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Der Baumeister und Stuckateur Giovanni Simonetti
Die künstlerischen Leistungen der Architekten und Gestalter des Zerbster Schlosses, Teil II

Zum Ende der ersten Bauphase des Zerbster Schlosses verstarb 1693 der Baumeister und Ingenieur Cornelis Ryckwaert. Schon viele Jahre hatte er mit Giovanni Simonetti zusammengearbeitet, so auch an der Residenz der Fürsten von Anhalt-Zerbst. Deshalb lag es nahe, das der mit den Interna vertraute Simonetti das Zerbster Hofbaumeisteramt übernahm. Er vollendete das Corps de logis und nahm in einer zweiten Bauphase den Westflügel in Angriff. Darüber hinaus war er an vielen weiteren Bauaufgaben in Anhalt und Brandenburg-Preußen beteiligt.

Biographische Skizzen
Giovanni Simonetti wurde am 14. Dezember 1652 als Sohn des Maurermeisters Simone Simonetti in Roveredo im Schweizer Kanton Graubünden geboren. Wo er sein Handwerk - die Baukunst, die Bildhauerei und das Stuckateurhandwerk - erlernte, ist nicht zweifelsfrei überliefert. Einige Autoren geben Italien an, andere die Schule der aus Italien stammenden Carlone-Familie in Passau.
Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) berief analog Ryckwaert auch Simonetti nach Brandenburg. Er trat 1682 eine Stellung als Hofstuckateur an und erhielt am 10. Oktober 1683 eine Bestallung zum Hofmaurermeister. Ein Jahresgehalt stand ihm anfangs nicht zu, nur die geleisteten Arbeiten wurden vergütet.

  Marstall Schlossgarten Zerbst, Dienerschaftsgebäude des Marstalles, Fotografie 1990
Um 1683 heiratete Simonetti in Sagan die Kaufmannstochter Euphrosinia Hoffkuntz. Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor. 1685 baute Simonetti auf dem Werder an der Köllner Schleuse, im heutigen Zentrum Berlins, ein Haus für sich und seine Familie.
Auch unter Kurfürst Friedrich III. (1657-1713), dem späteren König Friedrich I. in Preußen, behielt er sein Amt bei. Laut Urkunde vom 15. Juni 1688 erhielt er nun ein festes Jahresgehalt von 400 Talern. Das Berliner Zunftprivileg als Stuckateur erhielt er am 20. April 1689.
Giovanni Simonetti gilt als führender Stuckateur des Früh- und Hochbarocks im mitteldeutschen Raum. Aus seinen vielfältigen Arbeiten resultierte ein beträchtliches Vermögen. Giovanni Simonetti verstarb am 4. November 1716 in Berlin im Alter von 63 Jahren.

Arbeiten an der Zerbster Residenz
Giovanni Simonetti kam im Rechnungsjahr 1690/91 erstmals an den Zerbster Hof, um die Baustelle des Corps de logis zu besichtigen. Von 1693 bis 1696 führte er die meisten Stuckaturen in diesem Trakt aus. Anschließend legte er den Schlossgraben sowie den Lustgarten hinter der fürstlichen Residenz an und errichtete an dessen Ende eine Lustgrotte.
Simonetti bekleidete ab Ostern 1694 das Amt des Anhalt-Zerbster Hofbaumeisters und wurde mit der Schlossbauleitung betraut. Durch seine vielfältigen Verpflichtungen hielt er sich aber nur zeitweise in Zerbst auf.
Von 1703 bis 1708 lag die Erweiterung des Schlosses um den Westflügel in seiner Zuständigkeit, für den er auch die Entwürfe lieferte. Parallel errichtete er die erste Orangerie im Zerbster Schlossgarten, die später den Namen "Kämmereigebäude" trug, sowie das Hofgärtnerhaus und begann mit dem Bau des Marstalls.

Simonettis Œuvre in chronologischer Reihenfolge

Kloster Niedernburg in Passau
Giovanni Simonetti tritt 1668 in Prag als Maurergeselle erstmals beruflich in Erscheinung. Seine dort ausgeführten Arbeiten sind jedoch unbekannt. Im Folgejahr ist er wohl an der Abtei der Benediktinerinnen in Passau, dem Kloster Niedernburg, beschäftigt.
Das Kloster wurde 1806 im Zuge der Säkularisierung aufgelöst und beherbergt seit 1836 eine Schule.

Palais Czernin in Prag
Das Palais Czernin wurde im Auftrag des Grafen Humprecht Johann Czernin von Chudenitz (1628-1682) von 1669 bis 1692 errichtet. Für das Jahr 1670 ist die Mitarbeit Simonettis dokumentiert.
In dem riesigen Palast, der mehrfachen Nutzungen und Umbauten unterworfen war, befindet sich heute das Außenministerium der Tschechischen Republik.

Werdersches Rathaus in Berlin
Von 1672 bis 1678 erbaute Simonetti vermutlich das Werdersche Rathaus. Es befand sich an der Südseite des Werderschen Marktes, der zwischen heutiger Friedrichwerderscher Kirche und Auswärtigem Amt lag.
Schon 1794 brannte das Rathaus ab, an seiner Stelle entstand die nicht mehr existente Berliner Münze.

Schloss Coswig/Anhalt
Der Coswiger Schlossbau, dem Witwensitz der Zerbster Fürstinnen, begann im Jahr 1670. Die Stuckdecken wurden wohl zwischen 1675 und 1678 ausgeführt. Vermutlich stammten sie von Simonetti und bildeten somit den Auftakt seiner Arbeit in Anhalt.
Durch die Nutzung als Strafanstalt und Archiv ging die Innenausstattung verloren. Nur Stuckfragmente des ehemaligen Saales im ersten Obergeschoss des Corps de logis sind erhalten.

Elisabethkapelle im Dom zu Breslau
Bei Erweiterungsarbeiten am Breslauer Dom fand Simonetti als Stuckateur erstmals urkundliche Erwähnung. Er war 1680 mit Stuckarbeiten in der St. Elisabethkapelle beschäftigt, die sich im Süden des Doms befindet. Die Kapelle wurde als Stiftung des Kardinals und Breslauer Bischofs Friedrich von Hessen-Darmstadt (1616-1682) als sein Mausoleum errichtet.
Trotz der schweren Kriegszerstörungen 1945 existiert die St. Elisabethkapelle im Wroc?awer Dom noch heute.

Schloss Berlin, Alabastersaal
Der Alabastersaal im Lynarschen Quergebäude des Berliner Schlosses entstand zwischen 1681 und 1685. Für die Ausgestaltung zeichnete der Maler Hendrik de Fromantiou verantwortlich, Simonetti soll 1681 ebenfalls beteiligt gewesen sein.
Der Saal wurde 1805 mit einer Zwischendecke versehen und diente als Möbel- und Bilderdepot. Die verbliebenen Dekorationen gingen mit der Zerstörung des Berliner Schlosses 1945 und dem Abbruch der Ruine 1950 verloren.

Schloss Schwedt/Oder
In der Zeit 1682/83 schuf Simonetti zahlreiche Stuckaturen im Corps de logis des Residenzschlosses in Schwedt/Oder für die brandenburgische Kurfürstin Dorothea Sophie.
Das mehrfach veränderte Schloss brannte 1945 aus und wurde 1962 abgerissen.

Schloss Hohenfinow
An der Ausgestaltung des Schlosses in Hohenfinow bei Eberswalde war um 1683 u. a. Giovanni Simonetti beteiligt.
Das dem Verfall preisgegebene Schloss wurde 1961/62 abgebrochen.

Junkerhaus in Frankfurt/Oder
Ryckwaert und Simonetti waren gemeinsam mit dem Um- und Ausbau des Junkerhauses in Frankfurt/Oder beschäftigt. Zwischen 1683 und 1690 führte Simonetti etliche kraftvolle Stuckaturen im Oderpavillon und im Verbindungsbau zum Haupthaus aus.
Im Junkerhaus sind bis heute 13 Stuckdecken und zwei Kamindekorationen im Oderpavillon erhalten und restauriert. Sie sind Bestandteil des Museums "Viadrina".

Schloss Köpenick in Berlin
Im Rahmen des Weiterbaus des Schlosses Köpenick unter der Leitung von Johann Arnold Nering, der bis 1690 währte, führten Giovanni Caroveri und Giovanni Simonetti Stuckaturen aus.
Im Köpenicker Schloss, in dem sich das Kunstgewerbemuseum befindet, sind etliche wertvolle Stuckdecken bis heute erhalten.

Schloss Oranienbaum
Von 1683 bis 1685 errichtete Ryckwaert das Hauptgebäude und die beiden Pavillons mit Verbindungsbauten des Schlosses Oranienbaum. Um 1685 wurde dann Simonetti tätig und führte die Stuckdekorationen im Corps de logis aus.
Die meisten Stuckdecken Simonettis im Obergeschoss des Schlosses sind erhalten und im Rahmen eines Museumsrundgangs zu sehen.

Alte Börse in Leipzig
Die Alte Börse am Leipziger Naschmarkt entstand von 1678 bis 1687 nach Plänen Johann Georg Starckes. In den Jahren 1686/87 gestaltete Giovanni Simonetti die ausdrucksstarke Stuckdecke im Saal der Börse, für die er 800 Taler erhielt. Die Decke galt als eine seiner besten Arbeiten.
Die 1943 zerstörte Decke wies große Parallelen zu der im Großen Saal des Zerbster Schlosses auf. Das Äußere des Gebäudes wurde ab 1955 wiederhergestellt und nachfolgend mehrfach restauriert.

Mühlendammhallen in Berlin
Nach einem Entwurf von Johann Arnold Nering erbaute Simonetti 1687/88 die Berliner Mühlendammhallen, auch als Mühlendammkolonnaden bezeichnet. Sie dienten als Verkaufseinrichtungen.
Nach einem Brand von 1759 wurden die Kolonnaden wiederhergestellt und aufgestockt. Im Zuge der durchgreifenden Regulierung der Spree wurde das Gebäude 1892 abgebrochen.

Schloss Barby
Ab 1687 errichtete Simonetti das Schloss in Barby für Herzog Heinrich von Sachsen-Weißenfels (1657-1728) nach Plänen Nerings und schuf auch Stuckdecken darin. Der Bau währte bis 1715. Seine Tätigkeitsdauer ist aber nicht spezifiziert.
Das mehrfach veränderte Schloss existiert noch. Schon 1737 wurde der Südflügel durch ein Feuer vernichtet und abgetragen, 1917 brannte der Nordflügel mit der von Simonetti ausgestalteten Kapelle aus. Nach verschiedenen Nutzungen befindet sich heute das Grundbucharchiv Sachsen-Anhalts im Schloss.

Jagdschloss Glienicke
Im Jahr 1677 erwarb Kurfürst Friedrich Wilhelm das Gut Glienicke und ließ von 1682 bis 1684 ein Jagdschloss von Charles Philippe Dieussart errichten. Die Stuckarbeiten im Jahr 1689 gehen wohl auf Simonetti und Tornielli zurück.
Das Schloss wurde mehrfach verändert und befindet sich heute im Besitz der Stadt Berlin.

Dom in Berlin
Der 1536 geweihte Berliner Dom südlich des Schlosses ging aus der Dominikanerkirche hervor. Im Jahr 1698 war Simonetti gemeinsam mit dem Hofbildhauer Johann Michael Döbel d. J. mit der Herstellung der neuen Kanzel im Chor des Doms beschäftigt.
Der preußische König Friedrich II. (1712-1786) ließ die baufällig gewordene Backsteinkirche abreißen und eine neue Kirche am Standort des heutigen Doms erbauen.

Bürgerhaus Junkerstraße 18 in Frankfurt/Oder
Das Bürgerhaus in der Frankfurter Junkerstraße Nr. 18 stammte aus der Renaissancezeit und wurde 1689 durchgreifend im Barockstil umgebaut. In diesem Zusammenhang erhielt das Innere einige eindrucksvolle Stuckdecken und Kamindekorationen, an deren Herstellung Simonetti maßgeblich beteiligt war.
Das Haus ging 1945 verloren.

Fürstenhaus in Berlin
Johann Arnold Nering errichtete 1689/90 ein Palais für den Minister Eberhard von Danckelmann (1643-1722) in der Berliner Kurstraße 52. Am Bau war auch Giovanni Simonetti beteiligt.
Im Jahr 1698 übernahm Kurfürst Friedrich III. das Gebäude. Es diente fortan der Unterbringung hohen Besuchs und trug seitdem die Bezeichnung "Fürstenhaus". Das Gebäude wurde 1886/87 abgebrochen.

Jerusalemskapelle bzw. Jerusalemskirche in Berlin
In der Zeit von 1689 bis 1693 erfolgte der Umbau und die Erweiterung der 1484 geweihten Jerusalemskapelle durch Simonetti.
Nachfolgend wurde die Berliner Kirche immer wieder verändert. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie 1961gesprengt.

Jägerhof in Berlin
Der kurfürstliche Jägerhof in Berlin, südwestlich des Werderschen Marktes, wurde 1690 bis 1699 von Johann Arnold Nering unter Beteiligung Simonettis erbaut. Er führte darin auch Stuckarbeiten aus.
Das Gebäude wurde mehrfach umgebaut und diente ab 1765 als Bank. Später entstand an gleicher Stelle das Reichsbankgebäude, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Schloss Groß Peterwitz
Das Renaissanceschloss im schlesischen Groß Peterwitz wurde um 1693 im Stil des Barock umgestaltet. Simonetti führte dort Stuckarbeiten, vermutlich die Pilaster der Fassade, aus.
Das Schloss im heutigen polnischen Piotrkowice diente nach dem Zweiten Weltkrieg als Schule. Heute steht das in Privatbesitz befindliche Barockgebäude leer und verfällt zusehends.

Schloss Zerbst, Corps de logis
Anfang des Jahres 1693 begann Simonetti die Stuckarbeiten im Haupttrakt des Zerbster Schlosses, die bis 1696 währten. Er schuf meisterhafte Dekorationen an Decken und Kaminen. Von 1694 bis 1696 war auch sein Bruder Martin mit der Ausführung von Stuckaturen im Schloss beschäftigt.
Die Stuckdekorationen gingen mit der Zerstörung des Schlosses weitgehend verloren, die verbliebenen Reste wurden mit der Sprengung des Haupttraktes 1948 bis 1952 vernichtet.

St. Trinitatiskirche in Zerbst
Ryckwaert hatte 1683 mit der Errichtung der St. Trinitatiskirche begonnen. Nach seinem Tod 1693 übernahm Simonetti den Innenausbau, der bis 1696 währte. Der mächtige Hochaltar mit eindrucksvollem Figurenschmuck stellt einen Glanzpunkt der Kirchenausstattung und seines Könnens dar. Nach seinen Entwürfen schufen der Bildhauer Abraham Conrad Puchau aus Dresden die Kanzel, der Bildhauer Tobias Wilhelmi aus Magdeburg das Orgelprospekt und der Bildhauer Ernst (Franz) Friedrich Lück den Fürstenstuhl.
Am 16. April 1945 wurde die Kirche stark zerstört. Beim Wiederaufbau konnte vom Interieur nur der Hochaltar rekonstruiert werden, der den Brand weitestgehend überstanden hatte.

Schloss Oranienburg
Das Oranienburger Schloss wurde für die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, Louise Henriette (1627-1667), ab 1651 errichtet. König Friedrich I. ließ es ab 1689 von den Baumeistern Johann Arnold Nering und Johann Friedrich Eosander erweitern und kostbar ausstatten. Von 1694 bis 1697 führte Simonetti Stuckarbeiten im Schloss aus.
Durch Fremdnutzungen und umfangreiche Veränderungen gingen fast alle Stuckdecken im Schloss verloren. Nach der umfassenden Restaurierung wurde 1999 eine erste Ausstellung gezeigt, das Schlossmuseum eröffnete im Jahr 2002.

St. Marienkirche in Torgau
Die gotische Hallenkirche in Torgau stammt aus dem 14. Jahrhundert. Der barocke Hochaltar im Chor entstand 1694 bis 1698 nach einem Entwurf Simonettis. Die Herstellung erfolgte unter seiner Leitung durch Santino Caprani und deutschen Meistern. Der Altar wurde 1697 in der Kirche aufgestellt und erhielt ein Jahr später zwei Bildtafeln.
Der noch existierende Hochaltar weist eine verblüffende Ähnlichkeit zum Altar in der Zerbster Trinitatiskirche auf.

Johanniterordenshaus in Frankfurt/Oder
Das Johanniterordenshaus in der Frankfurter Junkerstraße wurde 1538 vom Johanniterorden als Absteigquartier erworben und 1694 an den kurfürstliche-brandenburgischen Kriegs- und Proviantkommissar Sohr verkauft. Dieser ließ das alte Gebäude abreißen und 1696 bis wohl 1698 einen neuen Barockbau errichten. Die reichen Stuckdecken und Kamindekorationen wurden zum größten Teil von Simonetti ausgeführt.
Das Haus brannte 1945 aus und wurde später abgebrochen.

St. Bartholomäikirche in Zerbst
Die Anfänge der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi in Zerbst reichen bis in die Zeit der Romanik zurück. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde sie im Stil der Renaissance großzügig erweitert. Von 1697 bis 1702 stellte Simonetti das prächtige Orgelprospekt und den üppig verzierten Fürstenstuhl her.
Mit dem Brand der St. Bartholomäikirche 1945 gingen die Arbeiten Simonettis vollständig verloren. Der sanierte Chorraum ging 1950 wieder in Nutzung, 1985 bis 1990 erfolgten weitere Sanierungsarbeiten.

Akademie der Künste in Berlin
Der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. gründete 1696 die "Academie der Mahler-, Bildhauer- und Architectur-Kunst". Ihren ersten Sitz hatte sie im Marstallgebäude Unter den Linden. Unter Leitung von Martin Grünberg erfolgte 1696 bis 1700 die Erweiterung des Gebäudekomplexes. Im Jahr 1698 war Simonetti dort tätig.
Das Haus brannte 1743 aus, anschließend wurde ein neues Akademiegebäude an der Stelle der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin errichtet.

Residenz Zerbst, Schlossgraben
Nördlich des Schlosshaupttraktes erstreckte sich eine unbefestigte Wasserfläche, die Simonetti in den Jahren 1698 bis 1702 begradigen und mit Eichenholz einfassen ließ. Außerdem wurde eine hölzerne Brücke errichtet, die über den Schlossgraben führte und die Verbindung zwischen der Residenz und dem im Entstehen befindlichen nördlichen Lustgarten herstellte.
Die große, mit Sandstein verblendete Bastionsmauer entstand erst unter dem Baumeister Schütze. Mit der Sprengung des Schlosses wurde der Graben verlegt und die Mauer beseitigt.

Residenz Zerbst, Lustgrotte
Von um 1699/1700 bis 1702 entstand am Ende des nördlichen Lustgartens die Lustgrotte. Simonetti lieferte als Hofbaumeister die Pläne dazu und führte wohl auch die Bauleitung. Der Komplex umfasste einen Mittelpavillon und zwei seitliche Pavillons auf quadratischen Grundrissen. Zwei elliptisch geformte Gänge mit Rundbogenfenstern verbanden die Pavillons untereinander. Im Innern befand sich eine Grotte.
Anstelle der Lustgrotte errichtete Schütze ab 1735 die Hauptorangerie, von der bis heute Reste erhalten sind.

Adelshaus in Coswig/Anhalt
Im Jahr 1699 entstand in Coswig/Anhalt ein zweigeschossiges Adelshaus in Fachwerkbauweise. Die Innenräume wurden mit Stuckdecken geschmückt, die nach neuesten Forschungen Simonetti und seiner Werkstatt zugeschrieben werden.
Das Gebäude in der Zerbster Straße wurde unterschiedlich genutzt und war nach Leerstand vom Abbruch bedroht. Der Verein Schloss Coswig (Anhalt) e. V. hat das Simonetti-Haus 2007 übernommen und arbeitet schrittweise an der Sanierung.

Schloss Berlin
Zu einem Höhepunkt der Tätigkeit Simonettis zählt die Beteiligung an der Ausführung der prächtigen Stuckausstattung des Berliner Schlosses. Von 1699 bis um 1707 fertigte er zahlreiche Dekorationen in mehreren Sälen und Kabinetten des Schlosses nach Entwürfen und unter Leitung des Architekten Andreas Schlüter an. Zu den herausragenden, nachweislich von seiner Hand stammenden Stuckarbeiten zählen die vier Erdteile im Rittersaal, der Gigantensturz im Großen Treppenhaus und die Atlanten im Elisabethsaal.
Mit der Zerstörung des Schlosses 1945 und dem Abbruch der Ruine 1950 gingen seine dortigen Arbeiten unwiderruflich verloren.

Werdersche Kirche in Berlin
Die Werdersche Kirche entstand durch den Umbau des kurfürstlichen Reithauses. Die Entwürfe stammten von Martin Grünberg, die Ausführung lag in den Händen von Simonetti. Der Bau erfolgte in der Zeit 1700/01. Der Nordteil der Doppelkirche war für die kalvinistische französischsprachige Gemeinde bestimmt, der südliche Bereich für die deutschsprachige.
An Stelle der Doppelkirche erbaute Schinkel 1824 bis 1830 die Friedrichwerdersche Kirche. Die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Kirche wurde rekonstruiert.

Königliches Palais in Magdeburg
Auf den Trümmern des erzbischöflichen Palais an der Ostseite des Magdeburger Domplatzes wurde in den Jahren 1700 bis 1702 das Königliche Palais für den brandenburgischen Kurfürsten bzw. preußischen König errichtet. Es soll unter der Leitung Simonettis entstanden sein.
Das ab 1714 von Regierungsbehörden genutzte Barockgebäude Domplatz Nr. 2/3 wurde 1880 aufgestockt und mehrfach verändert. Die Fassade wurde beim Wiederaufbau nach der Kriegsbeschädigung beibehalten. Seit 1991 ist das Gebäude Sitz von Ministerien Sachsen-Anhalts.

St. Nikolaikirche in Coswig/Anhalt
Die St. Nikolaikirche stammt in Teilen noch aus der Zeit der Romanik. Nach Erweiterungen in der Gotik erhielt die Kirche 1699 bis 1706 weitgehend ihre heutige Gestalt. Die Turmspitze kam erst im 19. Jahrhundert hinzu. Simonetti fertigte 1701 den Taufstein mit Putten an.
Der Taufstein ist erhalten und ziert noch immer das Kircheninnere.

Neue Kirche (Deutsche Kirche / Deutscher Dom) in Berlin
Die Neue Kirche am Gendarmenmarkt in Berlin wurde für die deutsche Gemeinde der Friedrichstadt von 1701 bis 1708 errichtet. Die Pläne lieferte der Baumeister Martin Grünberg, die Ausführung oblag Giovanni Simonetti.
Den Kuppelturm fügte Carl von Gontard erst 1780 bis 1785 hinzu. Die Barockkirche wurde wegen Baufälligkeit 1881/82 abgerissen und im Stil des Neobarock wiederaufgebaut. Das 1943 durch Brand beschädigte Bauwerk wurde ab 1982 rekonstruiert.

Residenz Zerbst, nördlicher Lustgarten
Das Sumpfgebiet, das sich nördlich der Zerbster Residenz erstreckte, wurde trockengelegt und ab dem Rechnungsjahr 1702/03 in einen Lustgarten umgewandelt. Die Pläne dazu stammten vom Hofbaumeister Simonetti, die Umsetzung erfolgte unter der Leitung des Hofgärtners Johann Gottfried Unger. Es entstand ein mehrteiliges Broderieparterre, das seitlich von zwei Baumgärten eingefasst war. Außerdem wurden vier Sandsteinstatuen, die vier Elemente symbolisierend, aufgestellt. Die Arbeiten fanden im Rechnungsjahr 1705/06 ihren vorläufigen Abschluss.
Der nördliche Lustgarten wurde in der Folgezeit mehrfach erneuert und umgestaltet. Mit der Umformung des Schlossgartens in einen englischen Landschaftspark 1798/99 entstand an der Stelle des Lustgartens eine Wiese.

Schloss Großmühlingen
Das in Teilen aus der Renaissancezeit stammende Schloss in Großmühlingen diente den Grafen von Barby als Residenz, ab 1659 gehörte es zu Anhalt-Zerbst. Der Entwurf zum Umbau des Schlosses von 1697 stammte von Simonetti. Der Zerbster Regent Carl Wilhelm ließ von 1702 bis 1704 den Mittelbau errichten und den Westflügel umbauen. Vermutlich oblag Simonetti die Bauleitung. Ab 1705 diente das Schloss Fürst Anton Günther (1653-1714), einem Bruder Carl Wilhelms, und seiner Frau als Wohnsitz.
Das kleine, mehrere Baustile aufweisende provinzielle Schloss wurde 1797 in einem Amtssitz umgewandelt und befindet sich heute in Privatbesitz.

Schloss Zerbst, Westflügel
Mit dem Entwurf zum Westflügel des Zerbster Schlosses folgte Simonetti dem ursprünglichen Grundkonzept Ryckwaerts. Der Grundstein zum neuen Trakt wurde am 16. April 1703 gelegt. Die Bauleitung lag bis zur Entlassung als Anhalt-Zerbster Baumeister im Jahr 1708 in Simonettis Händen. Die gänzliche Innutzungnahme des Westflügels erfolgte erst mit der Einweihung der Schlosskapelle am 18. Oktober 1719.
Der Westflügel wurde 1945 zerstört und ab 1948 gesprengt und abgetragen.

Residenz Zerbst, Kämmereigebäude
Ab 1704 konzipierte und errichtete Simonetti ein Gewächs- und Gärtnerhaus. Im großen Mittelsaal führte er selbst Stuckaturen aus. Die erste Orangerie im Zerbster Schlossgarten ging 1709 in Nutzung.
Eine im 19. Jahrhundert integrierte Wollkämmerei verlieh dem Haus den Namen "Kämmereigebäude". Das Bauwerk und die Stuckdecke waren bis 1945 erhalten. Mit der Vernachlässigung des beschädigten Gebäudes und der Freigabe als Materialspender wurde schnell eine Ruine daraus, die schließlich dem Abbruch anheim fiel.

Lustschloss Friederikenberg
Am 3. September 1704 erfolgte die Grundsteinlegung zum Lustschloss Friederikenberg bei Tochheim an der Elbe. Da die Schlossanlage zu Beginn aus der Privatschatulle des Zerbster Erbprinzen Johann August finanziert wurde, sind keine Details über den Fortgang der ersten Bauphase überliefert. Die Entwürfe dafür stammten wohl größtenteils vom Hofbaumeister Simonetti.
Der Komplex mit Lustschloss, Orangerien und Barockgärten wurde später durch den Baumeister Schütze mehrfach umgebaut und erheblich erweitert. Die baufällige Anlage wurde nach 1833 bis auf das Eingangsportal abgetragen.

Residenz Zerbst, Hofgärtnerhaus
Ein weiteres Zerbster Gebäude, das unter Simonetti entstand, war das schlichte, aber wohlproportionierte Hofgärtnerhaus von 1705/06. Er war sicher auch der Entwerfer des Hauses, da die Ausführung in seinem Zuständigkeitsbereich als Hofbaumeister lag.
Das Gebäude in der Käsperstraße ist in seiner Grundstruktur bis heute erhalten.

Residenz Zerbst, Marstall
Für den Entwurf des Baukomplexes aus Wagenhaus und Reitstall, der ab 1707 westlich des Zerbster Schlosses entstand, zeichnete ebenfalls Simonetti verantwortlich. Die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte erst 1713, nachdem er bereits den Zerbster Hof verlassen hatte.
Der nördliche Gebäudeteil, der Reitstall, wurde bereits um 1877 abgetragen. Der südliche Bereich, in dem sich der Kutschstall und die Remise befanden, ging durch Vernachlässigung und Materialentnahme sowie späteren Blitzeinschlag fast völlig verloren. Das ehemalige Gesindehaus in der Mitte war noch viele Jahre nach dem Krieg bewohnt, ist aber durch Leerstand und Vandalismus sehr stark vom Verfall bedroht.

Dompropstei in Magdeburg
Im Jahr 1706 ließ der Magdeburger Dompropst Herzog Heinrich von Sachsen-Barby (1657-1728) die alte Dompropstei abreißen und an gleicher Stelle einen barocken Neubau errichten. Als Bauleiter fungierte der Ingenieurhauptmann Gerlach, der vermutlich nach Plänen des Baumeisters Christoph Pitzler arbeitete. Im Jahr 1708 übernahm Simonetti die Bauleitung und führte gemeinsam mit anderen Meistern Stuckaturen im Innern aus. Der Barockbau war 1713 vollendet.
Das Gebäude Domplatz 10 wurde im 19. Jahrhundert mehrfach verändert und 1945 völlig zerstört.

Resümee
Der Baumeister und Stuckateur Giovanni Simonetti war ein sehr vielseitiger und hoch begabter Fachmann, der Bauwerke und Dekorationen von höchster Qualität schuf. Er galt in der Zeit, als der Baumeister Andreas Schlüter für Brandenburg-Preußen tätig war, als der am meisten beschäftigte und bedeutendste Stuckateur. Ebenso beeinflusste er die barocke Baukunst in Anhalt-Zerbst maßgeblich und führte sie zu einer ersten Blüte. Seine exzellenten Stuckarbeiten im Berliner und im Zerbster Schloss gingen wie viele andere seiner Werke im Zweiten Weltkrieg verloren. Resümierend stellte Mario Titze in einem Beitrag treffend fest: "Simonetti war der alles überragende Stuckateur des Früh- und Hochbarock im mitteldeutschen Raum."

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 2013, Seite 124—141


Literatur:
Ausstellungskatalog, Oranienbaum - Huis van Oranje, Dessau 2003.
Ausstellungskatalog, Preußische Königsschlösser in Berlin und Potsdam, Leipzig 1992.
Peter Bahl, Der Hof des Großen Kurfürsten, Köln 2001.
Johann Christoff Beckmann, Historie des Fürstenthums Anhalt Zerbst 1710/16.
Ludwig Böer, Das ehemalige Schloß in Schwedt/Oder und seine Umgebung, Augsburg 1979.
Brandenburgischer Provinzialverband, Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg, Band VI, Teil 2: Die Kunstdenkmäler der Stadt Frankfurt a. O., Berlin 1912.
Horst Dauer, Schlossbaukunst des Barock von Anhalt-Zerbst, Köln/Weimar/Wien 1999.
Götz Eckardt, Schicksale deutscher Baudenkmale im zweiten Weltkrieg, München 1978.
Hermann Heckmann, Baumeister des Barock und Rokoko in Brandenburg-Preußen, Berlin 1998.
Dirk Herrmann, Der Zerbster Schloßgarten und seine Gebäude. In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Heft 14, Halle/Saale 2005.
Dirk Herrmann, Schloss Zerbst in Anhalt, Regensburg 2005.
Guido Hinterkeuser, Das Berliner Schloss, Berlin 2003.
Uwe Kieling, Berlin - Baumeister und Bauten, Berlin/Leipzig 1987.
Wilhelm Mila, Berlin oder Geschichte des Ursprungs …, Berlin/Stettin 1829.
Hans Müller, Dome - Kirchen - Klöster, Berlin/Leipzig 1984.
Max Pfister, Baumeister aus Graubünden. Wegbereiter des Barock, München, Zürich 1993.
Mario Titze, Die Geburtsstunde des Barock in Anhalt, In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Heft 18, Halle/Saale 2009.
Sabine Ullrich, Die Geschichte des Magdeburger Domplatzes, Magdeburg 2001.
Waltraud Volk, Historische Straßen und Plätze heute - Berlin, Berlin 1978.
Arnold M. Zendralli, Graubündener Baumeister und Stukkatoren in deutschen Landen zur Barock- und Rokokozeit, Zürich 1930.
Zerbster Heimatverein, Zerbst in Anhalt - Ein Stadtführer, Zerbst/Anhalt 2009.

Internet:
www.adk.de
www.archinform.net
www.architekturmuseum.ub.tu-berlin.de
www.baufachinformation.de
www.berlin.de
www.burgeninventar.de
www.coswigonline.de
www.deutsche-biographie.de
www.evkirchetorgau.de
www.luise-berlin.de
www.magdeburg.de
www.museum-viadrina.de
www.potsdam-chronik.de
www.sachsen-anhalt.de
www.schloss-zerbst.de
www.simonettihaus.de
www.spsg.de
www.stadtgeschichtliches-museum-leipzig.de
www.stiftung-torgau-oschatz.de
www.viadrina.de
www.wikipedia.de

Simonettis Œuvre Giovanni Simonettis Œuvre, Grafik von Dirk Herrmann


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