anderen Seite des Mittelsaales widmet sich eine Exposition dem überregional bekannten Anhalt-Zerbster Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch. Sie wurde von der in Zerbst ansässigen Internationalen Fasch-Gesellschaft e. V. gestaltet.
Ein Teil der Räume des zweiten Obergeschosses vermittelt fotografische Einblicke in die bis 1945 dort befindliche naturwissenschaftliche Abteilung des Schlossmuseums und das Wirken des langjährigen Museumsdirektors. Von dort ist es auch möglich, einen Blick in die zerstörten ehemaligen Jugendzimmer der Zarin Katharina II. zu werfen. Eine kleine vom Internationalen Förderverein Katharina II. gestaltete Exposition widmet sich dem Leben und Wirken der großen russischen Herrscherin.
Im Jahr 2011 betrug die reguläre Ausstellungsfläche bereits 890 Quadratmeter. Die Ausdehnung für das Folgejahr ist bereits in Planung.

Das Zerbster Schloss als Kulturstätte
Mit der kulturellen Nutzung durch den Förderverein Schloss Zerbst e. V. wurde dem Barockgebäude nach Jahrzehnten der Vernachlässigung, des Verfalls und des Leerstandes wieder Leben eingehaucht. Parallel zu den Ausstellungen finden seit der Vereinsgründung Veranstaltungen unterschiedlicher Ausrichtung statt, die sich auf Grund der derzeitigen Gebäudestruktur vorrangig auf die warme Jahreszeit konzentrieren. Aktive Vereinsmitglieder planen, organisieren und gestalten thematische Führungen, Vorträge, Konzerte und andere musikalische Darbietungen, Theatergastspiele, Filmabende, Tanzveranstaltungen, gesellige Abende mit Rahmenprogramm usw. Das Zerbster Schloss ist nunmehr ein bedeutender Bestandteil von Kultur und Tourismus in der Region.

Ausblicke
Zum Jahresende 2011 zählte der Förderverein Schloss Zerbst e. V. 224 Mitglieder aus ganz Deutschland, der Schweiz, den USA und Kanada. Weitere Mitglieder zur Unterstützung der Vorhaben sind herzlich willkommen. Alle aufgeführten Aktivitäten erfolgten ausschließlich in ehrenamtlicher Tätigkeit. Eine Übersicht dazu und der Veranstaltungsplan 2012 sind auf den dreisprachig gestalteten Vereinsseiten unter www.schloss-zerbst-ev.de zu finden.
Auch für die kommenden Jahre sind weitere Sicherungsmaßnahmen zum Erhalt des denkmalgeschützten Zerbster Schlosses geplant, um den Verlust weiterer Originalsubstanz zu verhindern. Doch dazu bedarf es auch der finanziellen Unterstützung durch die Öffentliche Hand und weiterer Förderer. Parallel ist der Vereinsvorstand aktiv, um einen Investor mit einem geeigneten Konzept zu finden, das auch ein Stück Öffentlichkeit zulässt.
Die Mitglieder des Fördervereins Schloss Zerbst e. V. werden ihr bürgerschaftliches Engagement in hohem Maße fortsetzen, um das Barockgebäude, in dem Geschichte hautnah erlebbar ist, weiter mit Leben zu erfüllen und für nachfolgende Generationen zu bewahren.

Dirk Herrmann
Vorsitzender Förderverein Schloss Zerbst e. V.

In: Neue Stadtbaukultur, Jahrbuch 2011 — Stadtbild Deutschland, Norderstedt 2012, Seite 79—95


Zum Seitenanfang Zurück zur Publikationsübersicht Seite drucken