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Künstler aus Brandenburg-Preußen in Zerbst

Das kleine Fürstentum Anhalt-Zerbst unterhielt über die Jahrzehnte seines Bestehens von 1603 bis 1793 stets recht umfangreiche künstlerische Beziehungen zu den umliegenden Ländern. Es bestanden bedeutende Kontakte zu Preußen, Sachsen und Schlesien.
Bereits Ende des 16. Jahrhunderts war die Künstlerfamilie Niuron, die aus Schlesien stammte, in Anhalt tätig. Der Baumeister Franz Niuron errichtet im frühen 17. Jahrhundert unter Fürst Rudolph von Anhalt-Zerbst (1576-1621) ein neues Gebäude innerhalb des Burgkomplexes der Residenzstadt Zerbst im Stil der Renaissance. Außerdem leitete er den Schloßbau in Köthen.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts berief Fürst Johann August (1677-1742) den hervorragenden Baumeister Johann Christoph Schütze (gest. 1765) aus Sachsen-Weißenfels nach Zerbst. Er war für 22 Jahre fürstlicher Hofbaumeister und lieferte später darüber hinaus als polnisch-sächsischer und königlich-kurfürstlicher Architekt Arbeiten und Entwürfe nach Zerbst.

  Schlossanlage, Südseite Schlossanlage, Südseite (um 1930)
Seine Hauptwerke waren die Erweiterung des Schlosses Friederikenberg bei Tochheim und des Residenzschlosses in Zerbst. Den Friederikenberg baute er zu einer großzügigen Schloß- und Gartenanlage im Stil der Zeit aus. In Zerbst errichtete Schütze den Turm des Schlosses, der von da an die Schloßanlage bestimmte, und erweiterte den Westflügel um einen Anbau nach Süden. Außerdem existierten bis 1945 einige Zimmereinrichtungen im Schloß, die nach seinen Entwürfen angefertigt waren. Auch die barocke Gestaltung des Schloßgartens, ab 1798 auf Veranlassung des Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) in einen englischen Landschaftspark umgewandelt, ging auf Entwürfe von Schütze zurück. Er errichtete ebenfalls die dortige Reitbahn, die Orangerie und andere Gebäude.
Aber auch zu entfernten Ländern bestanden Kontakte, so nach Saarbrücken durch den in Zerbst geborenen Baumeister Friedrich Joachim Michael Stengel (1694-1787). Angeregt von den Formen des Schlosses und der St. Trinitatiskirche in Zerbst errichtete er das Schloß in Saarbrücken und die dortige Ludwigskirche. Für das Fürstenhaus Anhalt-Zerbst lieferte er Pläne zum Schloß Dornburg.

Die Verbindungen zu Anhalt-Zerbst waren wechselseitig. Bereits namhafte Künstler wurden in das Fürstentum berufen bzw. gingen von hier mit erweiterten Fähigkeiten in die nähere und weitere Umgebung. Es ist noch heute erstaunlich, welche hervorragenden und bedeutenden Persönlichkeiten für die Tätigkeit in Zerbst gewonnen werden konnten und welche hochwertigen Werke hier entstanden.
Die Beziehungen von Anhalt-Zerbst zu Brandenburg-Preußen waren durch dynastische Verbindungen, die geographisch aneinandergrenzende Lage, die politische und enge militärische Bindung sowie wirtschaftliche Beziehungen besonders intensiv. Deshalb wurden mehrere Künstler, die in den Diensten der brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige standen, auch für das Zerbster Fürstenhaus tätig.

Der Auftakt der Barockzeit in Zerbst erfolgte mit dem aus Holland stammenden Ingenieur und Baumeister Cornelis Ryckwaert (gest. 1693), der von 1675 an urkundlich in Anhalt-Zerbst nachweisbar ist. Seine Kunst war durch den niederländischen Architekten Peter Post beeinflußt, er entstammte vermutlich sogar dessen Schule. Seine Tätigkeit beschränkte sich nicht nur auf den Schloß- und Kirchenbau, er entwarf auch Pläne für Stadt- und Festungsanlagen. Er baute für den Fürsten Moritz von Nassau das Schloß Sonnenburg in der Neumark. Nach Vollendung des Schloßbaus 1667 trat er in die Dienste des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm (1620-1688) und wurde Festungsbauleiter in Küstrin. Kurze Zeit später entstand in Schwedt/Oder nach seinem Entwurf und unter seiner Leitung das Corps de logis des später erweiterten Schlosses. Auch die regelmäßig-barocke Stadtanlage hatte er nach einem Brand von 1684 neu geschaffen.
Im Auftrage des Fürsten Carl Wilhelm von Anhalt-Zerbst (1652-1718) begann 1681 der Neubau des Residenzschlosses. Die alte Burganlage aus der Renaissancezeit, im Dreißigjährigen Krieg stark vernachlässigt, war baufällig geworden und entsprach den neuen Ansprüchen einer Hofhaltung und dem Repräsentationsbedürfnis nicht mehr. Für Zerbst hatte Ryckwaert eine barocke Dreiflügelanlage entworfen, deren Bau er teilweise persönlich leitete. Am 31. Mai 1681 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung zum Corps de logis. Parallel zu diesem baute er die St. Trinitatiskirche und das Schloß Oranienbaum. Die Vollendung dieser Bauten erlebte Ryckwaert jedoch nicht mehr. Nach seinem Ableben 1693 übernahm der Stukkateur Giovanni Simonetti die Fertigstellung der Inneneinrichtung des Corps de logis. Die Einweihung des neuen Schlosses fand am 23. Juni 1696 statt. Der Bau im schlichten, holländischen Stil entsprach genau dem Zeitgeschmack.
Der gebürtige Italiener Giovanni Simonetti (1652-1716) wurde 1694 anhalt-zerbstischer Baumeister und somit der Nachfolger Ryckwaerts. Er hatte bereits an mehreren Schloßprojekten unter Ryckwaert gearbeitet und stand wie er in kurfürstlich-brandenburgischen Diensten. Zu seinen besonderen Leistungen gehörte die teilweise Ausgestaltung des Berliner Stadtschlosses mit Stukkaturen unter dem Baumeister Andreas Schlüter (1659-1714). Aber auch viele andere profane und sakrale Bauten in Berlin hatte der Meister stuckiert. Bereits 1690/91 war er zum ersten Mal persönlich in Zerbst, um die Ausgestaltung der Säle und Gemächer des Schlosses abzusprechen. Sämtliche Decken und Kamine im Corps de logis trugen seine Handschrift. Eine wahre Meisterleistung stellte die Decke des Großes Saales, des Haupt- und Festsaales des Schlosses, in üppigen, schwungvollen Formen dar. Im Ensemble mit den Deckengemälden des Hofmalers Andreas Bodan (1656-1696), gebürtig aus Mühlhausen, war es wohl eine seiner schönsten und wertvollsten Schöpfungen.
Der vermutlich aus Berlin nach Zerbst berufene Maler Bodan hatte außerdem auf Leinwand gemalte Szenen aus der griechisch-römischen Mythologie gemalt, die die Wände des Saales schmückten. Für diese großflächigen Wandgemälde erhielt er 2880 Taler. Bodan war bereits 1682 in Zerbst und lieferte das Porträt einer Fürstin, ab 1692/93 bekam er das Gehalt eines Hofmalers in Höhe von 200 Talern jährlich. Bis zu seinem Ableben blieb er in Zerbster Diensten. Neben Bodan war der ebenfalls aus Berlin stammende Hofmaler Christoph Witthauer in den Jahren 1691 bis 1696 am Zerbster Fürstenhof. Auch er fertigte in einigen Räumen des ersten Obergeschosses des Corps de logis Deckengemälde an. Zu seinen Aufgaben gehörte aber auch das Porträtieren fürstlicher Personen für die Galerien des Schlosses.
Als Baumeister begann der Stukkateur Giovanni Simonetti 1705 mit der Errichtung des Westflügels des Schlosses, den er in Anlehnung an den Ryckwaertschen Plan ausführte. Der Grundstein zum Schloßtrakt wurde bereits am 16. April 1703 gelegt. Den gesamten Bau mit Schloßkapelle und Fürstengruft hatte er jedoch nur bis 1708 begleitet, der innere Ausbau erfolgte bis um 1720. Weitere Zerbster Werke Simonettis waren die Errichtung und die Ausführung der Stukkaturen des Kämmereigebäudes im Schloßgarten, die Ausstattung der St. Trinitatiskirche und der St. Bartholomäikirche.
Zur Ausschmückung der fürstlichen Gemächer des Schlosses bestellte das Zerbster Fürstenhaus auch Gemälde in Berlin. Der dortige Kammerjunker, Hofmaler und Direktor der Kunstakademie Theodor Lubienitzki, ein gebürtiger Pole, der seine Kunst bei deutschen, holländischen und italienischen Meistern erlernt hatte, erhielt Aufträge vom Zerbster Hof. Der namhafte königlich-preußische Künstler fertigte 1697/98 ein Porträt des regierenden Fürsten Carl Wilhelm (1652-1718) und ein Landschaftsgemälde an sowie 1701/02 vier Gemälde mit der Darstellung der vier Jahreszeiten.
Die Stellung als Anhalt-Zerbster Baumeister trat 1714 der Berliner Baukondukteur J. A. Behr an. Zuvor hatte Johann Martin Tütleb für drei Jahre dieses Amt inne. Unter Behrs Aufsicht wurden der Westflügel und die Schloßkapelle vollendet. Im Jahre 1720 begann der Bau des Schloßturmes, ebenfalls unter seiner Führung. Nach den ersten Arbeiten zum Turm entband man ihn von der Funktion als Bauleiter. Es ist nur zu vermuten, daß die Fürsten mit seiner Tätigkeit bzw. mit dem Aussehen des Turmes nicht zufrieden waren. Sein Nachfolger wurde der schon genannte Baumeister Johann Christoph Schütze.
Für den Baumeister Behr verzeichnen die Zerbster Kammerrechnungen ein jährliches Gehalt in Höhe von 195 Talern bis zum Jahre 1722. Welchen konkreten künstlerischen Anteil er am Zerbster Schloßbau hatte, bleibt im Dunkeln. Im Vordergrund standen wahrscheinlich technische und verwalterische Aufgaben. Ein von ihm gezeichneter Plan der Stadt Zerbst von 1714 mit der Ansicht jedes einzelnen Hauses und Gartens ist als Stich im Geschichtswerk von Johann Christoph Beckmann "Historie des Fürstenthums Anhalt", zu sehen.
Nach einer längeren Pause, in der sächsische Einflüsse das Baugeschehen und die Kunst am Zerbster Hof bestimmten, wurden die künstlerischen Beziehungen zu Brandenburg-Preußen ab 1744 wieder intensiver. Im Rokoko erreichten sie ihren Höhepunkt.
Unter der Regierung der Fürsten Johann Ludwig (1688-1746) und Christian August (1690-1747) erging der Auftrag zur Vollendung der Schloßanlage. Die Vorarbeiten von 1743 bestanden im Abbruch der noch stehenden Gebäude der alten Renaissanceburg und der folgenden Aushebung des Grundes zum Ostflügel (steht heute als Ruine). Mit der Ausmessung des Baugrundes und der Grundsteinlegung am 13. Juni 1744 begannen die Bauarbeiten unter der Leitung des königlich-preußischen Bauinspektors Johann Friedrich Friedel (1721/22 - nach 1798). Er war vermutlich ein Mitarbeiter im Baubüro des genialen Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753). Bis auf einige Berliner Werke und seine Tätigkeit in Zerbst ist über sein Schaffen nichts bekannt. Am Ostflügel des Zerbster Schloßbaus, 1747 im Rohbau vollendet, war Friedel bis 1748 beschäftigt. Der innere Ausbau des Schlosses zog sich dagegen noch bis um 1757 hin, die obere Etage blieb sogar unvollendet. Während seines Zerbster Aufenthaltes bewohnte er ein Haus, dessen Miete die fürstliche Kammer bezahlte. Friedel hatte sämtliche Bauzeichnungen für das Äußere und das Innere des Schloßbaus angefertigt. Zwei Ansichten des gesamten Schlosses von Süden und mehrere Grundrisse, die nachweislich seiner Hand entstammten, sind bis heute erhalten. Als Lohn erhielt er 15 Taler monatlich für die Bauaufsicht, Geld für die Anfertigung von Bauzeichnungen, Reisekosten und Materialgeld. Das äußere Erscheinungsbild der gesamten Schloßanlage und die Ausstattung von Corps de logis und Westflügel waren vom Barock geprägt, während sich im Innern des Ostflügels das friderizianische Rokoko mit seinen verspielten Formen voll entfaltete. Mit der Errichtung des Ostflügels fand der Zerbster Schloßbau seinen krönenden Abschluß.
Die Innenausstattungen des Ostflügels und eines kleinen Teils des ersten Obergeschosses des Corps de logis waren besonders wertvoll. Der königlich-preußische Bildhauer und Dekorateur Johann Michael Hoppenhaupt d. Ä. (1709 - nach 1750), der ein wahrer Meister friderizianischer Raumkunst war, konnte für die Ausgestaltung von sechs Zimmern verpflichtet werden. Er schuf somit die bedeutendsten und kostbarsten Innendekorationen des Schlosses. Der in Berlin ansässige Bildhauer hatte bereits unter Knobelsdorff zahlreiche Zimmereinrichtungen in den Schlössern des Königs Friedrich II. von Preußen (1712-1786) geschaffen. Meisterwerke seiner Kunst befanden sich im Berliner und im Potsdamer Stadtschloß. Noch heute kann man Zeugnisse seiner Fertigkeiten in den Schlössern Sanssouci und Charlottenburg bewundern. Gegen Ende seines Aufenthaltes in Preußen gab er eine Stichfolge zu verschiedenen dekorativen Innenausstattungen mit seinen kreativsten Ornamentschöpfungen heraus. Entwürfe daraus hatte sein Bruder Johann Christian im Neuen Palais in Potsdam umgesetzt. Für den Zerbster Schloßbau war Johann Michael Hoppenhaupt in den Jahren 1746 bis 1749 tätig. Die von ihm in Berlin angefertigten Zimmerdekorationen wurden nach Zerbst transportiert und hier von heimischen Handwerkern in die Gemächer eingebaut. Aber auch zahlreiche Möbel zur Ausstattung der Räume hatte er für den Zerbster Hof hergestellt. Höhepunkte seines Schaffens stellten der Audienzsaal des Fürsten, das Blaue Kabinett und das reizvolle Zedernkabinett dar. Für den Audienzsaal erhielt er 2500 Taler und für das kleine, aber kostbare Zedernkabinett sogar 2600 Taler. Es ist eine Perle friderizianischer Raumkunst, deren ausgezeichnete Qualität durchaus mit den Raumschöpfungen in den Berliner und Potsdamer Schlössern vergleichbar, wenn nicht ihnen ebenbürtig war.
An der Ausgestaltung der Räume war auch ein Kunstmaler namens Nikolaus Bruno Belau (1684-1747) beteiligt, ein Schüler des Augustin Terwesten aus Berlin. Er hatte unter anderem Deckengemälde im Berliner Stadtschloß und am kaiserlichen Hof in Wien geschaffen. In Zerbst fertigte er in den Jahren 1746/47 die Deckengemälde im Audienzsaal und im Schlafzimmer, neben einigen kleinen Bildern seine letzten Arbeiten überhaupt.
Für die Ausstattung des Schlosses wurden in Berlin auch zahlreiche, zum größten Teil sehr kostbare Gegenstände wie Kronleuchter, umfangreiches Mobiliar, Damast, Atlas und Taft sowie erlesene Tapeten aus der bekannten Berliner Manufaktur des Charles Vigne erworben.
Die einer großen Künstlerfamilie entstammende Malerin Anna Rosina Lisiewska, verheiratete Matthieu, später de Gasc (1713-1783) hinterließ auf den Stationen ihres Schaffens in Berlin, Braunschweig, Dresden und in Holland zahlreiche Werke. Im Zerbster Auftrag hatte sie 1757 für eine Schönheitengalerie des Schlosses 40 Damen des Hofes porträtiert. Außerdem fertigte sie zwei große Porträts, auf denen Fürst Friedrich August von Anhalt-Zerbst (1734-1793) und seine erste Gemahlin Karoline Wilhelmine Sophie (1732-1759) dargestellt waren, für den Audienzsaal im Ostflügel an. 1663/64 erhielt sie 306 Taler für weitere Porträts.

Die vielfältigen Beziehungen des Zerbster Fürstenhauses zum brandenburg-preußischen Hof hatten für die Entwicklung der anhaltischen Architektur und Kunst große Bedeutung. Darüber hinaus wirkten die Zerbster Schöpfungen auch auf die Entwicklungen in Brandenburg-Preußen zurück. Anhalt-Zerbst nahm hier eine besondere, führende Stellung unter den kleinen deutschen Fürstentümern ein. Die intensiven Bemühungen der Zerbster Fürsten um namhafte Baumeister und Künstler spiegelt deren Ehrgeiz wieder, stets auf dem "modernsten" Stand zu sein und die qualitativ hochwertigsten Arbeiten zu besitzen. Trotz der begrenzten Mittel des kleinen Fürstenhauses entstand mit dem Zerbster Schloß eine großartige, überregional bedeutende Meisterleistung.

Dirk Herrmann

In: Zerbster Heimatkalender 1997, Seite 42—48


Quellen:
van Kempen, Wilhelm: Die künstlerischen Beziehungen Anhalts zu Berlin und zur Mark Brandenburg, In: Askania 31, Köthen 1933
Herrmann, Dirk: Schloß Zerbst in Anhalt — Geschichte und Beschreibung eines Schlosses der Barock- und Rokokozeit, Halle 1998
Thieme, Ulrich; Becker, Felix: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, Leipzig 1907-1950


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